Digitale Medien: «Nicht generell gut oder schlecht»

Hirnforscher und Publizist Manfred Spitzer empfiehlt im Interview bei digitalen Medien Beschränkungen oder gar Verbote für junge Menschen – ein Ansatz, der wissenschaftlich nicht zu halten ist, meint Daniel Süss, Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Eine Replik.

Drei Kinder sitzen vor einem Notebook und schauen aufmerksam auf den Bildschirm.

Bildlegende: Kritisiert und gelobt: Chancen und Risiken des Umgangs von Kindern mit Computern und digitilen Medien werden seit Jahren intensiv erforscht. Keystone

Digitale Medien sind nicht generell gut oder schlecht für die Entwicklung des Gehirns. Ihre Wirkung hängt vielmehr davon ab, wie der Alltag eines Kindes insgesamt aussieht. Manfred Spitzer betont, dass unser Gehirn mit seinen Aufgaben wächst – das ist unbestritten: Gehirnfunktionen entwickeln sich nur durch ihren Gebrauch.

Doch die Mediennutzungsforschung bei Kindern und Jugendlichen zeigt, dass die allermeisten Kinder digitale Medien nicht als Ersatz für direkte Erfahrungen von Objekten und Umwelt mit allen Sinnen nutzen, sondern als Ergänzung. Folglich wird auch die Gehirnentwicklung durch diese Kombination von Reizen und Herausforderungen stimuliert – Medienerfahrungen sind nur ein Baustein des Ganzen.

Navigationshilfen mit Verstand benutzen

Was bedeutet das in der Praxis? Am Beispiel von Navigationsgeräten fordert Manfred Spitzer, dass man lernen müsse, sich mit herkömmlichen Hilfsmitteln in der Umgebung zu orientieren, bevor man ein Navigationsgerät verwendet. Und zweifellos ist es wichtig, dass Kinder in der Schule im Sport zum Beispiel Orientierungslauf mit Karten und Kompass lernen.

Doch warum sollten sie nicht schon gleichzeitig Navigationsgeräte kennen lernen? Sie könnten dabei auch darüber reflektieren, wie man bei Verwendung einer solchen Orientierungshilfe kritisch mit den Wegbeschreibungen umgeht und eben nicht blind jeder Anweisung folgt – genau das also, was Manfred Spitzer in seinem Interview rät.

Zudem haben Studien gezeigt, dass Kinder auch mit Hilfe von Computerspielen ebenfalls ihr räumliches Orientierungsvermögen trainieren können. Würden sie aber stundenlang nur am Bildschirm sitzen und nicht mehr draussen in realen Räumen spielen gehen, dann würde dies tatsächlich zu Entwicklungsdefiziten führen.

Die Vorteile beider Erfahrungen kombinieren

Die Empfehlung von Manfred Spitzer jedoch, zuerst eine erfolgreiche Kindheit und Jugend ganz ohne digitale Medien zu durchlaufen, blendet das sinnvolle Potenzial für Kommunikation, Lernen, Bildung und Unterhaltung aus. Beispiel Schule: Dass man Kopfrechnen lernt, bevor man einen Taschenrechner einsetzt, ist sinnvoll. Aber es wäre ineffizient, bis zum Ende der Schulzeit ohne Hilfsmittel zu rechnen.

Informatik und Medienbildung in der Schule tragen dazu bei, digitale Medien dort einzusetzen, wo sie einen Mehrwert bieten. Oder auch dort, wo man sie später im Alltag einsetzen würde, zum Beispiel bei der Planung und Buchung einer Ferienreise. Hielte man digitale Medien aus den Schulen fern, täte man den Kindern eben keinen Gefallen: Sie wären trotzdem omnipräsent und hätten damit eine viel grössere Macht.

Deshalb finde ich auch den Vergleich von digitalen Geräten mit der Droge Alkohol, den Manfred Spitzer anstellt, unpassend – und fände eine Analogie mit Schokolade treffender: Natürlich macht zu viel davon übergewichtig und träge, doch in vernünftigen Mengen ist sie keineswegs ungesund, sondern genussvoll und hebt die Stimmung. Und Medien sind wie Brot; sie versorgen uns mit Lebensnotwendigem: Information und Orientierung.

Das Gerücht von der sozialen Isolation

Warnende Beispiele von fehlgeleitetem Konsum moderner Medien gibt es tatsächlich. Doch das Bild vom sozial isolierten Computerfreak, der nur noch vor dem Bildschirm sitzt, spiegelt sich nicht in der aktuellen Forschung zum Medienalltag von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz. Solche Entwicklungen kommen in seltenen Fällen zwar vor, sind aber immer mit anderen Problemen verbunden, etwa einer negativen Beziehung zu den Eltern.

Jugendliche dagegen, die sich intensiv in digitalen sozialen Netzwerken wie Facebook bewegen, sind in der Regel auch im direkten Austausch mit Gleichaltrigen sehr aktiv. Solche Medien werden unter anderem genutzt, um sich zu verabreden, denn Kinder und Jugendliche nennen als liebste Freizeitbeschäftigung auch heute noch das direkte Treffen mit Freunden.

Vielfalt als Gegenmittel gegen Einfalt

Auch die Instrumente in der schulischen Ausbildung sollten Fähigkeiten fördern, die man in der Welt von morgen benötigt, um sich kreativ und selbstbestimmt darin bewegen und bestehen zu können. Kinder können lernen, digitale Medien in Kombination mit anderen Lernmitteln sinnvoll zu nutzen.

Sie haben ein Recht auf eine fachlich und pädagogisch fundierte Medienbildung. Und ein Recht auch darauf, dass alle ihrer Gehirnfunktionen, körperlichen und sozialen Kompetenzen gefördert werden – nicht nur mit digitalen Medien, sondern mit einer grossen Vielfalt an Erfahrungen und Tätigkeiten.

Lesen Sie hier das Interview mit Manfred Spitzer: «Funktionen, die man nicht benutzt, verkümmern»

Zur Person:

Zur Person:

Daniel Süss, Jahrgang 1962, ist Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Professor für Publizistikwissenschaft an der Uni Zürich. Er forscht zum Medienalltag von Kindern und Jugendlichen und zur Prävention von Gefahren wie Cybermobbing und Handysucht. Für Interessierte empfiehlt er diese Webseite.

Tipps aus Sicht der Forschung

  • Inhalte digitaler Medien sollten dem Entwicklungsstand der Kinder gemäss ausgewählt werden.
  • Kinder dürfen mit diesen Medien nicht allein gelassen werden.
  • Erwachsene müssen die Zeit begrenzen, die junge Menschen damit verbringen.
  • Vor allem muss für eine anregende Umwelt für die Kinder gesorgt sein, damit sie vielfältige Fähigkeiten entfalten können.