«Wir gewinnen einen Teil unserer Identität zurück»

Mahleaha Buckskin ist einzigartig. Sie wächst mit einer Muttersprache auf, die schon ausgestorben war: Kaurna könnte wieder aufleben – dank ihres Vaters und Aufzeichungen von deutschen Missionaren im 19. Jahrhundert.

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Kaurna-Unterricht mit Jack Buckskin (Univ. of Adelaide/ Youtube)

2:33 min, vom 22.2.2013


Die gerettete Sprache

8:59 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 23.02.2013

Das australische Mädchen Mahleaha Buckskin kann von sich mit Fug und Recht behaupten, es sei einzigartig. Die Zweijährige wächst mit einer Muttersprache auf, die niemand sonst auf der Welt besitzt. Es ist die Sprache Kaurna - sprich: «Gana», ein Idiom der australischen Aborigines, das im frühen 20. Jahrhundert ausgestorben ist.

Doch nun erlebt die Sprache eine Wiedergeburt. «Kaurna ist die Sprache unserer Vorfahren», sagt Mahleahas Vater Jack Buckskin. «Wenn wir sie wieder sprechen, so gewinnen wir einen Teil unserer Identität zurück.»

Sprache von Missionaren konserviert

Diese Wiedergeburt ist nur möglich, weil sich im 19. Jahrhundert zwei deutsche Missionare für die Sprache Kaurna interessierten. Christian Teichelmann und Clamor Schürmann hielten etwa 3500 Kaurna-Wörter fest, 200 Sätze und die grundlegende Grammatik. «Das ist genug, um die Sprache zu rekonstruieren und fast alles zu sagen, was wir wollen», sagt Rob Amery, ein Sprachwissenschaftler von der Universität Adelaide.

Als die Missionare in den 1840er-Jahren die Sprache des Kaurna-Volkes in der Adelaide-Ebene Süd-Australiens dokumentierten, war es schon fast zu spät. Die europäischen Einwanderer hatten Krankheiten wie Pocken mitgebracht, die viele Kaurna dahinrafften. Ab 1845 verbot der Gouverneur von Adelaide den Gebrauch der Sprache. Die Kaurna-Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und in englischsprachigen Internaten aufgezogen. 1929 starb Ivaritji; sie soll die letzte vom Volk der Kaurna gewesen sein, die die angestammte Muttersprache gesprochen hat.

«Viel regelmässiger als Englisch»

Junge Nachfahren von Ureinwohner bei einem traditionellen Tanz namens Woggan-ma-gule bei einer Darbietung in Sydney.

Bildlegende: Kultur der Ureinwohner: Junge Nachfahren von Aboriginies beim Tanz namens Woggan-ma-gule bei einer Darbietung in Sydney. Reuters

Erst als die Ureinwohner Australiens 1967 endlich gesetzlich als vollwertige Menschen anerkannt wurden, konnten sie diese Kultur wieder entdecken. Es ist ein sehr langsamer Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Der Linguist Rob Amery hat mithilfe der Aufzeichnungen der Missionare Kaurna gelernt: «Die Sprache ist nicht übermässig schwierig, sie ist etwa viel regelmässiger als Englisch.»

Gewöhnungsbedürftig ist sie aber allemal. Zum Beispiel gibt es in einem Satz keine feste Wortabfolge. Wenn man denn will, darf man sagen: «Biss der gescheckte böse Mann den wehrlosen Hund» – denn die Wörter werden mit Anhängen so gekennzeichnet, dass klar ist, welche zusammengehören: wer da wen gebissen hat.

Wissen teilweise für immer verloren

Auch die Aussprache, die Schweizer Ohren etwas an Tamilisch erinnert, konnte rekonstruiert werden, weil die Missionare Teichelmann und Schürmann im 19. Jahrhundert auch die Laute festhielten, so gut es ging. Trotzdem ist manches unwiederbringlich verloren. Zum Beispiel Wortspiele, Metaphorisches, fast alles, was über die nackte Bedeutung der Wörter hinaus ging. Immerhin weiss man noch, dass Kaurna-Mädchen mit Liebeskummer früher nicht das Herz brach, sondern die Leber.

Der 26-Jährige Jack Buckskin begann 2006, Kaurna zu lernen. Heute ist er der beste Kaurna-Sprecher. Er, der früher den Rasen eines Golfplatzes gemäht hat, gibt jetzt Kurse an Schulen und der Universität. Seit seine Tochter Mahleaha vor zwei Jahren auf die Welt gekommen ist, führt er ein aufregendes Experiment durch: Er spricht mit ihr nur Gana, ihre Mutter Englisch. Malia ist die erste, die wieder mit Gana aufwächst; es ist sozusagen ihre Vatersprache.

Ein beliebtes Fach an Schulen

Etwa zehn Worte benutze Mahleaha aktiv, erzählt ihr Vater: Zum Beispiel «muyinmu», wenn sie nach «mehr» Essen verlange. «Ngangkita», Mutter, müsse Mahleaha noch etwas üben. Den Unterricht für seine Tochter geht Papa Jack pragmatisch an. Fehlt ihm beim Spiel ein Wort in Kaurna, so ersetzt er es mit einem aus einer verwandten Aboriginie-Sprache. Oder er erfindet zusammen mit Linguist Amery neue Wörter. Ein Telefon zum Beispiel ist ein «Warraityati» - «ein Stimmen sendendes Ding», und die Seife ist ein «schäumender Stein». Wenn Mahleaha in die Pubertät kommen und es Mädchenthemen zu besprechen geben wird, dann werde er aber auf Mama zählen, sagt Jack Buckskin.

Seine Kaurna-Kurse an der Schule starten für 8-Jährige. Das Fach ist freiwillig, aber mittlerweile beliebter als andere Zweitsprachen wie Französisch oder Chinesisch. Und das nicht nur bei Kindern des Kaurna-Volkes. Mehrere tausend Kinder haben schon Kurse absolviert, und knapp hundert Menschen in Adelaide geben wieder an, sie sprächen etwas Kaurna zuhause. Es ist der vielversprechende Beginn einer Renaissance, von der Jack Buckskins Tochter Mahleaha in 20, 30 Jahren ihren Kindern wohl stolz berichten wird – in Kaurna.

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Jack Buckskin spricht Kaurna (University of Adelaide/Youtube)

0:29 min, vom 22.2.2013