«Beim Verlassen spielt der Verstand meist eine zentrale Rolle»

Ist Liebe wirklich ein Gefühl? Kann man sie mit Hirnscans erforschen? Der Psychologe Guy Bodenmann erklärt im Interview den Stand der Wissenschaft und rät, wo man die Vernunft auch beim Verlieben gebrauchen sollte.

Frau lehnt mit gesenktem Kopf an der Wand.

Bildlegende: Warum trennen wir uns? Die Liebe und ihr Ende geben der Forschung immer noch Rätsel auf. Colourbox

SRF: Herr Bodenmann, wie würden Sie Liebe definieren?

Guy Bodenmann: Liebe ist wissenschaftlich schwer zu definieren. Sie stellt einen Zustand dar, der sich von anderen Emotionen wie Freude, Stolz oder Glück in seiner Komplexität unterscheidet. Liebe wird von vielen oft positiven Emotionen begleitet, geht aber auch über diese hinaus. Somit ist «Liebe» wissenschaftlich nicht trennscharf fassbar. Ich bezeichne daher die Liebe gerne als «metaphysischen Zustand». Interessant ist insbesondere der Punkt, an dem Zuneigung, Sympathie oder sexuelles Begehren in Liebe umschlägt. Man kann einen Menschen physisch attraktiv, interessant, sympathisch und begehrenswert finden und ihn dennoch nicht lieben. Auf der anderen Seite findet man Liebe zu einem Menschen, dem andere kaum etwas Positives abgewinnen können.

Ist Liebe wirklich eine Sucht, wie die US-Forscherin Helen Fisher im Interview sagt?

Wie bei jedem anderen Gefühl oder Gefühlskomplex ist alles eine Frage der Intensität und Dauer. Nehmen wir zum Beispiel Angst. Ein Zuviel an Angst ist ebenso problematisch wie ein Zuwenig. Angst selbst ist aber für unser Überleben zentral. Genauso verhält es sich mit der Liebe. Sie wird erst dann zur Sucht, wenn es sich um eine übersteigerte Liebe handelt, die den anderen erstickt. Problematisch ist aber auch eine von Eifersucht dominierte, paranoide Liebe oder die Unfähigkeit eines Menschen, einen anderen aus tiefem Herzen zu lieben. So kommt es bei der Liebe – wie auch bei der Angst – auf ein gesundes Mittelmass an.

Welche Rolle spielt der Verstand beim Verlieben?

Üblicherweise passen Verlieben und Verstand nicht zusammen. Verlieben ist ein affektiver, spontaner Akt und kein rationaler. Ausschüttung von Hormonen wie zum Beispiel von Endorphinen spielen zudem eine wichtige Rolle. Studien zeigen, dass Verlieben und sexuelle Erregung sehr nah beieinander liegen und biologisch nur schwer zu trennen sind. Im Gehirn sind auch ähnliche Areale beim Verlieben wie bei sexueller Erregung aktiv.

Und beim Verlassen?

Beim Verlassen spielt der Verstand hingegen meist eine zentrale Rolle. Hier evaluiert man die Beziehung und entscheidet meist rational. Ausser natürlich, wenn sie im Affekt beendet wird – doch das ist nicht die Regel. Man wägt vielmehr meist sorgfältig Pro und Contra ab und verlässt eine Person erst, wenn die Bilanz zu ihren Ungunsten ausfällt.

Welche Rolle sollte der Verstand spielen?

Der Verstand darf meiner Meinung nach beim Verlieben aussen vor bleiben. Es soll verstandsfreie Inseln im Leben des Menschen geben dürfen, wo er vorübergehend von seinen Gefühlen und Hormonen dominiert wird. Beim Schritt vom Verlieben zur Liebe oder dem Eingehen einer langfristig angedachten Beziehung sollte jedoch der Verstand wieder ins Spiel kommen. Hier geht es um mehr als nur um einen hedonistischen Moment, hier steht viel auf dem Spiel. Da sollte die Liebe achtsam geprüft werden. Dasselbe gilt beim Wunsch, eine Beziehung aufzulösen – auch hier würde ich ein sorgfältiges Abwägen empfehlen.

Wie kommt es zu extremen Reaktionen auf Verlassen-Werden wie stalken, Suizid und Mord? Wie lässt sich das begründen?

Häufig hängen solche starken Reaktionen mit Eifersucht zusammen. Eifersüchtig ist man in der Regel, wenn man jemanden, der einem wichtig ist, an jemand anderes zu verlieren glaubt oder ihn effektiv verliert. Eifersucht ist somit ein Gemisch aus Furcht und Schmerz, Enttäuschung und Verbitterung über einen möglichen oder eingetretenen Verlust der «Exklusivität» der Beziehung mit diesem Menschen. Die Beziehung wird als zentral wichtig und nicht übertragbar erlebt. Im Zuge dieser starken Eifersucht kann es zu Überreaktionen kommen, die Gewalt gegen sich, den Partner oder andere nicht mehr ausschliessen.

Welche Möglichkeiten und Grenzen der Liebesforschung aufgrund von Hirnscans (MRI) sehen Sie?

Die bildgebenden Methoden erlauben einen Blick ins Gehirn, der faszinierend ist. Als Beschreibung gesehen ist der Zugang daher sehr spannend und ergänzt bisherige Methoden wie Verhaltensbeobachtung oder physiologische Messungen. Allerdings haben Hirnscans bisher keine erklärende oder verstehende Bedeutung. Sie erlauben ebenso wenig ein fundiertes Verständnis von Liebe wie alle anderen Zugänge. Sie zeigen nur, welche Areale im Gehirn aktiviert sind, wenn jemand verliebt ist. Aber nicht, weshalb das so ist.

Was kann man tun, wenn man unglücklich verliebt ist bzw. verlassen wurde? Laut Helen Fisher ist es das Beste, möglichst grossen Abstand zum ehemaligen Partner zu gewinnen und sich abzulenken. Was meinen Sie als Psychologe dazu?

Die Frage ist komplex und kann nicht pauschal beantwortet werden. Die Antwort hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Beispielsweise, wie lange man mit diesem Menschen zusammen war, welche Bedeutung er für einen im Leben hatte und warum es zur Trennung kam – um nur einige zu nennen. In der Regel lohnt es sich jedoch zu versuchen, die Trennung zu verstehen. Wenn man in jemanden sehr stark verliebt war und mit diesem Menschen eine schöne Zeit verbracht hat, dann ist es traurig, wenn am Ende nur das Negative übrig bleibt. Vielmehr sollte man versuchen, die positiven und negativen Erfahrungen zusammenzufassen und Lehren aus der Erfahrung zu ziehen. Was hätte man selbst anders tun können? Woran lag es, dass diese Beziehung keine Zukunft hatte? Was hat man daraus auch Positives für den weiteren Lebensweg mitbekommen? Erst wenn man sich mit der Trennung innerlich versöhnen und diese akzeptieren kann, gelingt ein positiver Neuanfang – allein oder in einer neuen Partnerschaft.

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Eine andere Sichtweise auf Verliebtsein und Liebeskummer gibt Helen Fisher im Interview.

Zur Person

Guy Bodenmann

Guy Bodenmann PD

Prof. Dr. Guy Bodenmann studierte Psychologie und Heilpädagogik an der Uni Fribourg. Er forscht seither unter anderem im Bereich Klinischer Psychologie an der Universität Zürich. Zudem ist er Ausbildner und Supervisor von Paartherapeuten. Er hat mehrere Bücher zum Thema Partnerschaft und Liebe herausgegeben.

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