Die Primadonna der Physik

Bald übernimmt die Italienerin Fabiola Gianotti die Generaldirektion des Forschungszentrums Cern in Genf – als erste Frau überhaupt. Ihr steht eine spannende Amtszeit bevor: harte Arbeit, Chancen auf grosse Entdeckungen und ein Umfeld, in dem sie ihren Humor brauchen wird.

Fabiola Gianotti steht lächelnd in der Kaverne des grossen Detektors Atlas am Cern. Eine Hand hebt sie zum Helm.

Bildlegende: Physikerin mit Witz: Fabiola Gianotti nimmt ihre Arbeit ernst – sich selbst nicht immer. Cern

Fabiola Gianotti ist die Primadonna der Physik. Nicht, weil sie eine verwöhnte Diva wäre, im Gegenteil: Die italienische Forscherin ist eine Teamplayerin, die zupacken kann. Primadonna deshalb, weil sie ab nächstem Jahr an der Spitze des Forschungszentrums Cern in Genf stehen wird. Es ist einer der weltweit wichtigsten Posten in der Physik. Hier geht es um viel Geld, viel Macht und um die ganz grossen Fragen: Woraus besteht das Universum? Und wie hat es angefangen?

Auf der Erfolgswelle

Um diese Fragen zu beantworten, setzen die Forscherinnen und Forscher am Cern auf den «Large Hadron Collider», kurz LHC. In den letzten zwei Jahren haben sie die unterirdische Riesenmaschine ordentlich getunt. Ende März soll der LHC nun mit doppelter Energie wieder anlaufen. Damit rücken weitere Entdeckungen in Reichweite. Es dürfte eine spannende Amtszeit werden für Gianotti, die neue Generaldirektorin des Cern.

Die letzte Sensation ist noch gar nicht lange her: Im Jahr 2012 entdeckten zwei Forschungsteams am Cern das lange gesuchte Higgs-Teilchen. Die ganze Welt blickte damals auf Gianotti, als sie vor vollem Saal die Ergebnisse ihres Teams verkündete.

Es war der bisherige Höhepunkt in der Karriere der Forscherin, die schon seit über 25 Jahren am Cern arbeitet. «Das war ein sehr intensiver Moment für mich», erzählt sie, «der Bau des Beschleunigers LHC und seiner Experimente hat 20 Jahre gedauert, und viele Tausende Leute waren daran beteiligt. Das machte die Entdeckung umso schöner.»

Die Entdeckung des Higgs brachte ihr eine Nomination als «Person des Jahres» beim renommierten Time-Magazin. Als Vertreterin ihres Teams durfte sie zudem den hochdotierten «Fundamental Physics Prize» entgegennehmen. Sie tat das mit der ihr eigenen Selbstironie, machte Witze über sich selbst und ihre Zunft. «Wir arbeiten sehr seriös, aber es tut gut, die Dinge auch mit Humor und Leichtigkeit zu nehmen», sagt die Forscherin.

«Madame Comic Sans»

Ihren Sinn für Humor zeigte Fabiola Gianotti auch im vergangenen Jahr. Da waren missmutige Kritiker in den sozialen Medien mit Hohn und Spott über sie hergefallen, weil sie für ihre Folien für den Vortrag zur Entdeckung des Higgs-Teilchens die Schrift «Comic Sans» verwendet hatte – eine Schriftart, die viele Menschen für kindisch und hässlich halten.

Die Retourkutsche lieferte sie am 1. April des vergangenen Jahres. Die ganze Webseite des Cern werde nun auf «Comic Sans» umgestellt, gab sie in einem Video bekannt.

«Mich hat sehr erstaunt, wie viel die Wahl dieser Schrift in den Medien zu reden gab», sagt Gianotti heute. «Das hätte ich mir nie träumen lassen.» Mit ihrem Aprilscherz machte sie aber das Beste daraus – und gewann obendrein viele Sympathien.

Komplimente von Kollegen

Diese Leichtigkeit hat Fabiola Gianotti wohl auch dabei geholfen, im Cern ganz nach oben zu kommen. Als erste Frau an der Spitze des Cern wird sie Vorbild für viele junge Forscherinnen sein. Und die wissenschaftliche Gemeinde reagierte begeistert, als ihre Berufung bekannt wurde. «Fabiola Gianotti ist eine hervorragende Wissenschaftlerin», sagt der Schweizer Cern-Physiker Peter Jenni. «Und es war höchste Zeit, dass einmal eine Frau diesen Posten bekommt.»

Ihre Sonderrolle als «prima donna» ist Gianotti trotzdem etwas unangenehm. «Ich möchte nicht als Ikone wahrgenommen werden», sagt sie. Viel wichtiger ist ihr die Botschaft: «Wenn ich es kann, dann kannst Du es auch.» Sie will junge Frauen ermutigen, ihre Chance in der Forschung zu ergreifen. Gesellschaft und Wissenschaft seien bereit für mehr Frauen in der Physik.

Mehr zum Neustart des LHC am Cern lesen sie hier.

Eine echte Cernianerin

Fabiola Gianotti, 1960 in Rom geboren, hat in Mailand Physik studiert. Seit 1987 arbeitet sie am Forschungszentrum Cern in Genf. Von 2009 bis 2013 war sie Sprecherin der Atlas-Kollaboration. Sie ist eine der Preisträgerinnen des Fundamental Physics Prize und hat zahlreiche weitere Preise gewonnen. Im Jahr 2013 wurde ein Asteroid nach ihr benannt.

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