Disneyland für Elite-Forscher

Die saudische King Abdullah University of Science and Technology soll Top-Forscher aus aller Welt anziehen und eine der besten Universitäten der Welt werden. Doch das ehrgeizige Projekt wird von vielen Wissenschaftlern wegen fehlender Menschenrechte im Land kritisiert.

Abdullah ibn Abd al-Aziz, kürzlich verstorbener König von Saudi-Arabien, hatte einen langjährigen Traum: Er wollte seine ganz eigene Universität gründen. Sie sollte an die grosse wissenschaftliche Tradition der islamischen Zivilisation anschliessen und die Forschung im arabisch-islamischen Raum wieder an die globale Spitze führen.

Kräne im Wüstensand

Bildlegende: Riesenbaustelle inmitten der saudischen Wüste: Innerhalb kürzester Zeit entstand eine Fahrstunde von Jeddah entfernt das Prestige-Bildungsprojekt des Nahen Ostens. Reuters

Im Jahr 2009 wurde der Traum wahr. König Abdullah weihte am Ufer des Roten Meeres die King Abdullah University of Science and Technology, kurz Kaust, ein. Nur wenige Jahre zuvor hatte es am Ort des heutigen Campus fast nur Wüste gegeben. Dann wurde im Auftrag des Königs in Windeseile eine luxuriöse Stadt des Wissens in den Sand gebaut.

Mindestens 10 Milliarden Dollar für eine saudische Top-Universität

Wie tief er in seine Schatulle griff, ist unklar. Offiziell ist die Rede von 10 Milliarden US-Dollar, gut unterrichtete Quellen sprechen gar vom Doppelten. Die Kaust ist eine der reichsten Universitäten der Welt, doch sie soll mehr werden: Ihr Ziel ist hoch gesteckt, sagt Pierre Magistretti. Der Schweizer ist Dekan der biologischen Fakultät: «Die Kaust soll sich einreihen in die besten Universitäten der Welt.»

Längerfristig soll die Elite-Uni der Zukunft dem Ölstaat Saudi-Arabien helfen, von seiner Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen loszukommen. Sie soll Wissen für neue Industrien im Land schaffen und die Gründung von Start-Up-Firmen ankurbeln.

Optimale Forschungsbedingungen inmitten der arabischen Wüste

Dafür braucht es Top-Forscher, die schon jetzt vom Reichtum der Universität aus aller Welt angelockt werden. Denn auch den Koryphäen unter den Wissenschaftlern wird normalerweise das Geld für die Forschung nicht nachgeworfen. An der Kaust jedoch müssen sie sich kaum mit dem Ausfüllen von Projektanträgen abmühen: Geld für ihre Forschung ist genug da.

Die Schweizer Geophysikerin Sabrina Metzger hat einige Monate an der Kaust gearbeitet. Sie erinnert sich an ihre erste Reise von der Küstenstadt Jeddah zur Universität, eine Stunde mit dem Taxi durch die Wüste: «Da ist links und rechts nicht viel ausser ein paar Kamele und viel Sand und Fels.»

Universitätsgelände der Kaust

Bildlegende: Eine Oase die Forschung: An der Kaust müssen sich die Wissenschaftler keine Sorgen um die Finanzierung ihrer Forschung machen. Kaust

Nähert man sich dem Campus, taucht ein Gelände hinter doppeltem Stacheldraht auf. Es patrouillieren schwer bewaffnete Wachen. «Im Innern ist der Campus ein bisschen wie ein Disneyland – da hat es Blumen, die Wiesen sind grün, und alles ist gepflegt und glänzig.»

Frauen sind willkommen – auch aus Saudi-Arabien

Die Bevölkerung dieser Wissensstadt ist international: aus den USA, Europa, China, dem Nahen Osten, Afrika. «Man kann Kontakt zu so vielen Kulturen und Menschen knüpfen, das war sehr bereichernd», sagt Sabrina Metzger. Die Kaust hat rund 150 Professoren und 800 Studenten. Etwa ein Drittel der Studierenden stammt aus Saudi-Arabien. «Darunter sind auch Frauen», sagt Dekan Magistretti stolz. Sonst sind die saudischen Hochschulen streng nach Geschlechtern getrennt.

Innerhalb der Forscheroase dürfen sich die saudischen Studentinnen mehr oder weniger so kleiden, wie sie wollen. Sie dürfen auch Auto fahren. Ausserhalb des Stacheldrahts ist das alles verboten. Auch westliche Kaust-Angehörige müssen sich diesen Gesetzen unterwerfen, wenn sie den Kampus verlassen, erzählt Sabrina Metzger: «Frauen müssen eine Abaya tragen, ein traditionelles islamisches Kleidungsstück.» Es ist knöchellang und aus dichtem schwarzem Stoff.

Kritik aus dem Ausland

Die Abaya steht für eine grössere Frage: Passt eine Oase der Wissenschaft in die Wüste Saudi-Arabiens? Dürfen westliche Wissenschaftler sich vom Monarchen füttern lassen? In einem Staat, in dem die Meinungsfreiheit nicht gilt und Frauen nur wenig zu sagen haben?

Universitäts-Absolventen warten auf die Zeremonie

Bildlegende: Auf dem Campus leben Frauen nach westlichen Massstäben: Kritiker bezweifeln, dass die Universität die Lebensbedingungen im Land beeinflussen kann. Kaust

Nicht wenige Kritiker der Kaust stellen sich diese Fragen, etwa der Chemie-Nobelpreisträger Richard Ernst von der ETH Zürich: «Solange in Saudi-Arabien keine Offenheit besteht, solange die Frauen in wissenschaftlichen Fragen nichts zu sagen haben, solange habe ich keine Hoffnung, dass dort relevante Forschung möglich ist.»

Die Wissenschaftler der Kaust mögen manche Erkenntnis gewinnen, sagt Ernst, sie mögen die Kaust vorne in internationalen Uni-Ranglisten etablieren können, aber sie werden nichts Bleibendes aufbauen können: eine Universität, die das wissenschaftliche Leben auf der arabischen Halbinsel reformieren könnte.

Wissenschaft in einem Land ohne Meinungsfreiheit – geht das?

Neue Nahrung erhielt die Kritik Anfang Jahr, als der Blogger Raif Badawi öffentlich 50 Stockhiebe erhielt, weil er die fehlende Freiheit in Saudi-Arabien kritisiert hatte. Badawi erlitt schwere Verletzungen und sitzt noch immer im Gefängnis – er ist zu zehn Jahren Haft und weiteren 950 lebensgefährdenden Stockhieben verurteilt worden.

Nach der Auspeitschung Badawis forderten Richard Ernst und 17 weitere Nobelpreisträger in einem offenen Brief den Präsidenten der Kaust auf, er müsse sich für den Dissidenten einsetzen. Kaust-Präsident Jean-Lou Chameau antwortete – einen Monat später – in einem Interview: Er weigere sich, die fehlende Meinungsfreiheit in Saudi Arabien zu kritisieren. Die Kaust-Professoren würden durch ihre wissenschaftliche Tätigkeit zu einem Wandel beitragen.

So sieht es auch Biologie-Dekan Pierre Magistretti. Die Zusammenarbeit mit anderen Universitäten im Land und die Ausbildung junger Saudis sorge für Veränderung: «Natürlich kann man aus dem Land wegbleiben und es von aussen kritisieren – aber das bringt nichts.»

Kein Zugang zur saudischen Bevölkerung

Um einen derart tiefgreifenden Wandel auszulösen, wie er in Saudi-Arabien aus westlicher Perspektive nötig wäre, braucht es wohl zumindest intensiven Kontakt mit den Menschen im Land und der weiteren Region, die ihre Ansichten und Gebräuche ändern sollen. Ob die Wissenschaftler der Kaust aus ihrer eingezäunten Oase heraus dies tatsächlich erreichen, scheint fraglich. Die ehemalige Kaust-Forscherin Sabrina Metzger sagt: «Ich denke, das ist eher schwierig.» Sie habe während ihres Aufenthalts nur oberflächliche Kontakte zu Einheimischen gehabt.

Auch Kaust-Professor Mark Tester denkt, dass der Kontakt enger werden müsse – «aber in letzter Zeit ist er schon viel intensiver geworden». Es brauche Zeit. Richard Ernst bleibt hingegen bei seiner Fundamentalkritik: «Wissenschaft steht für Freiheit – in diesem Fall wird sie missbraucht.»

König Abdullah, der das Experiment Kaust in Gang gesetzt hat, ist vor einigen Monaten gestorben. Es wäre interessant, seine Gedanken dazu zu kennen. Erhoffte er sich von der Universität tatsächlich nur Hilfe beim wirtschaftlichen Übergang weg vom Erdöl? Oder hielt ihn nachts manchmal doch die Angst wach, dass die Universität, sein Kind, eines Tages das Ende der Herrschaft seines Klans einleiten könnte?

Vielleicht erschien ihm dieser Gedanke insgeheim sogar reizvoller als man denkt.

Mehr zum Schwerpunkt «Welten des Islam»

«Die Uni Kairo ist für den Staat eine Art Kopfschmerz»

Die Elefantenuhr – technische Zauberei der islamischen Blütezeit

Kriege und Konflikte verstellen heute den Blick auf die Vielfalt des Islam. Um die zweitgrösste Weltreligion mit 1,6 Milliarden Gläubigen besser zu verstehen, bereist SRF die Welten des Islam.