Kampf gegen Krebs: Mäuse vertreten Menschen

Ein Mensch, der heute an Krebs erkrankt, hat eine Fülle an Medikamenten zur Auswahl. Doch oft ist unklar, wem welches Präparat hilft. Onkologen versuchen deshalb mit Mäusen, die an Stelle eines Patienten Tests durchlaufen, zielsicher das richtige Medikament zu finden. Ein Klinikbesuch in Madrid.

Eine Labormaus auf eine Hand in einem blauen Handschuh.

Bildlegende: Therapie-Helfer: Labormäuse könnten in Zukunft dazu beitragen, die richtigen Medikamente für Patienten auszusuchen. Imago

Manuel Hidalgo hat viel zu tun. 30 neue Krebsmedikamente hat er bisher mitentwickelt. Er ist Arzt am Centro de Oncología Clara Campal, einer Klinik in Madrid, und forscht am nationalen Krebsforschungszentrum Spaniens. Gerade erst hat er neue Forschungsgelder bekommen. Mit dem Geld will er eine Methode, die zunächst sehr nach Science Fiction klingt, auf eine breitere, wissenschaftliche Basis stellen.

Menschliche Tumore in Mäusen

«Wir nennen unsere Studie ‹Avatar-Studie›, nach den Computer-Spielen, in denen sich jeder ein virtuelles Alter Ego schafft. Denn genau das tun wir», sagt der Onkologe. Die Forscher nehmen von Patienten, bei denen Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wird, eine Probe ihres Tumors und pflanzen das Gewebe in Mäusen ein.

Das Ziel: Der Tumor wird in den Mäusen vermehrt und dann können die Ärzte in den Tieren verschiedene Therapien testen – die Mäuse werden zu Avataren der Patienten. Schlägt ein Medikament an, stehen die Chancen gut, dass es auch dem Patienten hilft.

Der spanische Onkologe versucht so, ein Problem zu lösen, das Krebsmediziner weltweit beschäftigt. Trotz aller Fortschritte, trotz vieler neuer Medikamente, bleiben die Erfolge in der Klinik oft aus. Das gilt nicht nur, aber vor allem für Krebsarten wie Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Welches Medikament für wen?

Ein Grund ist, dass die Mediziner oft nicht wissen, welches Medikament sie welchem Patienten geben sollen. Viele der neuen Wirkstoffe wirken zwar sehr gut, aber immer nur bei einem sehr kleinen Teil der Patienten. Teilweise lässt sich vorhersagen, welches Medikament greifen wird und welches nicht. Dann nämlich, wenn der Tumor bestimmte Mutationen hat, die zum Medikament passen. Doch oft ist die Lage nicht so eindeutig.

Da setzt Manuel Hidalgo mit seinen Mausavataren an. Er lässt von den Tumoren zunächst ein ausführliches Genprofil erstellen. Dabei achtet er besonders auf gut 500 bekannte Tumorgene. Aus der Genanalyse kann er zwar häufig noch nicht sicher ableiten, welches Medikament wirken wird, doch er kann fast immer eine Liste mit möglichen Kandidaten erstellen.

All diese Medikamente am Patienten auszuprobieren, kommt nicht in Frage. Und genau hier kommen die Mäuse ins Spiel: Die Ärzte vermehren den Tumor in der Maus, und bekommen so pro Patient 30 bis 40 Mäuse. An ihnen können sie die Medikamente von der Liste testen.

Auch abseitige Möglichkeiten testen

«Oft finden wir dabei auch heraus, dass ein Medikament anschlägt, das gar nicht für Bauchspeicheldrüsenkrebs zugelassen ist, oder dass bestimmte Zellgifte wirken könnten. Solche eher abseitigen Versuche machen wir direkt am Patienten eher nicht», sagt Hildago.


Maus hilft Krebspatient

8:03 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 17.10.2015

Bisher ist das Projekt in Madrid nur eine Pilotstudie. Der klare Nachweis, dass die Methode den Patienten zuverlässig helfen kann, steht noch aus. Gerade deshalb hat Hidalgo die Studie jetzt ausgeweitet.

Wenn der Forscher zeigen kann, dass die Therapie dank der Mäuse tatsächlich besser wird, glaubt er, dass auch die Kosten von mehreren tausend Franken pro Patient tragbar wären: «Wenn man das in Relation setzt zu den Kosten für Medikamente, die dann oft nicht wirken und nur Nebenwirkungen auslösen, dann erscheint einem das gar nicht mehr so teuer.»

Die Mäuse der Krebsforscher

Die Mäuse der Krebsforscher

Eine Nacktmaus im Einsatz für die Krebsforschung. Reuters

Die Mäuse haben kein Immunsystem; sonst würden sie fremdes Tumorgewebe abstossen. Ähnliche Tiere hatten schon in den 1980er-Jahren für Euphorie gesorgt: die «Nacktmäuse». Die Mutation, die ihr Immunsystem lahm legt, stört auch das Fellwachstum. Doch die Resultate enttäuschten. Heute werden ähnliche Mäuse dank besserer Methoden wieder eingesetzt.