Forschen im Krieg

Seit drei Jahren wütet der Krieg in Syrien. Das renommierte Agrarforschungsinstitut ICARDA musste seine ausländischen Wissenschaftler nach Hause schicken, nur rund hundert syrische Forscher betreiben noch vor Ort die Farm Tel Hadya. Ihre schwierige Situation kennt der Schweizer Paul Steffen.

«SRF Wissenschaftsmagazin»: Plünderungen und Bedrohungen sind an der Tagesordnung der ICARDA-Forscher in Tel Hadya bei Aleppo. Sie müssen sowohl mit den Rebellen als auch mit der Regierung zurande kommen, je nachdem, wer das Gebiet gerade kontrolliert. Wie gelingt das?

Paul Steffen: Von hier aus betrachtet denke ich, dass das bisher so gut gelingt, weil meine Kollegen niemanden provozieren. Sie schauen genau hin, hören zu und nehmen sich zurück, wenn es notwendig ist. Immer wenn sich Extremsituationen ergeben, kann es wieder kritisch werden. Aber zum Glück sind diese kritischen Situationen sehr, sehr selten. Und das liegt eben auch an der Sensibilität der verantwortlichen Personen.

Seit über 30 Jahren forscht die ICARDA an Getreide- und Bohnen-Sorten, die in trockenen Gebieten wachsen. Die Forschungsanstalt spielt eine wichtige Rolle in der Region – trägt das vielleicht dazu bei, dass bisher alles glimpflich verlaufen ist?

Die Nähe der Leute in der Region zur Farm Tel Hadya ist ganz zentral. Die Menschen wissen, dass dort für sie geforscht wird. Ich glaube, die grosse Wertschätzung trägt wesentlich dazu bei, dass auch die Regierungsgegner, die bewaffneten Gruppen, realisieren, dass die Arbeit von ICARDA mehr als nur Forschung ist. Dass sie einen Wert für die Menschen vor Ort hat – einen ganz unpolitischen.

Konnten Sie sich bei Ihrem letzten Besuch auf der Farm vorstellen, dass sich die Situation in Syrien so zuspitzt?

Ich war 2010 das letzte Mal dort. Damals haben wir das immer mal miteinander diskutiert, ob es sein kann, dass die Gewalt auch Syrien einmal treffen wird. Damals war ich auch in Aleppo und es war unglaublich schön ruhig und friedlich dort. Kurze Zeit später gab es dann im Rahmen des Arabischen Frühlings auch Demonstrationen in Syrien, zuerst im Süden, dann auch in Aleppo. Da wusste ich: Das wird nicht mehr stoppen, es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Bürgerkrieg kommt – und es wird lange dauern bis wieder Frieden einkehren wird.

Sollte ICARDA trotzdem in der Region weiterarbeiten, auch unter diesen Umständen?

Ich werde immer wieder gefragt: Wieso gehst du dorthin? Aber gerade in diesen Krisenregionen ist das wichtig. Das ICARDA ist ja da, um die Lebensumstände dort zu verbessern, wo es die Menschen von der Natur her und vom Klima her nicht so leicht haben. Deshalb ist auch die Agrarforschung in Aleppo so wichtig. Also: Ein großes Komplement an die Forschenden vor Ort, weil sie sich für diese Regionen einsetzen.

Zurzeit läuft Tel Hadya im Minimalbetrieb. Glauben Sie daran, dass ICARDA dort wieder einen geregelten Betrieb wird aufnehmen können?

Die Hoffnung von uns allen ist natürlich, dass wir nach Tel Hadya zurückgehen können. Wir hoffen, dass sich die Situation so weit verbessert, dass dort wieder Forschung möglich sein wird. Denn gerade in Regionen wie Syrien ist die Präsenz von Forschenden und von ICARDA enorm wichtig. Aber wann wir zurückkommen können – ob in fünf, oder in zehn Jahren – ist unmöglich zu sagen.

Zur Person

Paul Steffen leitet das Institut für Nachhaltigkeits- Wissenschaften der Agroscope ist im Beirat der ICARDA. Er steht in regelmässigem Kontakt mit den Mitarbeitern der Forschungsanstalt und kennt die Situation in Syrien gut.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Syrien-Flagge über Aleppo.

    Forschen im Krieg

    Aus Wissenschaftsmagazin vom 7.6.2014

    Syrien versinkt im Bürgerkrieg. Trotzdem harren rund hundert syrische Agrarforscher in Aleppo aus und versuchen, die Arbeit des renommierten Forschungsinstituts ICARDA weiterzuführen, wo seit über 30 Jahren an trockenheitsresistenten Sorten von Weizen, Gerste, Linsen und Bohnen geforscht wird