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Hitze in der Nacht Die Klimaerwärmung raubt uns den Schlaf

Hohe Temperaturen reduzieren unseren Schlaf – Frauen und ältere Menschen sind davon besonders betroffen.

Die letzten Nächte waren für viele eine Herausforderung. Tropische Temperaturen führten dazu, dass wir spät ins Bett gingen, nicht so gut einschlafen konnten, öfter aufwachten als sonst – erholsamer Schlaf, werden viele gedacht haben, sieht anders aus. Doch der ist wichtig für unsere Gesundheit.

Durch die Klimaerwärmung steigen gerade die nächtlichen Temperaturen. Eine im Mai veröffentlichte Studie zeigt, welchen Einfluss wärmere Nächte weltweit auf unseren Schlaf haben. Demnach verlieren Menschen global schon heute durchschnittlich 44 Stunden Schlaf pro Jahr durch hohe nächtliche Temperaturen, wobei der Wert zwischen den Ländern stark variiert.

Die Klimaerwärmung macht vor allem die Nächte wärmer

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Vor allem in Europa, Westafrika und im westlichen Südamerika und Zentralasien erwärmen sich die Nächte durch die Klimaerwärmung stärker als die Tage. Der Grund sind die Wolken. Sie blockieren am Tag das Sonnenlicht, in der Nacht jedoch wirken sie wie eine Wärmedecke, weil sie Wärme und Feuchtigkeit speichern.

«Wir gehen davon aus, dass dieser Wert bis Ende des Jahrhunderts auf 50 bis 58 Stunden pro Jahr steigen wird, wenn wir den Ausstoss an Emissionen nicht reduzieren», sagt Kelton Minor, Datenanalyst an der Universität Kopenhagen und Hauptautor der Studie.

Je heisser, desto schlimmer

Mit Daten aus 47'000 Schlaf-Tracking-Armbändern konnte das Team um Kelton Minor zeigen, dass sehr warme Nächte mit über 30 Grad Celsius zu rund 14 Minuten weniger Schlaf führten im Vergleich zu Nächten mit den niedrigsten Temperaturen.

Auf dem Bild ist eine Grafik zu sehen, die zeigt, wie unser Schlaf mit zunehmender Temperatur abnimmt.
Legende: Die Grafik zeigt: Mit steigenden Temperaturen nimmt die Schlafdauer ab, wobei der lineare Rückgang bei Temperaturen von über 10 °C noch steiler ausfällt. One Earth / K. Minor

«Die Wahrscheinlichkeit, weniger als sieben Stunden zu schlafen, steigt ab 10 Grad Celsius steil an, den grössten Einfluss sehen wir bei Nächten, die 25 Grad Celsius übersteigen», so Minor – wobei sieben Stunden Schlaf als der empfohlene Durchschnitt für erholsamen Schlaf gilt.

Die Studie bezieht sich auf die gemessene Aussentemperatur, die einen grossen Einfluss auf unseren Schlaf hat, weil unsere Körpertemperatur sich an sie anpasst.

Video
Nach der Tropennacht: Die Schweiz lechzt nach Abkühlung
Aus Tagesschau vom 19.06.2022.
abspielen. Laufzeit 1 Minute 19 Sekunden.

«Unser Körper muss Wärme abgeben, damit die Körpertemperatur genügend absinkt, um einschlafen zu können,», sagt Christine Blume, Schlafforscherin an der Universität Basel. Zudem sinkt unsere Kerntemperatur in den Abendstunden. Wenn sie am stärksten abnimmt, werden wir müde.

«Die in der Studie gemessene verzögerte Einschlafzeit könnte mit der fehlenden Wärmeabgabe zu tun haben, so Blume.

Heisse Nächte können dieselbe Auswirkung haben wie Schlafentzug.
Autor: Kelton Minor Datenanalyst

Die Folgen des Schlafdefizits könnten enorm sein. «Studien zeigen schon lange, dass an heissen Tagen mehr Menschen sterben, während Hitzewellen die Selbstmordraten steigen, sich mehr Menschen verletzen und in Krankenhäuser eingeliefert werden», sagt Kelton Minor. Lange habe man nicht gewusst, warum. «Doch es zeigt sich immer deutlicher, dass heisse Nächte dieselben Auswirkungen wie Schlafentzug haben können».

Frauen sind stärker betroffen

Die Schlafeinbussen treffen nicht alle gleich stark. Für jedes Grad steigende Nachttemperatur sind Frauen rund 25 Prozent stärker betroffen als Männer – Menschen über 65 Jahren sogar doppelt so stark.

Woran genau das liegt, wird lediglich vermutet. «Der Schlaf von Frauen und älteren Menschen ist generell empfindlicher und eher beeinträchtigt», sagt Christine Blume. Die Studienautoren vermuten, dass bei Frauen zudem die höhere subkutane Fettschicht beitragen könnte, dass der körperliche Hitzeverlust nachts schwächer ist.

Globale Ungerechtigkeit

Besonders betroffen jedoch sind Menschen in ärmeren Ländern und in Gegenden rund um den Äquator und in Wüstenregionen, die durch die Klimaerwärmung sowieso schon leiden. Ihre Schlafeinbusse ist rund drei Mal grösser als jene von Menschen in – oft kühleren – Ländern mit hohem Bruttosozialprodukt. Die Studienergebnisse zeigen zudem, dass wir nicht in der Lage sind, den Schlafmangel anderweitig zu kompensieren.

Auf dem Bild ist eine Häuserwand mit vielen Klimaanlagen zu sehen.
Legende: In einigen Ländern kann den steigenden Temperaturen nur mit Klimaanlagen begegnet werden, doch die können sich nicht alle leisten. Was die einen kühlt, produziert für die anderen noch zusätzliche Hitze durch die Abwärme der Klimaanlage. Imago Images / Joker

«Wenn wir an Umwelteinflüsse denken, die den Schlaf beeinflussen, denken wir an Lärm oder Licht», so Kelton Minor, «aber Hitze spielt auch eine enorme Rolle». Doch Licht und Lärm betreffe nur einige. Hitze hingegen eine ganze Gesellschaft.

So kühlen Sie sich in heissen Nächten: Tipps der Schlafforscherin

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«In solchen Nächten ist alles gut, was die Körpertemperatur herunterkühlt», sagt Schlafforscherin Christine Blume:

  • Abduschen mit lauwarmem Wasser und danach nicht abtrocknen
  • Ein kühles Fussbad für etwa 10 Minuten
  • Luftzug herstellen, der dazu führt, dass in der Nacht die Wärme vom Körper abtransportiert wird
  • Mit einem Laken zudecken – am besten eignet sich Leinen.

SRF 1, Tagesschau, 19.06.2022, 13:00 Uhr

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