Umstrittene Universitäts-Rankings: Reformen sind in Sicht

Ranglisten von Hochschulen werden immer wichtiger: Politik, Medien und Gesellschaft wollen wissen, welche Universität im Vergleich wie gut abschneidet. Mit dem Einfluss der Rankings wächst aber auch die Kritik. Experten fordern mehr Vielfalt bei den Ranglisten, um die Realität besser abzubilden.

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Sinn und Unsinn von Hochschulrankings

7:33 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 17.01.2015

Welche Universität steht zuoberst auf dem Treppchen? Welche steigt im Ranking auf? Welche fällt zurück? Das sind wichtige Fragen für den Ruf einer Hochschule – und damit auch für ihren Erfolg. Nur wer einen guten Ruf hat, kann die besten Studentinnen und Studenten, Forscherinnen und Forscher an sich binden.

Deshalb werden die drei einflussreichsten Hochschul-Ranglisten Jahr für Jahr mit Spannung erwartet: das QS-Ranking, das Schanghai-Ranking sowie das Ranking der Fachzeitschrift «Times Higher Education». Dessen Herausgeber Phil Baty war vor kurzem an der ETH Zürich zu Gast und hat dargelegt, wie er das Ranking verbessern will. Denn Verbesserungen sind nötig, weil die Kritik an den Universitäts-Ranglisten in den letzten Jahren immer lauter wird.

Masse gewinnt?

Viele Experten zweifeln die Methodik an. Ausserden fürchten sie, die Universitätsleitungen achteten zu sehr auf die Rankings. «Damit lassen wir uns die Qualitäts-Kriterien von aussen diktieren, statt sie durch einen internen Diskurs festzulegen.» So hat Harald Bugmann, Professor an der ETH Zürich, diese Befürchtung vor kurzem auf den Punkt gebracht (in einem Artikel im ETH-Intranet).

«Akademiker mögen eben keine simplen Kennziffern», sagt Baty dazu. «Aber sie lieben Daten. Und wer die Daten konstruktiv nützt, der wird auch respektiert.» Stimmt das? Der Volkswirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger von der Universität Fribourg hat sich in seiner Arbeit schon mit Hochschul-Rankings befasst. Er findet sie zur generellen Orientierung ganz praktisch und hat tatsächlich einen gewissen Respekt für die Arbeit, die dahinter steckt.

Doch Eichenberger sieht auch grosse Probleme: Wenn man als Politiker oder Rektor zu sehr auf die Rankings achte, verschlafe man langfristige Entwicklungen, «genau wie Firmen, die zu sehr auf die Quartalszahlen starren.» Diese Gefahr sieht auch Phil Baty. Er kritisiert zum Beispiel jene Universitäten, die fusionieren, nur um durch ihre schiere Grösse im Ranking aufzusteigen – so geschehen etwa in Frankreich.

Viele Rankings (wenn auch nicht jenes von «Times Higher Education») zählen nämlich einfach Publikationen, Patente, Nobelpreise und so weiter zusammen. Masse gewinnt. Das kann man ausnutzen, um die Zahlen zu manipulieren, zum Beispiel mit einer Fusion.

Die ETH rückt nach hinten

Dabei sei für die Bildungspolitik doch nicht die Grösse entscheidend, sondern was eine Universität aus den vorhendenen Ressourcen mache, meint Eichenberger. Er hat das für die Schweiz einmal untersucht, zusammen mit zwei Studenten. Dabei kam eine völlig andere Rangliste heraus. Die ETH Zürich – sonst immer Musterschülerin – findet sich da plötzlich weit hinten wieder. Sie ist zwar weltweit führend, braucht aber auch viel Geld. Die Universität Basel hingegen ist «billiger»; sie erreicht viel mit vergleichsweise wenig Geld.

Das heisst, es kommt sehr drauf an, wie man die Rankings berechnet. «Es ist völlig verrückt zu glauben, man könne alles in einer Zahl messen», sagt Volkswirt Eichenberger. Nur Vielfalt bei den Rankings könne der Vielfalt der Universitätslandschaft gerecht werden. «Dann hat ein einzelnes Ranking auch nicht mehr so viel Macht.»

Feiner aufgesplitterte Ranglisten

Diese Meinung teilen viele Forscherinnen und Forscher. Zum Beispiel auch die Initianten von U-Multirank, einem neuen Ranking der EU. Hier kann jeder Nutzer seine eigenen Prioritäten eingeben und bekommt die entsprechende Rangliste dargestellt – zum Beispiel zur Lehre oder zur wirtschaftlichen Bedeutung einzelner Universitäten innerhalb eines bestimmten Landes.

Auch Phil Baty hat den Trend hin zu immer feiner aufgesplitterten Ranglisten erkannt. Deshalb will sein Team von «Times Higher Education» in Zukunft mehr verschiedene Rankings anbieten. Damit wird der Vergleich differenzierter; es geht allerdings auch etwas die Orientierung verloren.

Übrigens: Der Ranking-Kritiker Reiner Eichenberger arbeitet an der kleinen Universität Fribourg, gehört laut der NZZ aber trotzdem zu den einflussreichsten Ökonomen der Schweiz. Weshalb? Weil er sich so gerne in öffentliche Debatten einmischt. Aber auch das ist natürlich nur ein Ranking unter vielen.

Was ins Ranking einfliesst

Das Ranking von «Times Higher Education» beachtet die Forschungsleistung einer Uni und den Wissenstransfer - etwa anhand von Veröffentlichungen, Nobelpreisen und Patenten - aber auch die Internationalität und die Lehrqualität. Zudem wird jährlich in einer Umfrage der Ruf der Unis erhoben. Die Rohdaten sollen vermehrt frei online zugänglich sein.