Unser Leben platzt aus allen Nähten

Der durchschnittliche europäische Haushalt beherbergt rund 10'000 Objekte; in den USA sind es drei Mal so viel. In ein paar Tagen, zu Weihnachten, werden es für jeden von uns wieder ein paar Stücke mehr sein. Warum fällt es uns so schwer, uns von Dingen zu trennen?

Eine Reihe von Barbies und andere Puppen werden in einem Zimmer präsentiert.

Bildlegende: Jede Barbie wurde gezählt: Die Studie «Life at Home in the 21st Century» listet auf, wie viele Dinge eine durchschnittliche Familie besitzt. J. Arnold, Center on Everyday Lives of Families

Eigentlich hat Anthony Graesch sich ja eine vernünftige Methode ausgedacht, um die Spielzeugzufuhr für seine beiden Kinder – vier und sechs Jahre alt – unter Kontrolle zu halten. «Wir packen eine Tasche mit mindestens zehn Stück altem Spielzeug», erläutert der Anthropologe von der University of Connecticut, «und diese tragen wir zur Second-Hand-Kette Goodwill und spenden sie.» Dann darf sich jedes Kind ein neues Spielzeug aussuchen. Warum die Spielzeugberge dennoch nicht schrumpfen? «Weil Grosseltern und sonstige Verwandte es sich nicht nehmen lassen, die Kinder zu Geburts- und Feiertagen wie Weihnachten mit Geschenken zu überhäufen.»

Berge von Hausrat in den Garagen

Anthony Graesch selbst überlegt sich mittlerweile genau, was er sich anschafft. Das ist seine persönliche Lehre aus einem mehrjährigen Forschungsprojekt, Life at Home in the 21st Century.

Porträt von Anthony Graesch mit Brille, Glatze und schwarzem Hemd.

Bildlegende: Anthony Graesch: Seit den Ergebnissen seiner Studie, denkt der Professor für Anthropologie anders über Besitztümer. J. Arnold, Center on Everyday Lives of Families

Ein Team von Archäologen, Anthropologen und Psychologen dokumentierte über neun Jahre, wie 32 Mittelstandsfamilien im 21. Jahrhundert im Raum Los Angeles leben, wie sie ihr Daheim nutzen, was sie darüber denken, wie sie die Zeit darin verbringen, was sie kaufen. Im Zuge dessen wurde jeder Gegenstand katalogisiert: jede Barbie-Puppe, jedes gerahmte Familienfoto, jeder Kühlschrankmagnet. Fast alle Familien klagen über den Überfluss an Zeug und fragen sich ständig: Wohin damit? Anthony Graesch erinnert sich noch lebhaft an Garagen mit – im wörtlichen Sinn – Bergen von altem Hausrat, Spielzeug, Mobiliar oder Sportausrüstung.

Keine Rituale zur Entsorgung

Zu einem Erb- oder zu einem Bastelstück der Kinder habe man gewiss eine persönlich Beziehung, so der Forscher. Doch das, was man gemeinhin Zeug nennt, falle nicht in diese Kategorie. «In gestressten Doppelverdiener-Haushalten mit Kindern schaffen sich Menschen oft Dinge an, damit der Alltag flotter abläuft. Zumindest glauben sie das. Oder sie kaufen Zeug, um wiederum Zeug zu organisieren.» Die Anschaffung von Objekten wäre ja kein Problem, solange man Platz hat, sagt Graesch, aber: «Was uns fehlt, sind Rituale, wie man den Kram wieder los wird.»

An Möglichkeiten, seine Sachen loszuwerden, fehlt es zumindest theoretisch nicht. «Die Leute sagen oft, ach, den Kram verkaufe ich auf dem nächsten Flohmarkt oder ich stelle ihn auf Craigslist. Aber irgendwie kommt es nie dazu», meint Anthony Graesch.

Kein rationales Wirtschaftsdenken

Warum fällt es uns so schwer, uns von Dingen zu trennen? Schlicht und einfach: Weil wir an persönlichem Besitz nun einmal hängen. Wir neigen sogar dazu, den Wert von Objekten, die wir besitzen, zu überschätzen. So erklärt sich beispielsweise, warum jemand für eine Handtasche nicht mehr als, sagen wir 50 Franken zahlen würde. Doch besitzt man das gute Stück einmal – egal ob geschenkt oder selbst gekauft –, dann verlangt man kühn 150 Franken dafür. Auch wenn es in der hintersten Ecke des Schranks dahinvegetiert und man es eigentlich nicht mehr haben will. Diese Trennungsunlust vom Objekt und die damit verbundene Überschätzung nennt sich Endowment- oder Besitztumseffekt.

«Dieses Verhalten widerspricht dem, was man rationales Wirtschaftsdenken nennt» erklärt Scott Rick. Der Ökonom an der University of Michigan hat sich dieses Verhalten gemeinsam mit einer Gruppe von Hirnforschern genauer angeschaut. Sie luden 24 Testpersonen ins Labor; im Magnetresonanztomographen trafen diese Kauf- und Verkaufsentscheidungen, während ihr Gehirn durchleuchtet wurde. Dabei ging es um begehrte Objekte wie Digitalkameras, iPods und Flashdrives. Und wie erwartet: Viele Probanden würde einen MP3-Player für 35 Dollar kaufen; doch verkaufen würden sie ihn nicht unter 70 Dollar. Verkaufen werde immer als Verlust empfunden, meint Rick Scott.

EIne Garage, die mit Dingen vollgestopft ist.

Bildlegende: Vieles wird in Garagen aufbewahrt ... nur keine Autos. Dinge auch wieder loszuwerden, geht im Alltagsstress oft unter. J. Arnold, Center on Everyday Lives of Families

Die Forscher beobachteten bei Verkaufsentscheidungen Aktivität in der so genannten Inselrinde. Diese regt sich immer dann, wenn jemandem etwas unangenehm ist, wenn er sich unfair behandelt fühlt. Je mehr Aktivität in der Inselrinde, desto höher war der Preis, den ein Proband für sein Objekt haben wollte. Der Gedanke also, etwas zu verschenken oder für wenig Geld auf dem Flohmarkt zu verscherbeln, liegt dann wohl jenseits der Schmerzgrenze.

Kommt eine minimalistische Zukunft?

Doch auch wenn Besitz- und Konsumwut uns heute noch beherrschen, die Zukunft der Menschheit könnte minimalistischer aussehen, glaubt zumindest Geoffrey Miller. Der Evolutionspsychologe an der University of Albuquerque zerbricht sich bevorzugt den Kopf über Status und Objekte: «Was wir kaufen sagt mehr über unsere Selbstrepräsentation aus als darüber, was wir gern haben».

Technologie verändere nun, wie wir uns selbst darstellen. Geoffrey Miller beobachtet interessante Verschiebungen im Verhalten. «Zumindest in meinem Freundeskreis ist Ansehen oft nicht mehr an Materielles sondern an soziale Netzwerke geknüpft. Zum Beispiel: Wie viele Likes bekomme ich für meinen Facebook Update?»

Eine solche Beobachtung regt die Fantasie eines Evolutionspsychologen an, der ja zwangsläufig in grossen historischen Bögen denkt. Geoffrey Miller schickt seine Doktoranden für Forschungsprojekte immer wieder auch zu Jäger-und-Sammlergesellschaften, wo der einzelne sehr wenig besitzt. Was dort zählt, so Miller, ist eigentlich das gleiche, das einem viele Likes einträgt: Wie witzig bin ich; welche Geschichten weiss ich zu erzählen; wie viele Freunde habe ich? Wer weiss – vielleicht werde der Mensch der Zukunft wieder ein ähnliches Verhältnis zu Besitz haben wie unsere Vorfahren.

Besitztumseffekt

Bezeichnet das Phänomen des Auseinanderklaffens von Kauf- und Verkaufspreis. Die Theorie besagt, dass der wahrgenommene Wert eines Gutes höher ist, wenn man es besitzt. So würden Menschen zum Beispiel für ein Bild, das sie besitzen, deutlich mehr verlangen, als sie für ein Bild vergleichbarer Qualität zu zahlen bereit wären.

Mehr zum Thema: im «Wissenschaftsmagazin» am 20. Dezember um 12:40 Uhr auf Radio SRF 2 Kultur