Parkour: Diese Kräfte halten Freerunner aus

Selbstmörderisch oder ein Mordsspass? Freerunner turnen beim sogenannten Parkour halsbrecherisch durch die Stadt. Biomechaniker Beat Göpfert analysiert, welche Kräfte auf die Athleten einwirken – und erklärt, warum die Knochen nicht nur halten, sondern regelmässige Schläge sogar brauchen.

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Parkour in Zahlen

1:14 min, vom 10.6.2015

Beat Göpfert, im Video wirkt bei einer Landung das 13-fache Körpergewicht auf die Gelenke ein. Wie hält unser Körper das aus?

Auch im Alltag sind wir kurzzeitig relativ hohen Beschleunigungen ausgesetzt. Schon nur beim normalen Treppensteigen oder talwärts Wandern kann das fünffache Körpergewicht auf Hüft- oder Kniegelenke wirken. Wenn wir stolpern, ist es sogar das sieben- oder achtfache Körpergewicht. Unser Skelett ist für solche Schläge also gewappnet. Mehr noch: Wir brauchen regelmässig Erschütterungen wie beim schnellen Gehen, damit die Knochen gesund und stark bleiben.

Kann man sagen, ab wann es zu viel ist und ein Knochen bricht?

Das ist sehr unterschiedlich. Mit dem Alter werden die Knochen spröder und brechen leichter. Es spielt auch eine grosse Rolle, wie die Kraft wirkt. Das ist wie bei einem Bleistift: Wenn ich präzise die Längsachse belaste, kann er einer ziemlich hohen Kraft standhalten. Wenn ich ihn aber biege und die Kraft seitlich wirkt, bricht er viel früher. Deswegen gibt es keine allgemeinen Richtwerte.

Nützt Krafttraining etwas?

Eine gute Muskulatur ist sehr wichtig, sie kann vor Verletzungen schützen. Es kommt aber nicht alleine auf die Masse an, sondern noch fast mehr auf die Koordination im Muskel und das Zusammenspiel zwischen den Muskeln. Ein Bodybuilder hat also nicht unbedingt den besseren Schutz als jemand, der drahtig ist, aber über eine gute Koordination verfügt.

Sind die Kräfte beim Parkour aussergewöhnlich hoch?

Bei den Landungen werden sicher Spitzenwerte erzielt. Aber bei einem Kunstturner, einem Leichtathleten oder auch einem Fussballer, der in vollem Lauf einen Haken schlägt, wirken ähnliche Kräfte. Staunen muss ich immer wieder über die Belastungen in Sportarten, von denen man denken würde, dass sie weniger intensiv sind. Auf das Kniegelenk eines Golfspielers können beim Abschlag die gleichen Druckkräfte wirken, wie wenn man mit den Skis zügig carvt.

Zur Person

Biomechaniker Beat Göpfert

privat

Beat Göpfert (47) ist Biomechaniker an der Universität Basel und am Universitätskinderspital beider Basel. Für SRF hat er die Kräfte beim Parkour untersucht. Dafür verwendet er eine Kraftmessplatte, die nach dem Prinzip einer Badezimmerwaage funktioniert. Distanzen und Geschwindigkeiten berechnet er anhand der Differenz zwischen zwei Einzelbildern.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Parkour: Belastungsprobe für die Gelenke

    Aus Einstein vom 11.6.2015

    Sie gehen Wände hoch, springen von Dach zu Dach und trotzen der Schwerkraft: Sogenannte Traceure überrennen in Städten mit athletischen Höchstleistungen jedes noch so unüberwindbar scheinende Hindernis. Sprungkraft, Schnelligkeit und Balancefähigkeit dieser City-Akrobaten sind atemberaubend. Welchen Kräften sind Parkour-Athleten ausgesetzt, wo sind ihre Grenzen? «Einstein»-Moderator Tobias Müller versucht es zusammen mit Sportwissenschaftlern herauszufinden und hat's selbst ausprobiert.