Abschied vom letzten Paternoster der Schweiz

In Bern ist man dieser Tage etwas traurig, denn eine Ära geht zu Ende: die des Paternosters im Sportgeschäft Vaucher. Generationen von Kindern haben hier die schulfreien Nachmittage mit Liftfahren verbracht. Zum Abschied kommen viele Nostalgiker für ein letztes mal «liftelen».

Und da ist sie wieder, diese kurze Angst aus Kindertagen, die man beim Einsteigen immer hatte. Man gibt sich einen kleinen Ruck und schon geht’s nach oben. Und auch der Nervenkitzel bei der Weiterfahrt zum Wendepunkt, genau wie früher. Was kommt da oben? Es ist und bleibt eine Fahrt ins Ungewisse – bis es wieder nach unten geht.

Der letzte öffentliche Paternoster der Schweiz

Der Paternoster funktioniert ein bisschen wie ein Flaschenzug. Einzelkabinen, die an Ketten befestigt und ständig im Umlauf sind, befördern üblicherweise zwei Personen. Laut Schindler Schweiz, die auch den ursprünglich von Schlieren gebauten Paternoster im Sportgeschäft Vaucher gewartet haben, gibt es weltweit nur noch wenige Paternoster. Derjenige im Berner Sportgeschäft soll der letzte öffentliche in der Schweiz sein.

Animierte schematische Darstellung eines Paternosters

Bildlegende: Die Einzelkabinen hängen an zwei Ketten und sind im ständigen Umlaufbetrieb. Wikipedia

In Zukunft werden wir uns wohl damit begnügen müssen, dass man hin und wieder noch einen Paternoster im Fernsehen sieht – und zwar dann, wenn eine Szene in einem deutschen Amt oder einem Polizeikommissariat spielt. Paternoster kamen in Gebäuden zum Einsatz, die vier bis fünf Stockwerke hoch sind und über regen Personenverkehr verfügen. Das war auch bei Vaucher an der Berner Marktgasse 37 der Fall. Zudem ist das Haus mit knapp sechs Metern Breite relativ schmal. «Eine Rolltreppe hätte aus Platzgründen nicht eingebaut werden können», sagt Geschäftsfüherin Esther Leuenberger. Also hat man sich für einen Personenumlauf-Aufzug – wie der Paternoster hochdeutsch korrekt heisst – entschieden.

Namensgeber Rosenkranz

Der Name Paternoster ist vom katholischen Rosenkranz abgeleitet. Auf die kleinen Kugeln für die Ave-Maria-Gebete folgt eine grössere für das Vater-Unser-Gebet, lateinisch «Paternoster». Beim Paternoster sind die Personenkabinen fast wie bei einer Gebetskette auf einer Antriebskette aufgereiht.

Der erste Paternoster wurde 1876 im General Post Office in London eingebaut. Er diente dem Transport von Paketen. Erst acht Jahre später wurde in England ein Paternoster gebaut, der auch Personen beförderte. Den Paternoster im Berner Sportgeschäft Vaucher gibt es seit 1974.

Ein Paternoster ist ständig in Betrieb und kann eine beachtliche Menge Leute transportieren, obwohl er im Vergleich zu einem normalen Personenaufzug langsamer fährt. Ein- und Ausstieg sind aufgrund der langsamen Fahrt trotzdem nicht ungefährlich. Für Behinderte ist der Paternoster gänzlich ungeeignet. Ein weiterer Nachteil des Paternosters ist sicher der verminderte Brandschutz.

Es bleibt die Erinnerung

Die Zukunft des Berner Paternosters ist ungewiss. Für die Liegenschaft wird im Moment ein Nachmieter gesucht. Nichtsdestotrotz haben in den letzten Tagen des Paternosters unzählige Bernerinnen und Berner, zum Teil von weit her, eine letzte Nostalgiefahrt bei Vaucher gemacht. Adieu, Paternoster! Du bleibst als Teil unserer Kindheitserinnerungen in unseren Herzen. Merci für die vielen schönen Fahrten.