Brahms unter Pygmäen: Wirkt Musik bei uns allen gleich?

Eine verträumte Melodie von Claude Debussy, ein forscher Walzer von Johann Strauss, treibende Cumbia-Rhythmen: Musik gibt es überall auf der Welt – und Musik erzeugt Gefühle. Aber sind sie überall gleich? Wissenschaftler sind dieser Frage nachgegangen, im Labor und im Dschungel.

Forscherin und kongolesische Probanden sitzen um einen Tisch

Bildlegende: Johannes Brahms' Violinkonzert in D-Dur: Kongolesische Dschungelbewohner hören westliche Musik. Dabei zeichnen Elektroden ihre körperliche Aktivität auf. Université de Montréal

Manchmal löst sie Gänsehaut aus. Manchmal rührt sie zu Tränen oder zu ausgelassenem Tanz. Feiern, Einschlafen, Beerdigen – für viele Anlässe gibt es sogar eigens komponierte Musik. «Eine der Hauptmotivationen in unserem Kulturkreis ist es, Musik zu hören, weil sie emotional wirkt», sagt Hauke Egermann, Musikwissenschaftler an der Technischen Universität Berlin. Doch ist Musik eine universelle Sprache der Gefühle? Ein Klang-Code, der kulturelle Barrieren überspringt?

Die Antwort auf diese Frage suchte Egermann gemeinsam mit der Musikethnologin Nathalie Fernando von der Universität Montreal und ihrem Team an unterschiedlichen musikalischen Enden der Welt: Für ihre Studie spielten sie 40 kanadischen Musikhörern und 40 Mbenzélé-Pygmäen aus dem kongolesischen Dschungel eine Reihe von Musikstücken beider Kulturkreise vor.

Keine zornigen Lieder, sondern Lieder gegen Wut

Generell unterscheidet sich der Gebrauch von Musik in beiden Kulturen. «Die Musik der Pygmäen hat nie selbst den Zweck, negative Affekte auszudrücken. Das ist anders als in der westlichen Musik, wo man ganz gezielt traurige Musik komponiert, vielleicht aggressive Klänge einsetzt», so Egermann. Die Musik hat bei den Pygmäen die Funktion, negative Emotionen abzubauen. Sie hören keine verzweifelten oder zornigen Lieder, sondern Lieder gegen Trauer oder gegen Wut.

Die Forscher nahmen solche pygmäischen Lieder, dazu westliche Stücke von Johannes Brahms, Richard Strauss und diverse Lieder aus Film-Soundtracks und spielten den Versuchsteilnehmern Ausschnitte daraus vor.

Ihr jeweiliges Hörerlebnis konnten Kanadier und Pygmäen in zwei Dimensionen bewerten: Zum einen, ob das durch die Musik ausgelöste Gefühl eher positiv oder negativ war, zum anderen das Ausmass der empfundenen Erregung. Um nicht nur die emotionale, sondern auch die körperliche Erregung festzustellen, zeichneten die Wissenschaftler den Hautleitwert, die Atemrate und die Herzfrequenz der Probanden auf.

Musik – eine universelle Sprache? Jein

Das Ergebnis: Subjektiv bewerteten Kanadier und Pygmäen die Musik sehr unterschiedlich. Den westlichen Stücken ordneten die Kanadier vielfältige positive und negative Kategorien zu. Die Pygmäen dagegen empfanden die fremde Musik als einheitlich neutral mit negativer Tendenz. Auch bei der Musik aus dem kongolesischen Dschungel stimmten die subjektiven Gefühle beider Gruppen nicht überein.

Übereinstimmungen fanden Egermann und seine Kollegen dagegen beim Erregungsgrad, den die Musik auslöste: «Wenn westliche Musik anregend wirkt auf westliche Hörer, dann steigt ihr Hautleitwert, ihre Herzfrequenz und ihre Atemrate». Ganz ähnliche Reaktionen zeigten auch die Pygmäen beim Hören der westlichen Musik. Die Musik der Pygmäen erzeugte bei den Kanadiern mittlere Erregung. Die Afrikaner selbst empfanden ihre Musik noch etwas erregender.

Persönliche Erfahrung prägt Musikempfinden

Das Fazit der Wissenschaftler: Musik ist keine universelle Sprache der Gefühle. Weltbild, Wissensschatz und individuelle Erfahrungen entscheiden darüber, welche Gefühle wir mit einem Lied verbinden. Es gibt allerdings kultur-übergreifende Ähnlichkeiten darin, wie erregend Musik empfunden wird – subjektiv und körperlich.

«Unsere Haupterkenntnis liegt eigentlich in dieser Tatsache», sagt Hauke Egermann, «dass wir trotz der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe diese ähnliche Erregungskomponente bei Pygmäen und Kanadiern gefunden haben. Insofern: Alles das, was diese beiden Gruppen unterscheidet, scheint darauf keinen Einfluss zu haben.»

Rock'n'Roll muss richtig tönen

Deutsche Forscher haben einem isoliert lebenden, kamerunischen Volk Rock'n'Roll-Musik vorgespielt – und zwar nicht nur im harmonischen Original, also konsonant, sondern auch rückwärts und verzerrt, also dissonant. Wie die deutschen Testhörer bevorzugten sie die konsonante Version. Das Fazit: Die ganze Welt hört am liebsten harmonische Klänge.