Uno-Stresstest: «Jedes Land ist ein Entwicklungsland»

Ende September hat die Staatengemeinschaft neue Entwicklungsziele verabschiedet. Sie sollen die Welt gerechter, aber auch gesünder und ökologischer machen. Und sie richten sich an alle Länder – nicht mehr nur an arme. Ein Bericht zeigt nun: Die Ziele sind auch für reiche Länder sehr anspruchsvoll.

Verschiedene Flaggen wehen vor dem Uno-Gebäude in New York

Bildlegende: Die Welt verändern: Um die globalen Nachhaltigkeits-Ziele umsetzen zu können, haben auch die reichen Industriestaaten noch einiges zu tun. Imago

Bisher waren die Entwicklungsziele der Uno eine Art Hausaufgabe an die armen Länder: Bekämpft den Hunger, die Armut, senkt die Kindersterblichkeit. Die neuen Ziele gelten nun für alle – und sie sind viel umfassender: 17 sind es insgesamt und sie fordern beispielsweise Fortschritte bei erneuerbaren Energien, weniger Verbrauch von Ressourcen und grössere soziale Gerechtigkeit.

Das Stichdatum ist 2030. Aber bereits heute lässt sich anhand verschiedener Indikatoren abschätzen, wie gut die Länder unterwegs sind. Das hat Christian Kroll von der deutschen Bertelsmann-Stiftung getan – und zwar hat er sich auf die reichen Länder konzentriert: «Unser Stresstest für die reichen Staaten ist der erste seiner Art». Er zeigt: Er gibt viel zu tun.

«Die reichen Staaten sind auf dem Weg, die neuen Nachhaltigkeitsziele massiv zu verfehlen», warnt Kroll. Die Länder gingen verschwenderisch mit den natürlichen Ressourcen um und sie schafften es nicht, die soziale Kluft zu vermindern.

Christian Kroll hat für alle 17 Zielbereiche wie Gleichberechtigung, Wirtschaft und Arbeit oder Gesundheit jeweils zwei Indikatoren ausgewählt, um die Länder zu vergleichen. Bei der Gesundheit zum Beispiel sind es die Lebenserwartung und die Zufriedenheit der Menschen. Das ergibt Länder-Ranglisten für jedes der 17 Ziele – und ein Gesamtranking: «An der Spitze stehen die skandinavischen Länder». Allen voran Schweden, das eine starke Wirtschaft verbinden könne mit einem hohen Anteil an erneuerbaren Energien.

Diagramm

Bildlegende: Schweiz auf Platz 5: Gesamt-Ranking der 34 untersuchten Uno-Länder (zum Vergrössern klicken). Bertelsmann-Stiftung

Die Schweiz auf Platz 5

Die Schweiz folgt als erstes nicht-skandinavisches Land auf Platz 5 von 34 Ländern (siehe Grafik). Sie punktet mit einer hohen Beschäftigungsquote, zufriedenen Bürgern und dem sorgsamen Umgang mit Wasser. Schlechter schneidet sie bei der Gleichberechtigung ab – Stichwort Frauenanteil im Parlament – und bei den Städten, wegen einer relativ hohen Belastung mit Feinstaub.

Eine der schlechtesten Noten verdient sich das Recycling-Land Schweiz aber ausgerechnet beim Abfall: Pro Kopf produziert jede Schweizerin und jeder Schweizer über 700 Kilogramm Müll pro Jahr. Das hochindustrialisierte Japan kommt mit der Hälfte aus und führt noch nicht einmal die Liste an. Trotzdem hat der Nationalrat kürzlich die Revision des Umweltschutzgesetzes abgelehnt, die den Ressourcenverbrauch hätte senken sollen.

Die Bertelsmann-Studie soll aufzeigen, von welchen Staaten man lernen kann, sagt Christian Kroll: Schweden etwa demonstriere, wie wirksam Lenkungsabgaben auf CO2 seien. Dadurch gebe es dort nun viel mehr Biomasse- statt Ölheizungen. Und Branchen mit weniger Energiebedarf seien stärker gewachsen, zum Beispiel die Dienstleistung.

Weisse Weste mit Schmutzspuren

In diesem Punkt zeigen sich aber auch die Grenzen solcher Vergleiche: Wenn beispielsweise in Schweden ein Stahlwerk wegen der CO2-Abgabe einfach nach China umgezogen ist, statt seine Energie-Effizienz am alten Standort zu erhöhen, dann hat zwar Schweden eine weissere Weste, aber global gesehen ändert sich nichts. Man muss also wissen, wie ein solcher Vergleich basierend auf den Uno-Zielen zu lesen ist.

Manche Kritiker sagen, die Schwächen der Uno-Entwicklungsziele seien noch fundamentaler, weil sie letztlich auf ein stetes Wachstum der Wirtschaft setzten, um zum Beispiel grössere Gerechtigkeit zu schaffen. Ein stetes Wachstum aber liessen die natürlichen Grenzen der Erde gar nicht zu. Die Uno-Ziele seien in sich widersprüchlich.

Wie soll sich die Welt entwickeln?

Aber Christian Kroll verteidigt sie – denn die Ziele böten die Chance, dass eine Debatte darüber in Gang komme, wie sich die Welt weiter entwickeln soll. Der Bedarf ist da, das zeigt das Fazit aus Christian Krolls Studie: «Letztlich machen die neuen Entwicklungsziele aus jedem Land ein Entwicklungsland.»

Die Uno-Ziele sind freiwillig, es wird keine Strafe geben, wenn ein Land sie bis in 15 Jahren nicht erreicht hat. Umso wichtiger sei es, sagt Christian Kroll, dass die Zivilgesellschaft die Entwicklung beobachtet und sich einmischt, wenn es nötig ist. Genau so, wie es sein Bericht nun tut.

Mehr zum Thema im «Wissenschaftsmagazin» am 3. Oktober 2015 um 12:40 Uhr auf Radio SRF2 Kultur

Die 17 neuen Zielbereiche

1. Armut, 2. Landwirtschaft und Ernährung; 3. Gesundheit; 4. Bildung; 5. Geschlechtergerechtigkeit; 6. Wasser; 7. Energie; 8. Wirtschaft und Arbeit; 9. Industrie und Innovation; 10. Ungleichheit; 11. Städte; 12. Konsum und Produktion; 13. Klima; 14. Ozeane; 15. Artenvielfalt; 16. Sicherheit; 17. Globale Partnerschaft

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