Kommentar: Wer ist hier dumm?

Der Mensch gefällt sich in der Rolle der Krone der Schöpfung und misst selbstherrlich alle anderen Lebewesen an menschlicher Lernfähigkeit. Doch seine Tests an Tieren werfen einen grossen Schatten auf seine eigene Intelligenz.

Eine Ratte klettert auf einem Seil

Bildlegende: Eine Ratte in einem Tierversuch: Oft wird die tierische Intelligenz mit der des Menschen verglichen. Wissenschaftlich ist das nicht. Imago

Der amerikanische Psychologe Burrhus Frederic Skinner hat im letzten Jahrhundert mit seinen aufwändigen Tierexperimenten für Furore gesorgt: Er trainierte Tauben und Ratten in geschlossenen Boxen, die richtigen Symbole anzuklicken und sich so ein Futterkorn zu ergattern. Aus den Lernversuchen schloss er dann, dass sämtliche Verhaltensweisen bei allen Tieren erlernt und damit programmierbar und beeinflussbar seien.

Glaubenskrieg unter Wissenschaftlern

Dieses allein lerngesteuerte Verhalten begründete die stark von Skinner geprägte Schule des sogenannten «Behaviorismus». Als er die Schlussfolgerungen seiner Lernversuche auch auf den Menschen übertrug, schlug ihm eine grosse Kontroverse entgegen. Verschiedene Philosophen und Psychologen widersprachen und widerlegten zahlreiche von Skinners Resultaten. Zudem zeigte der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz an Graugänsen und anderen Tieren, dass wesentliche Teile des Verhaltens angeboren sind und nie erlernt werden müssen.

Auch Lorenz wurde kritisiert und die gesamte Wissenschaft liegt sich zu Fragen der Intelligenz und Lernfähigkeit bei den Lebewesen – inklusive Mensch – bis heute in den Haaren. Unter Psychologen und Verhaltensforschern haben intellektuelle Glaubenskriege eine lange Tradition. Meist entzünden sie sich daran, dass die Entdecker Allgemeingültigkeit für ihre Beobachtungen einfordern. Im Gesamtbild erweist sich mit der Zeit, dass neben vielen Irrtümern auch wertvolle Erkenntnisse Bestand haben – sowohl bei Skinner als auch bei Lorenz, auch wenn sich deren Schulen erbittert bekämpften. Doch was ist mit den Tieren, die in solchen Verhaltens-Experimenten verwendet werden?

Menschliche Eigenschafte werden auf Tiere übertragen

Ein Charakteristikum der hauptsächlich von Psychologen durchgeführten Lern-Experimente ist, dass die Resultate sofort auf den Menschen hochgerechnet werden. Also geht es eigentlich darum, menschliche Eigenschaften über die Tiere zu erklären, die man manipulieren kann, wie es für Menschen nie zulässig wäre? Etwa, indem man bei den Versuchstieren oft ganze Hirnbereiche operativ oder chemisch lahmlegt, um zu sehen, welche Teile des Hirns ein bestimmtes Verhalten steuern. Oder wenn man sie in sogenannten «Kaspar-Hauser»-Experimenten total isoliert aufzieht?

Solche Tier-Versuche müssen heute, im Gegensatz zu früher, ethisch legitimiert werden: Nur wenn der Nutzen für den Menschen nachgewiesen werden kann, sind solche experimentellen Verhaltensversuche gesetzlich überhaupt zulässig und werden finanziert. Wohl deshalb wird aus Tierversuchen immer wieder gleich direkt auf die Lernfähigkeit und die Lernmechanismen der untersuchten Tiere im Vergleich zum Menschen geschlossen. Doch wird diese Sichtweise der in isolierten Laborversuchen gewonnen Erkenntnisse dem Wesen der untersuchten Arten tatsächlich gerecht?

«  Die menschliche Spezies als Massstab der Intelligenz auf alle anderen Lebewesen anzuwenden, ist alles andere als wissenschaftlich. »

Die menschliche Spezies als generellen Massstab der Intelligenz auf alle anderen Lebewesen anzuwenden, ist alles andere als wissenschaftlich. Viele Tiere verfügen über erstaunliche und bewundernswerte Fähigkeiten, die oft denjenigen des Menschen bei Weitem überlegen sind: Die Orientierungsfähigkeit von Tauben im Gelände über riesige Distanzen, dessen Mechanismus noch immer nicht erklärt ist. Der äusserst feine Geruchssinn bei Wölfen und Hunden, der sie so vieles lernen lässt: Orientierung, Artgenossen, Beute oder Gefahren. Oder die Fähigkeit von Flamingos oder Pinguinen, aus Abertausenden von Jungen die erlernte Tonalität der Stimme des eigenen Sprösslings herauszuhören und zu orten.

Wenn der Hund Versuchsleiter wäre

Tiere bewegen sich oft in eigenen Sinneswelten, die uns Menschen immer verschlossen sind: Oft fehlen uns schlicht die Sinne, diese Welten überhaupt wahrzunehmen. Ein simples Gedankenspiel veranschaulicht die Fragwürdigkeit vieler Verhaltensexperimente mit Tieren.

Wenn in einer Umkehrung der Rollenverteilung Hunde als Versuchsleiter Intelligenztests mit Menschen durchführten, die auf der Lösung von Lernaufgaben aufgrund des Geruchs beruhten, käme der Mensch äusserst schlecht weg – er würde keine einzige Geruchsaufgabe lösen und wäre dann in seiner eigenen Logik weitaus dümmer als die Experimentatoren.

Aus diesem Grunde sind wir gut beraten, nicht jedem Verhaltensexperiment im Labor zu trauen, das Lernfähigkeit und Intelligenz qualifiziert: Nicht bei Menschen und schon gar nicht, wenn es um nicht menschliche Lebewesen geht. Letztere kommen in ihrer natürlichen Umgebung mit ihren erlernten und angeborenen Verhaltensweisen oft weit besser zurecht, als es der «ach so intelligente» Mensch – vor allem die Variante aus der sogenannten Zivilisation – je fähig wäre.

Zum Autor

Zum Autor

Andreas Moser (*1956 in Basel) ist Redaktionsleiter und Moderator der Sendung «NETZ NATUR» bei SRF. Mehr...

Special: Lernen – gewusst wie!

Special: Lernen – gewusst wie!

Zum Homo sapiens wurde der Mensch nur, weil er etwas kann: Lernen. Zwar können auch Tiere lernen, doch die menschlichen Fähigkeiten, sich Neues anzueignen, sind unübertroffen. Doch wie lernen wir am besten – und warum? Zum Special

Sendung zu diesem Artikel