Was Regenwälder und Bauchnäbel gemeinsam haben

Der Ökologe Robert Dunn studierte früher die Ökosysteme in Regenwäldern, nun widmet er sich dem Bauchnabel. Denn auch ein Nabel hat sein Ökosystem: Versteckt in seinen Falten leben Milliarden von Bakterien. Über sie war kaum etwas bekannt – bis Robert Dunn mit seinem Tupfer kam.

Die Nabelschau der besonderen Art hat eine verblüffende Vielfalt aufgedeckt – fast wie in einem Regenwald: In den Abstrichen von 60 Bauchnäbeln fanden sich 2'188 verschiedene Bakterienarten, manche davon waren der Wissenschaft bisher komplett unbekannt, schreiben Dunn und sein Team im Fachmagazin PLOS One.

Etwa ein Dutzend der dingfest gemachten Arten kommt sehr häufig vor, in vielen Bauchnäbeln und jeweils in sehr grosser Zahl. Dies sind Bakterienarten, die man von anderen Hautpartien kennt: Staphylokokken zum Beispiel oder Bacillus. Sie haben sich im Lauf der Evolution gut an die harschen Bedingungen der Haut angepasst. Harsch, weil meist sehr trocken – Robert Dunn spricht von «der Wüste Haut».

Selbst der Forscher wundert sich

Auch Skurriles förderten die Forscher aus den Tiefen der Bauchnäbel zutage: In Dunns eigenem Nabel lebt ein Bakterium, das Pestizide vertilgen kann: «Keine Ahnung, wie das dahin gekommen ist», wundert er sich. Und bei einem Studienteilnehmer, der sich noch nie gewaschen haben will, tauchten Archaeen auf, urzeitliche Einzeller, die sonst an allerlei extremen Orten leben, zum Beispiel in kochend heissen Quellen.

Die Forscher versprechen sich Fortschritte in einer ganzen Reihe von Disziplinen, wenn sie in Näbeln bohren und mehr über die dortigen Ökosysteme herausfinden, zum Beispiel in der Medizin. Die Abermilliarden von Bakterien, die auf unserer Haut leben, haben eine wichtige Funktion in der Abwehr von Krankheitskeimen, allein schon deshalb, weil sie die verfügbaren Plätze auf dem Körper besetzen. Weiss man mehr über diese nützliche Bevölkerung auf der Haut, kann man vielleicht Menschen helfen, die anfällig für Infektionen sind.

Sehr wahrscheinlich sind Bakterien auf der Haut auch wichtig bei der Entwicklung des Immunsystems, sagt Robert Dunn: «Wenn man Ratten ohne Keime auf der Haut aufwachsen lässt, so entwickelt sich ihr Immunsystem nicht richtig.» Bei Menschen könnte es ähnlich sein.

Unsere engsten Mitbewohner

Robert Dunns Interesse für Ökosysteme, die nah am Menschen sind, reichen über den Bauchnabel hinaus. Er untersucht zum Beispiel auch die Bakterien und Insekten, die in unseren Wohnungen und Häusern leben. Erstaunlicherweise wisse man darüber sehr wenig, obwohl dies genau die Arten seien, mit denen wir Menschen am engsten zusammenwohnen. Und zweitens sei auch dies aus medizinischen Gründen interessant: «Wir fragen uns etwa, welche Eigenheiten in einer Wohnung führt dazu, dass sich dort eher Krankheitskeime einnisten? Oder was kann man tun, damit sie nicht kommen?»

Bisher hat Dunns Team die Wohnungen und Häuser von 80 Freiwilligen untersucht. Was er schon herausgefunden hat: Die Bakterien, die es in die Küche zieht, unterscheiden sich von jenen, die in der Stube leben – nicht besonders erstaunlich. Wie aber ist es damit: Bakteriologisch lässt sich eine WC-Brille nicht vom Kopfkissen unterscheiden. Was sich jedoch unterscheiden lässt: ob ein Kopfkissen von einer Frau oder einem Mann benützt wird; bei der WC-Brille funktioniert das auch.

Wissenschaft für alle

Sowohl beim Wohnungs- als auch beim Bauchnabel-Projekt arbeitet Dunn mit Laien zusammen. Sie stellen ihre Näbel zur Verfügung, oder ihre Wohnungen, aber die Kooperation geht weiter: Dunn ruft auf den Projekt-Webseiten  auch zur intellektuellen Mithilfe auf: Laien sollen ihre Hypothesen nennen oder Experimente vorschlagen. Das habe schon viel Interessantes ergeben, sagt Dunn: «Zum Beispiel fragte jemand, wohin sich die Ameisen in seiner Küche im Winter zurückziehen.» Eine einfache Frage? Bisher sei das schlicht unbekannt. Oder jemand anders regte an, man solle bei den Bauchnäbeln untersuchen, ob die Bakterienbesiedelung davon abhänge, ob jemand per Kaiserschnitt geboren worden sei oder nicht.

Robert Dunn hofft, dass der Kontakt zwischen Wissenschaft und Gesellschaft besser wird, wenn Laien an der Forschung beteiligt werden. «Jetzt ist die Wissenschaft doch oft sehr weit von den Menschen und ihrem Alltag entfernt.» Wer ihn beim Wort nehmen will, kann dies tun: Das Bauchnabel-Projekt wird ausgeweitet: Neu wagen sich die Forscher mit ihren Tupfern auch an die Achselhöhlen.

Terra incognita: Warum Robert Dunn seinen Tupfer nun auch in Achselhöhlen steckt: im Wissenschaftsmagazin am Samstag, 19. Januar, um 12:40 Uhr auf Radio SRF 2 Kultur.