Auf der Spur von H7N9

Seit Wochen treibt ein neues Vogelgrippe-Virus in China sein Unwesen: Inzwischen sind über 80 Menschen infiziert, 17 sind bereits gestorben. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung haben die Behörden noch nicht festgestellt. Trotzdem sind Fachleute alarmiert: H7N9 bringt beunruhigende Eigenschaften mit.

Seitdem der Erreger H7N9 in Shanghai entdeckt und identifizert wurde, sieht man auf den Strassen mehr Menschen mit Schutzmasken.

Bildlegende: Angst vor Ansteckung: Seitdem der Erreger H7N9 in Shanghai entdeckt und identifizert wurde, sieht man mehr Menschen mit Schutzmasken. Keystone

Vom H7N9-Ausbruch in China erfuhr Ron Fouchier wie die meisten Virologen: Über einen Eintrag auf der Online-Datenbank Promed, auf der alle neuen und ungewöhnlichen Krankheitsfälle weltweit gemeldet werden. «Glücklicherweise haben die Chinesen nur zwei Tage später die ersten Gensequenzen veröffentlicht, so dass wir gleich damit anfangen konnten, das Erbgut des Virus zu analysieren», sagt er.

Schon nach den ersten Untersuchungen war klar: Dieses Virus sieht definitiv nicht aus wie ein normales Vogelgrippevirus. «Dieses Virus ist absolut ungewöhnlich. Wir haben Mutationen gefunden, die wir bei einem Vogelgrippevirus in der Natur so noch nie gesehen haben.»

Umstrittene Versuche mit Erreger H5N1

Ron Fouchier von der Erasmus Uniklinik in Rotterdam war vor eineinhalb Jahren selbst in die Schlagzeilen geraten. Er und seine Kollegen veränderten ein anderes Vogelgrippevirus – H5N1 – im Labor so, dass sich Frettchen gegenseitig damit über Husten und Niesen anstecken konnten. Damit zeigten die Rotterdamer, dass die Vogelgrippe H5N1 theoretisch auch eine Pandemie beim Menschen auslösen kann – was einige Virologen bis dato bezweifelt hatten.

Staatliche Helfer bei einer Blutabnahme vor einer Woche in Hongkong.

Bildlegende: Massentests bei Geflügel: Helfer bei einer Blutabnahme in Hongkong. Um die Ausbreitung des Virus zu erfassen, werden tausende Tests durchgeführt. Keystone

Fouchiers Arbeit war hochumstritten; er musste sie sogar für ein Jahr unterbrechen. Jetzt zeige sich, so der Forscher, wie wichtig solche Experimente seien: «Die Frage, die sich alle stellen, ist: Können sich Menschen irgendwann gegenseitig mit H7N9 anstecken? Das kann im Moment niemand beantworten – wie damals bei H5N1.» Genau deshalb brauche man solche Studien, um vielleicht in 20 Jahren bei einem Ausbruch wie diesem vorhersagen zu können, ob das Virus tatsächlich zu einer großen Gefahr für den Menschen werden könnte.

Ansteckung von Menschen möglich?

Das sieht Jeremy Farrar von der Universität Oxford genauso: «Wenn wir die Welt schützen wollen, müssen wir verstehen, wie und warum ein Virus die Artenbarriere überwinden kann und auch für Menschen ansteckend wird», sagt er. Der Epidemiologe leitet eine Abteilung für klinische Forschung in der Tropenklinik von Ho Chi Minh Stadt in Vietnam, wo er immer wieder mit H5N1 zu tun hat. Erst am vergangenen Wochenende starb ein Kind an einer H5N1-Infektion.

Bei H5N1 sind gerade einmal eine Handvoll Mutationen nötig, um das Virus von Frettchen zu Frettchen springen zu lassen – das haben die Experimente aus Rotterdam gezeigt. Die Forscher hatten die Veränderungen damals zum Teil künstlich im Virenerbgut erzeugt. Einige der Mutationen haben sie aber jetzt schon bei H7N9 gefunden. «Das zeigt, dass solche Mutationen in der Natur längst vorkommen», sagt Fouchier.

Viele Erkrankungen in kurzer Zeit

H7N9 könnte sich – darauf deutet zumindest sein Erbgut hin – leichter an Säugetierzellen binden als normale Vogelgrippeviren und sich bei einer niedrigeren Körpertemperatur vermehren. Möglicherweise zwei entscheidende Anpassungsschritte in Richtung Säugetiere. «Ob das jetzt an genau diesen Mutationen liegt oder an anderen, bislang unentdeckten: Wir sehen, dass H7N9 viel leichter von Geflügel auf den Menschen überspringt», sagt Jeremy Farrar. In den ersten beiden Wochen habe es in China bereits 60 bestätigte Fälle gegeben. «Bei H5N1 dagegen gibt es immer nur sporadische Infektionen. Wir hatten noch nie so hohe Fallzahlen innerhalb von nur zwei Wochen.»

Vorkehrungen in einem Spital in Shanghai: Bis zum 18. April waren über 80 Menschen infiziert und 17 bereits gestorben.

Bildlegende: Warnung vor Seuchengefahr: Vorkehrungen in einem Spital in Shanghai – bis zum 18. April waren über 80 Menschen infiziert und 17 bereits gestorben. Keystone

Generell, sagt Jeremy Farrar, müsse man es sehr ernst nehmen, wenn ein neues, für das menschliche Immunsystem unbekanntes Virus plötzlich Menschen infiziert. H7N9 habe aber noch weitere beunruhigende Eigenschaften: Zwei Kinder haben sich offenbar bei ihren Eltern angesteckt – eine Mensch-zu Mensch-Übertragung scheint also in einem sehr engen Rahmen möglich zu sein.

Ausserdem zirkuliert das Virus in Großstädten wie Shanghai und Peking, was die Chance erhöht, dass es insgesamt mehr Menschen infiziert. Und: Bei einigen Betroffenen verläuft die Infektion nur sehr mild. Sie tragen das Virus über einen längeren Zeitraum im Körper und könnten ihm so die Gelegenheit geben, sich weiter an den Menschen anzupassen. «Das alles zusammen ist schon sehr besorgniserregend», meint Farrar.

Sichere Prognosen nicht möglich

Doch wie sich H7N9 tatsächlich weiterentwickeln wird, kann niemand vorhersagen. Vielleicht braucht es nur eine einzige weitere Mutation, um von Mensch zu Mensch zu springen – vielleicht noch viel mehr. Es könnte aber genauso gut sein, dass H7N9 aus irgendwelchen Gründen niemals in der Lage sein wird, eine Pandemie auszulösen.

Eigentlich wäre es ein leichtes, das herauszufinden, sagt Ron Fouchier aus Rotterdam: «Man müsste nur Frettchen mit diesem H7N9-Virus infizieren, diese Viren dann auf weitere Frettchen übertragen und schauen, ob sich die Tiere nach ein paar Runden gegenseitig per Tröpfcheninfektion infizieren.» 

Ron Fouchier würde solche Experimente auch in seinem Rotterdamer Sicherheitslabor machen, vorausgesetzt, dass er die Genehmigungen dafür bekommt. Die echten H7N9-Viren, die er für die Tierversuche benötigt, hat er längst bei der Weltgesundheitsorganisation angefordert. «Aber ich schätze», sagt er, «dass solche Experimente in China ohnehin schon längst im Gange sind.»