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Mensch Aufgeben – ein Schlüssel zum Erfolg

Spitzensportler verfolgen extreme Leistungsziele. Doch wirklich erfolgreich sind jene Sportlerinnen und Sportler, die unerreichbare Ziele rechtzeitig erkennen können.

Der Schotte Andy Murray bejubelt einen erfolgreichen Schlag in einem Match beim Wimbledon-Turnier 2013.
Legende: Voraussicht als Erfolgsfaktor: Andy Murray, hier in Wimbledon, kam erst nach vielen Anläufen zum Grosstitel – im Olympia-Final 2012 in London. Keystone

Welches Geheimnis steckt hinter dem Erfolg eines Spitzensportlers vom Format eines Andy Murray? Wie kommt der britische Tennisspieler – zurzeit Weltranglisten-Zweiter – über Krisen und Rückschläge hinweg zu seinem Ziel? Um mehr über den perfekten Mix von Zielen, Motivation und Form zu erfahren, haben britische Forscher über 180 Athletinnen und Athleten befragt – unter ihnen auch Andy Murray.

Ihre Studie zeigt: Allen gemeinsam waren ihre hoch gesetzten Ziele. Doch wirklich erfolgreiche Spitzensportler verfügen über eine ganz besondere Eigenschaft: Sie können aufgeben und kommen gerade deswegen weiter. Denn der Körper leistet nicht immer, was der Kopf will. Ein Formtief, Verletzungen oder Konflikte mit Betreuern lassen Leistungsziele, die über lange Zeit angepeilt wurden, plötzlich in weite Ferne rücken.

Blockaden als Gefahr für die Karriere

In solchen Situationen können sich ehrgeizige Ziele zum unüberwindbaren Hindernis entwickeln. Damit sie nicht die ganze Karriere blockieren, brauchen Sportler das nötige Sensorium, um solche Gefahren möglichst früh zu erkennen, den Mut, sie aufzugeben, und die Kraft, in neue Ziele zu investieren.

Die Fähigkeit, Ziele flexibel zu handhaben, müssen viele Athletinnen und Athleten erst mühsam erlernen, sagt Romana Feldmann von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie: «Das ist oft ein schwieriger Ablösungsprozess. Denn Sportler identifizieren sich sehr stark mit ihren Leistungszielen und fühlen sich diesen verpflichtet. Müssen sie lang gehegte Ziele aufgeben – und sei es nur vorübergehend, etwa wegen einer Verletzung – dann kratzt das sehr schnell an ihrem Ego.»

Mit langfristigem Denken zum Erfolg

Daher räumt Feldmann den Emotionen einen besonders grossen Platz ein, wenn sie einen Sportler in der Krise coacht. «Spitzensportler sind in der Regel mental sehr stark und halten lange an ihren Zielen fest», sagt sie, «in der Krise muss es dem Coach aber gelingen, den Sportler auch mit negativen Emotionen wie Grübeln und Verzweiflung in Kontakt zu bringen.»

Der Sportler sollte nicht pimär über die Kosten des Zielabbruchs nachdenken, sondern über den Nutzen, den dieser ihm in der Zukunft bringt. So kann der kurzfristige Verzicht auf eine Wettkampfteilnahme oder gar eine ganze Saison zwar bitter sein. Doch längerfristig trägt er dazu bei, dass der Sportler sich erholen und seine Karriere erfolgreich fortsetzen kann.

Einfluss auf Gesundheit nachgewiesen

Die Sportwissenschaft beginnt den positiven Zusammenhang zwischen der Loslösung von Zielen und dem Erfolg erst allmählich zu entdecken. In der Organisations- und Motivationspsychologie wird das Phänomen schon länger erforscht. «Leute, die sich von unerreichbaren Zielen loslösen können, sind weniger depressiv», sagt etwa der renommierte Motivationspsychologe Carsten Wrosch von der Concordia Universität in Montreal, «sie haben ein höheres Wohlbefinden, weniger Stresshormone und weniger Entzündungsmarker im Körper.»

Was auf der individuellen Ebene gilt, trifft auch auf Organisationen zu: Betriebe, deren Management nicht stur an einmal definierten Zielen festhält, sind gesünder. Doch die menschliche Natur tut sich mit dieser Einsicht schwer. Denn auch dies ist eine gut erforschte Gesetzmässigkeit: Je mehr wir in ein Ziel investiert haben, desto weniger schnell sind wir bereit, es aufzugeben.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Zweiter Teil: Wichtig ist auch, seine eigenen Fähigkeiten und Grenzen so bald wie möglich zu erkennen, damit weitere Enttäuschungen erspart bleiben. Da rede ich aus eigener Erfahrung: Ich war ein Multitalent, war aber am stärksten in der Leichtathletik, vor allem zwischen 200 und 400 Metern - die Zeiten behalte ich jetzt lieber für mich. Da ich schon mit knapp zwanzig Jahren erkannte, dass mein Körper trotz allem Talent zum Spitzensport nicht taugte, habe ich rechtzeitig aufgehört.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Dieser Artikel erzählt nur die Hälfte. Um im Sport erfolgreich zu sein, braucht es zwei T und zwei G: Viel Talent, viel Training, viel Geld und viel Glück bzw. Wettkampfglück - der Rest mit den "Blockaden" usw. ergibt sich allein. Dazu kommt noch, dass die Frauen sich wie im Leben schneller entwickeln als die Männer. Das erklärt auch, warum es z.B. im Skifahren viele sehr junge erfolgreiche Frauen gibt und warum bei den Männern Sailer, Russi und P. Zurbriggen Ausnahmen waren.
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