«Wir sind auch nur Menschen»

Treffen Schiedsrichter Fehlentscheide, passiert das hoffentlich nicht mit Absicht. Meist ist schlicht unsere limitierte Wahrnehmungsfähigkeit verantwortlich, die uns eine ganz eigene Wahrheit vorgaukelt. Ein neues Übungstool könnte Schiedsrichtern bald helfen, einige Fehlentscheide zu vermeiden.

Urs Schnyder schaut sich auf einem Bildschirm Abseitsszenen eines Fussballspiels an.

Bildlegende: Mehr Übung für Schiedsrichter: Mit seinem Trainingstool von Schiedsrichter Urs Schnyder können seine Kollegen ihre Wahrnehmung schulen. SRF

«In dem Moment als ich pfiff, war ich hundertprozentig davon überzeugt, dass es ein Penalty war», erinnert sich Challenge-League-Schiedsrichter Urs Schnyder, «aber im Nachhinein ist man immer klüger.» Denn die Videoanalyse nach dem Spiel zeigte klar: Es war kein Penalty. Schnyder hatte die Situation auf dem Spielfeld falsch eingeschätzt.

«Wenn solche Fehler passieren, macht man sich natürlich grosse Vorwürfe. Die betroffene Mannschaft hätte nicht verloren, wenn ich die Situation in dem Moment richtig beurteilt hätte», hadert der 28-Jährige. Doch er weiss: Fehlentscheide wie dieser passieren immer wieder.

Beschränkte Wahrnehmung

Verantwortlich dafür ist die limitierte menschliche Wahrnehmung. «Schnelle Bewegungen, wie sie bei einem Fussballspiel vorkommen, kann der Mensch nicht 1:1 wahrnehmen», weiss Schnyder. Das menschliche Gehirn ist dafür zu langsam. Aus den 24 Bildern pro Sekunde, die es verarbeitet, entstehe eine sehr subjektive Wahrheit, zusätzlich sei das Blickfeld beschränkt, sagt Schnyder: «Wenn ich einem Spieler auf den Oberkörper oder die Arme gucke, kann es gut sein, dass ich nicht mitkriege, wie er gerade einem anderen Spieler auf den Fuss tritt oder eins mit dem gestreckten Bein verpasst». Mit der Zeit könne man gewisse Situationen aber schon im Voraus riechen.

Ein Videogame für Schiedsrichter

Urs Schnyder weiss, wovon er spricht: Er hat bereits 360 Spiele geleitet. Erfahrung ist im Schiedsrichterjob alles. Je mehr Spiele, desto besser können Situationen eingeschätzt werden. Auch die Videoanalysen nach den Spielen sind wichtig, bei denen der Schiedsrichter Entscheidung für Entscheidung noch einmal durchgeht.

«Die Spielerfahrung sowie diese Videoanalysen genügen jedoch nicht», erklärt Schnyder. Die Fehlerquote sei zu hoch. Er schätzt, dass pro Spiel zehn bis zwölf Fehlentscheide gefällt werden. Die häufigsten seien Abseits- und Foul-Entscheide.

Deshalb arbeitet Schnyder derzeit an einem Trainings-Tool für Schiedsrichter – einer Art Videogame, das verschiedene mögliche Spielsituationen simuliert (siehe Box). Das Projekt realisiert er am Institut für Sportwissenschaften der Uni Bern, wo er als Doktorand angestellt ist.

Abseits – oder nicht?

Insgesamt 60 Probanden – Schiedsrichterassistenten und Laien – wird er die verschiedenen Abseitssituation auf Video vorspielen. Jeder Proband steht dabei auf einer fiktiven Abseitslinie – exakt an der Stelle, an der auch der Schiedsrichterassistent stehen würde. Eine Eye-Tracking-Brille registriert jede Augenbewegung. Die Spezialbrille ist an zehn Kameras gekoppelt, die jede Kopfbewegung der Probanden erfasst. So kann genau ermittelt werden, wohin der Proband geschaut hat, als er den Entscheid «Abseits» oder «kein Abseits» gefällt hat. Auch ob es Unterschiede im Sehverhalten von geschulten Schiedsrichtern und Laien gibt, wird so aufgezeichnet.

Technische Hilfsmittel

Doch braucht es dieses Trainingstool, wo die Diskussion um technische Hilfsmittel für Schiedsrichter heiss läuft? In wenigen grösseren Stadien kommt heute schon Tortechnologie zum Einsatz, die zeigt, ob wirklich ein Goal gefallen ist. «Diese Technik ist hilfreich bei Schwarz-Weiss-Entscheiden; ob der Ball nun wirklich drin war oder nicht», erklärt Schnyder. «Aber ob es nun ein Foul war oder doch keines, das ist eine von vielen Grauszenen, die auch Kameras nicht genau entschlüsseln können.»

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Schiedsrichtern werden deshalb immer Fehler unterlaufen. «Wir sind ja auch nur Menschen», sagt der Schnyder. Er weiss, dass er auch weiterhin von wütenden Fans beschimpft werden wird. Damit hat er gelernt umzugehen.

Was ihn viel mehr stört ist das generelle Unverständnis der Zuschauer, Spieler und Funktionäre. Sätze wie: «Das war so klar» oder «Das ist ja amateurhaft, dass er das nicht gesehen hat» machen ihm schon zu schaffen. «Es ist immer leicht, die Zeitlupe aus zehn verschiedenen Winkeln anzuschauen. Dieses Hilfsmittel haben wir auf dem Spielfeld noch nicht. Ich wünsche mir deshalb sehnlichst mehr Verständnis für unseren Job.»

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