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Was uns neue Virenproben über die Spanische Grippe verraten
Aus Wissenschaftsmagazin vom 23.05.2022.
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Neue Erkenntnisse Die Spanische Grippe: Warum war sie so schlimm?

Pandemien sind immer noch erstaunlich schlecht verstanden. Auch die Grippepandemie von 1918 und 1919. Virenproben aus dem Lungengewebe von Toten aus der Zeit bringen etwas Licht ins Dunkel.

Seit 25 Jahren arbeitet Thorsten Wolff am Robert-Koch-Institut in Berlin mit Grippeviren. Die Influenza-Pandemie von 1918 und 1919 ist für ihn und seine Kollegen so etwas wie der heilige Gral, sagt er: «Damals ist etwas Ungeheuerliches passiert».

Die heute als Spanische Grippe bekannte Pandemie kam wie aus dem Nichts. Sie löste bei Millionen von Menschen schwere Verläufe durch Lungenentzündungen und fatal heftige Immunreaktionen aus. 50 bis 100 Millionen Tote gab es laut Schätzungen.

Fälle von Spanischer Grippe werden in einem Kasernenkrankenhaus in Colorado im Jahr 1918 behandelt.
Legende: Patienten mit Spanischer Grippe werden in einem Kasernenkrankenhaus in Colorado behandelt. Durch den ersten Weltkrieg gab es einen grossen Virenaustausch zwischen den USA und Europa. IMAGO / UIG

Was dieses Virus damals so tödlich machte, ist in vielen Punkten noch unklar. Thorsten Wolff und sein Kollege Sébastien Calvignac-Spencer haben nun eine Studie vorgelegt, die dem, was man weiss, ein paar neue Puzzleteile hinzufügt.

Extraktion von neuen Virenerbgut-Sequenzen

Die Grundlage ihrer Studie sind drei neue Erbgut-Sequenzen von Viren, die Forschende aus Lungengewebsproben der pathologischen Sammlung des medizinhistorischen Museums der Berliner Klinik Charité extrahieren konnten. Damit gibt es neu 21 mehr oder minder vollständige Virensequenzen für die gesamte Grippe-Pandemie von 1918 und 1919. 16 Sequenzen stammen aus den USA, zwei aus Grossbritannien und jetzt neu drei aus Deutschland.

Das klingt nach wenig, aber die Forschenden haben sich das Erbgut der Virenproben sehr genau angeschaut. Erste Erkenntnis:

Es gab reichlich Virenaustausch zwischen den USA und Europa.
Autor: Sébastien Calvignac-Spencer Forscher am Robert-Koch-Institut

Zwei der drei neuen Virenproben tragen genetische Kennzeichen, die typisch sind für Grippeviren, die in Vögeln zirkulieren – ein Hinweis darauf, dass das Virus wohl frisch von Vögeln auf den Menschen übergetreten war. In Probe drei dagegen finden sich Merkmale, die typisch sind für Viren, die in Menschen zirkulieren. Im Lauf der Pandemie hat es also eine Anpassung an den Menschen gegeben.

Der Unterschied zur Corona-Pandemie

Ausserdem zeigt der Vergleich der Virensequenzen untereinander, dass die drei aufeinander folgenden Grippe-Wellen – jene vom Sommer 1918, vom Winter 1918 und vom Winter 1919 – nicht von jeweils neuen Virusvarianten ausgelöst und getrieben wurden wie die Coronawellen der jetzigen Pandemie. Die Viren der drei Wellen der Spanischen Grippe unterschieden sich insgesamt wenig voneinander.

Die auf die Spanische Grippe folgenden saisonalen Grippewellen der 1920er-Jahren speisten sich direkt aus dem Virenpool der pandemischen Jahre 1918 und 1919. Die Forscher konnten durch diese Erkenntnisse unser Wissen über Viren und die Mechanismen einer Pandemie etwas erweitern. Insgesamt aber ist die Wissensgrundlage noch immer sehr löchrig.

Pandemie-Forschung steckt in den Kinderschuhen

Es sind inzwischen immerhin 21 Virenerbgutsequenzen, das ist erfreulich. Aber es bleibt eine sehr kleine Stichprobe, an der man genetische Untersuchungen machen kann. Die Schweinegrippe-Pandemie von 2009 war die erste Pandemie, bei der Forscher überhaupt genetische Werkzeuge anwenden konnten, um die Entwicklung des Virus zu begleiten.

Die Corona-Pandemie ist nun erst Chance Nummer zwei, um weiter dazuzulernen, was in Pandemie eigentlich mit und wegen der Viren passiert. Auch deshalb ist es so schwer, unter anderem gute Vorhersagen zum weiteren Pandemieverlauf zu machen.

Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 14.05.2022, 12:40 Uhr

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Vielen Dank für diesen Beitrag. Als Fensterplatzhockerin in Naturwissenschaften lese ich gerne über Studien/Forschungen. Ich finde es o.k. wenn auch nach hinten geforscht wird. mMn lernen alle mehr über ein Virus, allfällige Mutationen. Durch die Sequenzierungen kann vorausschauend an Impf(un)möglichkeiten gedacht werden. Interessiert wäre ich an Studien über Langzeitfolgen. Es gab um 1978 eine quasi "long-Grippe"Studie: Folgen z.B. Parkinson. Ev eine Trosterfindung vom Hausarzt meiner Mutter?
    1. Antwort von Verena Schär  (DOREMIFASOLATIDO)
      Grundsätzlich ist es für mich persönlich klar, dass Viren ua. Neven schädigen. Da ist Parkinson vermutlich keine Ausnahme.
      Viele der Covid-Symtpome sind Reaktionen unseres Nervebsystems.
      Ich drücke es einfach mal so aus wie ich es verstehe.
      Entzündungen sind nicht immer negativ und sollten, statt mit irgendwelchen noch mehr belastenden Medikamenten, auch mal mit einer Entgiftung ( Fastenkur etc. ) angegangen werden.
      So wie der Mensch mit der Erde umgeht geht er auch mit seinem Körper um.
    2. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Frau Schär: danke, ganz genau. Der Beitrag von Frau Zöfel hat mich erinnert: Meine Mutter "durfte" kurz nach der Konfirmation in Basel Grippe-Kranke pflegen. Nachdem sie ca. 6-jährig in Indien bereits eine Tropenkrankheit überstanden hatte, sagte "man", sie sei immun. In den 70er Jahren tauchte in ihrer Generation gehäuft Parkinson auf. Da zog man als Erklärung eine Spätreaktion der Grippe bei. Kam mir in den Sinn bei der Debatte über longcovid. Aber kurz: es ist ein Wunder, dass es mich gibt;)
  • Kommentar von Martin Lehmann  (Herr Lehmann)
    ok und wieso verlief die spanische grippe jetzt genau so tödlich? dass wir nichts genaues wissen war mir vor dem artikel auch klar
  • Kommentar von Roland Peter  (Vagus Romanus)
    Und? Was haben wir (ausser die Wissenschaft) daraus gelernt? Absolut nichts und wir werden vermutlich wieder nichts aus der Corona-Pandemie lernen.