Daten statt Geschichten: So soll die Wissenschaft gerettet werden

In der Wissenschaft wird nicht wenig gefälscht, erfunden und übertrieben. Ergebnis: Wir können uns auf wissenschaftliche Literatur nur begrenzt verlassen. Schuld daran sei der Druck, in Fachartikeln runde Erfolgsgeschichten zu erzählen, glaubt ein Zürcher Professor. Er will nun Gegensteuer geben.

«Geschichten können warten – Wissenschaft nicht», das ist das Motto der neuen Publikationsplattform «Science Matters». Initiiert hat sie der 40-jährige Alzheimerforscher Lawrence Rajendran von der Universität Zürich.

Häufig mache man als Forscher Beobachtungen, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergäben und sich so nicht veröffentlichen liessen. Doch gerade eine dieser Beobachtungen sei vielleicht das fehlende Puzzlestückchen in einem anderen Forschungsgebiet. Für solche Einzelbeobachtungen gebe es bisher schlicht kein Publikationsgefäss, sagt Lawrence Rajendran.

«Runde Geschichten» begünstigen Betrug

Der Grund: Wissenschaftliche Zeitschriften wollen umfassende, robuste Untersuchungen mit einer Hypothese und vielen Daten, die diese Hypothese stützen. Eine Frage und eine Antwort. Lawrence Rajendran nennt es eine «Geschichte». Erst dann wird publiziert.

Doch zu lange mit der Veröffentlichung zu warten, lähme die Wissenschaft und verzögere zum Beispiel die Entdeckung von neuen Medikamenten. Und: Der Druck, eine kohärente, runde Geschichte zu erzählen, begünstige auch Betrug und unehrliches Verhalten in der Wissenschaft.

Gegründet aus Frust

Aus Frustration über das heutige Publikationssystem hat Lawrence Rajendran nun also «Science Matters» initiiert. Da kann eine Forscherin oder ein Forscher eine einzelne wissenschaftliche Beobachtung einreichen. Diese wird im sogenannten Peer Review von Fachkollegen geprüft. Wenn die Beobachtung für gut befunden wurde, wird sie veröffentlicht – und zwar innert weniger Tage statt erst nach Monaten. Und weil die Beobachtungen für alle zugänglich sind, sogenannt «open access», können sie nun auch andere Forschende nutzen und allenfalls etwas dazu beizutragen.

Die neue Publikationsplattform erhält fast flächendeckend Zustimmung aus der internationalen Wissenschaftsgemeinde. Ein Nobelpreisträger und andere hochdekorierte Forscherinnen und Forscher sind im Beirat vertreten oder werben für die Plattform.

Relevanz der Ergebnisse muss klar sein

Auch der Neurowissenschaftler Russell Poldrack von der Standford University, selber ein prominenter Kritiker des heutigen Publikationssystems, begrüsst solche Initiativen grundsätzlich. Doch er glaubt nicht, dass wissenschaftliche Resultate ohne einbettende Geschichte, also auch ohne einen Hinweis auf die Relevanz der Resultate, besonders nützlich sind.

Ganz ohne Geschichten will allerdings auch «Science Matters» nicht auskommen müssen. Nachdem ein Forscher oder eine Forscherin nämlich einige Beobachtungen publiziert hat, wird er oder sie automatisch gebeten, diese in einer kleinen Übersichtsstudie zusammenzufassen – auch eine Art Geschichte.

Bald geht’s los

Ob sich von «Science Matters» auch Geldgeber begeistern lassen, muss sich noch zeigen. Bisher hat Lawrence Rajendran neben Startkapital von einer Stiftung eigenes Geld eingeschossen und in der Freizeit an der Entwicklung der neuen Publikationsplattform gearbeitet.

Jetzt braucht es nur noch Forscherinnen und Forscher, die ihre Beobachtungen bei «Science Matters» ins Schaufenster stellen wollen – und andere Wissenschaftler, die die Datenfülle dann auch lesen wollen. Die erste Ausgabe ist auf Ende Februar geplant.