«Für viele Pharmafirmen sind Naturstoffe nicht interessant genug»

Wirkstoffe aus Tieren, Pflanzen oder Bakterien für die Medizin nutzen – das tut die Menschheit seit Langem. Auch der diesjährige Nobelpreis für Medizin ging an Naturstoff-Forschende. Doch ein Besuch in einem Naturstoff-Labor zeigt: Der Weg bis zu einem wirksamen Medikament ist steinig.

Eine Reihe von Fläschchen

Bildlegende: Stoffe aus der Natur: Die Regale im Labor sind gefüllt mit den verschiedensten Cyanobakterien. Stoffe daraus könnten eine Krankheit heilen. SRF/Pascal Biber

Erst vor wenigen Wochen ist er von der Universität Basel an die Universität Zürich gezogen: der Naturstoff-Forscher Karl Gademann, preisgekrönter Professor für organische Chemie und chemische Biologie. Noch ist nicht alles eingerichtet. Aber das Ausgangsmaterial seiner Forschung ist natürlich schon da: Es sind Cyanobakterien. Weil sie grün-bläulich schimmern, wurden sie früher auch Blaualgen genannt.

Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Gezüchtet werden sie in hunderten von kleinen durchsichtigen Fläschchen, die ganze Regalreihen füllen. Karl Gademann sucht in den Cyanobakterien nach neuen Wirkstoffen, giftigen wie heilsamen, die gegen Alzheimer helfen könnten oder gegen Infektionskrankheiten. «Es ist eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen», sagt Karl Gademann. Trotz modernster Computermodelle findet sie auch heute noch nur durch Ausprobieren statt; durch Versuch und Irrtum.

Porträt von Karl Gademann

Bildlegende: Karl Gademann: Der Chemiker untersucht die Natur, um Stoffe für die Heilung schwerer Krankheiten zu finden. SRF/Pascal Biber

Als erstes müssen einzelne Stoffe überhaupt aus der Biomasse, beispielsweise aus den Cyanobakterien, herausgelöst werden. Welches die beste Extraktionsmethode ist, auch das bleibtoft Versuch und Irrtum. Ist ein Stoff einmal isoliert, muss er weiter bearbeitet werden.

Wirkstoff gegen Malaria

Aus bestimmten Substanzen der Cyanobakterien konnte Karl Gademann bereits einen vielversprechenden Wirkstoff isolieren, der gegen Malaria wirkte – zumindest im Tierversuch. Für den Grundlagenforscher bedeutete dies das Ende seiner Arbeit: Er übergab seine Entdeckung an andere, anwendungsorientierte Forscher, zum weiteren Testen des Wirkstoffs.

Doch das Projekt versandete, weil der Wirkstoff noch nicht ausgefeilt genug war. So ist es mit der Naturstoff-Forschung: Sie ist kompliziert. Häufig gibt es an einem Wirkstoff nach der Entdeckung noch vieles auszusetzen.

Es braucht einen langen Atem

Da hilft nur die künstliche Verbesserung im Labor. Doch dazu braucht es einen langen Atem. «Für viele grossen Firmen – nicht für alle – sind Naturstoffe nicht interessant genug, weil die Entwicklung eines potenziellen Medikamentes zu lange dauert», sagt Karl Gademann. Schnellere Erfolge erhoffen sie sich durch synthetische, also völlig künstlich hergestellte Wirkstoffe.

Er bleibt trotzdem dran, forscht zum Beispiel an neuen Antibiotika und Stoffen gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten. Vielleicht werden diese dereinst zu einem Segen für die Menschheit – so wie die Entdeckungen der diesjährigen Nobelpreisträger.

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Mehr Hintergründe zu den Nobelpreisen 2015: im «Wissenschaftsmagazin» am 10. Oktober um 12:40 Uhr auf SRF 2 Kultur.