Virus bedroht Ernährung von 500 Millionen Menschen

Maniok ist für eine halbe Milliarde Menschen in Afrika und Asien eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel. Oftmals gar das einzige. Doch die Knolle ist bedroht und mit ihr die Menschen, die von ihr leben. In Afrika breitet sich ein Pflanzenvirus aus, das grosse Teile der Ernten vernichtet

Eine Frau in Nigeria sitzt vor einem Haufen Maniok-Knollen.

Bildlegende: Ohne Maniok müssten viele Menschen hungern: Eine nigerianische Frau schält Maniok-Knollen auf einem Markt in Lagos. Keystone

Maniok-Experten sind alarmiert. Das Virus verbreitet sich ungewöhnlich rasch über den afrikanischen Kontinent. Die Angst ist gross, dass es bald auch nach Nigeria gelangt – dort wird weltweit am meisten Maniok produziert und konsumiert. Maniok ist für Afrika ein ausserordentlich wichtiges Nahrungsmittel. 300 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner ernähren sich hauptsächlich von dieser stärkehaltigen Knolle.

Auf den ersten Blick ist alles gut

Das Virus verursacht die so genannte Braunstreifenkrankheit Cassava Brown Streak Disease (CBSD). Das CBSD-Virus verfärbt die Knollen braun und macht sie ungeniessbar. Doch ob ihre Maniok-Pflanzen befallen und ungeniessbar sind, sehen die Bäuerinnen und Bauern erst bei der Ernte, wenn sie die Knollen ausgraben. Über dem Boden sieht man den kartoffelähnlichen Pflanzen nichts an. Zum Zeitpunkt der Ernte ist es zu spät für einen zweiten Anbau; Maniok-Pflanzen brauchen neun bis zwölf Monate bis zur Reife.

Bereits fallen dem neuen Virus jährlich 50 Millionen Tonnen Maniok-Knollen zum Opfer. In Uganda, wo die Brown-Streak-Krankheit vor fünf Jahren zum ersten Mal auftrat, zerstört sie bereits die Hälfte der Ernte. Und die Virus-Pandemie dringt immer weiter in den Westen des Kontinents vor, mittlerweile hat sie sich über Zentralafrika bis in den Westen nach Angola ausgebreitet.

Flüchtlingsströme verbreiten das Virus

Vor allem zwei Gründe sind ausschlaggebend: Zum einen vermehren sich die weissen Fliegen, die das Virus übertragen, wegen der Klimaerwärmung stark. Doch das Hauptproblem ist der Mensch, sagt Hervé Vanderschuren, Pflanzenbiotechnologe und Maniok-Forscher an der ETH Zürich: «In Afrika sind Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Gewalt. Unter den wenigen Besitztümern, die sie mitnehmen, sind in der Regel Maniokstecklinge, auch infizierte. Die Flüchtlingsströme sind mittlerweile das wichtigste Vehikel zur Verbreitung des Virus».

Eine Frau und ein Mann stampfen Maniok-Wurzeln auf einem Markt in Laos, Nigeria.

Bildlegende: Aus Maniok-Wurzeln wird Brei gestampft: Portugiesen brachten Maniok nach Afrika; als Nahrung für die Sklaven während der Fahrt nach Amerika und zum Kultivieren. Keystone

Maniok spielt in den Konflikten eine überaus wichtige Rolle für die Nahrungssicherheit, denn Maniok gedeiht auch auf mageren Böden und ist –da es unter dem Boden wächst – vor schnellen Zerstörungsaktionen von Eindringlingen geschützt.

Die Ernährung der Zukunft steht auf dem Spiel

Bekannt ist das «Brown Streak Disease»-Virus ist schon länger. Doch derzeit verbreitet sich eine neue, aggressivere Variante, die ausgerechnet jene Pflanzen schädigt, die sich in der Vergangenheit als verhältnismässig resistent erwiesen haben. Maniok galt bislang als «Rambo» unter den Grundnahrungsmitteln, als besonders robuster und verlässlicher Stärkelieferant. Landwirtschaftsexperten setzten sehr grosse Erwartungen in die Pflanze, die in Zukunft noch viel mehr Menschen ernähren sollte. Nun hoffen sie, dass das Virus unter Kontrolle gebracht wird, bevor es in die Hauptproduktionsgebiete des Kongobeckens und Nigerias vordringt. 

Forschungs-Initiative gefordert

Maniok-Spezialist Hervé Vanderschuren sagt deshalb, man müsse in einem ersten Schritt alte traditionelle Pflanzen finden, die auch das neue Virus aushalten. In einem zweiten Schritt sei auch die Zucht gentechnisch veränderter Maniok-Pflanzen denkbar, sagt der Pflanzenbiotechnologe. Vanderschuren arbeitet bereits heute in einem Forschungsverbund mit verschiedenen afrikanischen Instituten an der Entwicklung CBSD-resistenter Manioksorten. Aber solche Züchtungen bräuchten mindestens 10 bis 20 Jahre Zeit.

Ernährungsfachleute fordern nun eine internationale Forschungs-Initiative – ähnlich jener gegen die Kartoffelkrankheiten, wie sie der Westen nach dem Zweiten Weltkrieg vorangetrieben hat. Die Hoffnung ruht auf grossen Geldgebern wie der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung, die sich bereits in den letzten Jahren in der Maniok-Forschung engagiert hat.