Soll das gefährliche Mers-Virus einem Land gehören?

Das Mers-Coronavirus kursiert in Saudi Arabien seit einem Jahr; auch in Europa ist es nachgewiesen. 30 Menschen sind gestorben; man weiss von rund 60 Infizierten. Doch wer unter welchen Bedingungen mit dem Virus forschen darf, ist umstritten. Dabei drängt die Zeit.

Um sich vor dem neuen Virus zu schützen, trägt ein Spitalmitarbeiter in Khobar City in Saudi Arabien eine Schutzmaske.

Bildlegende: Angst vor Infektionen: Um sich vor dem neuen Virus zu schützen, trägt ein Spitalmitarbeiter in Khobar City in Saudi Arabien eine Schutzmaske. Reuters

Im Zentrum des Streits steht der Mikrobiologe Ali Mohamed Zaki. Er arbeitete bis vor kurzem in einem Privatspital in Saudi Arabien und ist der eigentliche Entdecker des Mers-Virus. Zaki wurde vor ziemlich genau einem Jahr von Kollegen ans Bett eines schwerkranken Patienten gerufen. «Der 60-jährige Mann war mit einer Lungenentzündung, Fieber und Atemnot ins Spital eingetreten», erzählt er. «Sein Zustand verschlechterte sich rapide. Nach zwei Tagen versagten seine Nieren.»

Die Ärzte vermuteten bald ein Virus als Ursache und Zaki begann eine fieberhafte Suche. «Wir haben auf alle möglichen Viren getestet. Grippe, Parainfluenza, Adenoviren, Hantaviren und so weiter», sagt Zaki, «nach elf Tagen, am 24. Juni, starb der Patient und alle Virentests, die wir bis dahin gemacht hatten, waren negativ.»

Zwei Forscher entschlüsselten den Erreger

Der Patient war tot und Zaki in grosser Sorge. Er hatte es mit einem neuen, völlig unbekannten Erreger zu tun, so viel war klar. Er rief Ron Fouchier in Rotterdam an, einer der renommiertesten Virenexperten weltweit. Fouchier versprach Hilfe und Zaki schickte ihm eine Probe des Virus in die Niederlande. Mit vereinten Kräften kamen die beiden Forscher dem Virus auf die Spur. Bald war klar: Ein Coronavirus hatte den Patienten getötet.

Teile des Mers-Virus, aufgezeichnet mit einem Elektronenmikroskop.

Bildlegende: Als gefährlich eingestuft: Mers-Viren, aufgezeichnet mit einem Elektronenmikroskop. Cynthia Goldsmith, Maureen Metcalfe, Azaibi Tamin / Wikipedia

Als Zaki in Saudi Arabien das endgültige Test-Resultat sah, lief es ihm kalt den Rücken hinunter. «Ich hatte Angst vor einer Ansteckung mit dem neuen Virus. Während der Sars-Krise hatten sich damals sehr viele Spitalmitarbeiter angesteckt», sagt Zaki. Der Erstentdecker von Sars, der WHO-Arzt Carlo Urbani, ist an Sars gestorben.

Sanktion gegen Entdecker des Virus

Dieses Schicksal ist Ali Mohamed Zaki erspart geblieben, aber auch er nahm wegen seiner Entdeckung Unbill auf sich: Nach 20 Jahren Dienst am Spital in Jeddah musste er eine neue Arbeitsstelle suchen. Denn Zaki hat den Zorn des saudischen Gesundheitsministeriums auf sich geladen. Stein des Anstosses war seine Zusammenarbeit mit Ron Fouchier in Rotterdam. Zaki hätte das Virus nicht ohne Erlaubnis ins Ausland schicken dürfen, wirft ihm das saudische Ministerium vor. Nun sei das Virus sozusagen in niederländischer Hand, und das behindere die Forschung weltweit.

Das Erasmus University Medical Center in Rotterdam hat nämlich ein Patent angemeldet, etwa auf eine spätere Impfstoff-Entwicklung. Und jeder Forscher, der mit den niederländischen Proben arbeiten möchte, muss unterschreiben, damit keine kommerziellen Interessen zu verfolgen.

Ein solches Vorgehen sei zwar durchaus üblich in der Forschung, sagt David Fidler, Experte für internationales Recht von der Indiana University in den USA. «Doch bei potenziell gefährlichen, neuen Erregern wie dem Mers-Virus sind Patente und ähnliche Einschränkungen heftig umstritten», so Fidler.

Rechte am Virus an das Ursprungsland?

Er sieht im Fall von Mers bis anhin aber kein Problem mit dem Vorgehen des Erasmus Medical Center. Denn es gäbe keinen konkreten Hinweis darauf, dass die Forschung tatsächlich behindert würde. Die Klage des saudischen Gesundheitsministeriums sei haltlos. «Und sollte das neue Mers-Coronavirus zur globalen Bedrohung werden, könnten gerade Patente sicherstellen, dass Impfstoffe überhaupt entwickelt würden. Denn Patente schaffen für Pharmafirmen klare Verhältnisse», sagt Fidler. «Ich glaube nicht, dass Erasmus sich am neuen Coronavirus bereichern will.» 

Doch sollte ein Patent – wenn schon – nicht in saudischem statt in niederländischem Besitz sein? Immerhin ist Saudi Arabien ja Ursprungsort der neuen Krankheit und daher möglicherweise zu Recht erbost darüber, dass nun die Niederlande so etwas wie «Besitzer» des Mers-Virus sind. »Die Idee wird schon lange diskutiert, dass die Ursprungsländer in so einem Fall ein Virus sozusagen rechtlich besitzen«, sagt Fidler.

Dahinter stehe eine konkrete Sorge, denn im Fall einer Pandemie könnte die weltweite Nachfrage nach Impfstoff so gross werden, dass einige Länder das Nachsehen haben könnten und nicht ausreichend Impfstoff erhalten. Länder wie Saudi Arabien wollen sicher sein, so Fidler weiter, dass sie ihre Bevölkerung im Notfall versorgen können.

Zähes Ringen um eine Kooperation

Einen vergleichbaren Fall gab es bei der Vogelgrippe 2009. Damals weigerte sich Indonesien, gewisse Viren an die WHO herausrücken. Nach vier Jahren zäher Verhandlung habe man aber ein internationales Abkommen aushandeln können, an dem auch die Pharmaindustrie mitwirkte, sagt David Fidler. Dabei verpflichteten sich alle Länder im Fall von Grippe zur engen Zusammenarbeit mit der WHO und erhalten im Gegenzug dafür die Zusicherung, dass sie im Notfall genügend Impfstoff erhalten.

Dieses Grippe-Abkommen sollte nun auch auf Coronaviren ausgedehnt werden. Denn nur, wenn die Länder unter der Schirmherrschaft der WHO eng zusammenarbeiten, kann ein neuer Erreger wie das Mers-Virus in Schach gehalten werden. Doch das Abkommen auszudehnen, das sei kompliziert, sagt Fidler, weil so viele Verhandlungspartner an einem Tisch sitzen.

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Gefährliches Coronavirus

5:34 min, aus Einstein vom 30.5.2013