Unser Gehirn ist schlau – doch sich selbst versteht es nicht

Das Bewusstsein ist ein Phänomen, das der Mensch vor allem sich selbst zuschreibt. Doch was meinen wir, wenn wir Bewusstsein sagen – und wo sitzt es? Philosophen fragen sich das seit über 2'000 Jahren und seit einem Vierteljahrhundert auch die Hirnforscher. Doch vorweisen können Letztere noch wenig.

MRT-Bild eines menschlichen Gehirns

Bildlegende: Suche nach dem «Bewusstsein»: Moderne bildgebende Verfahren geben Einblicke ins Gehirn – doch das «Ich» haben Wissenschaftler noch nicht gefunden. Imago

Bewusstseinsforscher haben ein grosses Problem. Sie wissen nicht, wonach sie eigentlich suchen. Denn Bewusstsein ist ein von Philosophie und Psychologie äusserst schlecht definiertes Phänomen. Ob die Hirnforschung hier mehr Klarheit schaffen kann oder ob sie selbst längst durch das bis anhin nur dürftig umschriebene Bewusstseinskonzept in die Irre geleitet wurde, muss sich zeigen.

Warum sind wir «Ich»?

Zwar haben sich bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert. Durch sie können die Forscher das lebende Gehirn besser durchschauen. Sie können beispielsweise sehen, wie es arbeitet, wenn wir eine Aufgabe lösen oder meditieren. Doch die Bilder haben bisher noch keine neuronalen Mechanismen und Gehirnareale sichtbar gemacht, die eindeutig verraten, wie uns die grauen Hirnzellen das Gefühl geben, dass wir in unserem Kopf sind – dass wir «Ich» sind.

Neurowissenschaftler versuchen mithilfe der Selbstaussage von Versuchspersonen Verbindungen zwischen Hirnaktivierungsmustern und Bewusstseinszuständen herzustellen. Aber die bisherigen Studien können nicht klar belegen, dass die beobachteten Aktivierungsmuster im Gehirn direkt mit Bewusstsein zu tun haben. Es könnte sich auch um die Spuren von Prozessen handeln, die mit dem bewussten Erleben gar nichts zu tun haben.

Bewusstsein ist nicht nur ein philosophisch und psychologisch komplexes Phänomen, sondern auch ein neurologisch schwer zu fassendes. Es sind verschiedene Hirnareale beteiligt, wenn uns Sinneseindrücke, Gefühle oder unser «Ich» bewusst werden. Kürzlich haben Forscher in Studien mit Primaten zwei Areale identifiziert, die aktiv sind, wenn unser Hirn beschliesst, Sinneseindrücke ins Bewusstsein rücken zu lassen. Die beiden Regionen sind das entwicklungsgeschichtlich junge Vorderhirn, das unter anderem unsere Urteilsfähigkeit und Impulskontrolle steuert, und die Schläfenlappen, wo das Gedächtnis und das Sprachzentrum sitzen.

Das Gehirn summt

Es hat sich auch gezeigt, dass das Bewusstsein einen Sound, einen Rhythmus hat. Unser Gehirn steht ständig unter Strom, weil die Hirnzellen mittels elektrischer Ladungen miteinander kommunizieren. Je nachdem, in welchen Bewusstseinszuständen wir sind – ob wir nachdenken oder meditieren etwa – gehen die elektrischen Impulse in unterschiedlichen Wellenmustern durchs Gehirn.

Lösen wir etwa eine schwierige Rechenaufgabe, synchronisiert sich die ganze Hirnrinde, dirigiert von Neuronen des Vorderhirns, in einem bestimmten Rhythmus. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang auch vom summenden Gehirn.

Man muss wissen, wonach man sucht

Bewusstseinsforscher haben also durchaus spezifische Phänomene im Hirn beobachten können. Aber sie können nicht erklären, warum diese beobachteten neuronalen Vorgänge von bewusstem Erleben begleitet sind. Die im Hirn entdeckten Prozesse können die Essenz des Bewusstseins, die individuelle Wahrnehmung der Welt, der Gefühle, des freien Willens und des Selbst nicht deutlich machen – und damit auch nicht die wahre Natur des Bewusstseins. Dessen sind sich heute viele führende Neurowissenschaftler sehr bewusst.

Sie fordern deshalb im Austausch mit Philosophen, noch einmal ganz neu über das Bewusstsein nachzudenken – darüber, was es ist, welche Facetten es hat. Man müsse wissen, wonach man suche, um das, was man findet, besser interpretieren zu können.