Wissenschaftsverlage in der Kritik

Der Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen ist sehr teuer. Verlage verlangen hohe Abo-Preise von den Universitätsbibliotheken – auf Kosten des Steuerzahlers. Doch es regt sich Widerstand: Das sogenannte Open-Access-System soll das kritisierte Geschäftsmodell unter Druck setzen.


Junge Frau mit Brille greift sich Buch aus einem Bücherregal

Bildlegende: Teure Informationen: Wissenschaftliche Verlage verdienen viel Geld mit Abos für Fachzeitschriften. Reuters

«Das akademische Publikationswesen ist ziemlich defekt», sagt Christian Gutknecht vom Schweizerischen Nationalfonds. Damit sich Forscherinnen und Forscher nämlich über den neuesten Stand der Forschung schlau machen können, muss die öffentliche Hand ziemlich tief in die Tasche greifen. Die Abonnemente vieler wissenschaftlicher Fachzeitschriften sind enorm teuer. Und weil Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf den Zugang zur Fachliteratur angewiesen sind, können die Wissenschaftsverlage von den Universitätsbibliotheken sehr hohe Preise für Abonnemente verlangen – Geld, das von den Steuerzahlern kommt. Damit erwirtschaften gewisse Grossverlage bis zu 40 Prozent Gewinn. Das ist eine Gewinnmarge, von der andere Branchen nur träumen können. Doch wo es Gewinner gibt, sind auch Verlierer.

Der Steuerzahler bezahlt doppelt

Wenn öffentlich finanzierte Forschung betroffen ist, zahlt der Steuerzahler nämlich gleich zwei Mal. Zuerst bezahlt er das Forschungsprojekt, das neue Resultate generiert. Und dann bezahlt er auch noch den Zugang zu diesen Resultaten, also dafür, dass die Forschungsresultate durch die Universitäts-Bibliotheken der Öffentlichkeit – und auch anderen Forschenden – überhaupt zur Verfügung gestellt werden.

Die Verlage selber sehen darin kein Problem. Der weltweit grösste und für seine Preispolitik stark kritisierte Verlag Elsevier schreibt auf Anfrage von SRF: «Der Gewinn ist einfach das Resultat eines guten Service am Kunden.» Zudem habe der Verlag viel in seine digitale Publikationsinfrastruktur investiert. Die Rechtfertigung der Kosten ist das eine. Die fehlende Transparenz bei den Abogebühren ist das andere.

Universitäten schweigen

Wie viel die Universitäten den Verlagen für die Fachzeitschriften-Abos bezahlen, ist nämlich geheim, denn die meisten Verträge enthalten Geheimhaltungsklauseln. Das musste Christian Gutknecht erfahren, als er von allen Schweizer Universitätsbibliotheken wissen wollte, wieviel sie für ihre Zeitschriftenabonnemente in den letzten Jahren gezahlt haben. Bis auf die Università della Svizzera italiana verweigerten alle Universitäten diese Information. Gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz versuchte es Christian Gutknecht erneut. Vor kurzem legte die ETH Zürich als erste die Summen offen. Insgesamt rund sechs Millionen Franken zahlte die ETH im Jahr 2014 nur schon an die drei grössten Verlage Elsevier, Springer und Wiley. Doch gegen die hohen Abogebühren der Fachverlage regt sich seit längerem Widerstand. Ein Systemwechsel wird vorangetrieben.

Open-Access-System gefordert

Das Zauberwort heisst «Open Access» – ein System, bei dem Forschende oder deren Universität eine Zeitschrift einmalig bezahlen für die Begutachtung und Publikation eines Manuskripts. Danach ist der Artikel im Internet gratis für alle zugänglich. Die Forderung nach Open Access gibt es schon länger, und die meisten Universitäten haben sich in einer Deklaration auch zu diesem Prinzip verpflichtet. Verlage wollen allerdings nicht alle mitziehen.

Das heisst, die Wissenschaftscommunity müsste sich von sich aus den bereits existierenden Open-Access-Zeitschriften zuwenden – und davon gibt es bereits viele sehr gute. Weil das aber eben auch kostet, müssten die Universitäten gleichzeitig die Abonnemente für wichtige Bezahlzeitschriften kündigen. Und da fürchten die meisten Universitäten den Unmut ihrer Forschenden, die dann zu bestimmten Zeitschriften eben nur noch erschwerten Zugang hätten. „Das braucht sehr viel Mut für eine Universität“, sagt Christian Gutknecht. Mut, den vereinzelt Universitäten schon hatten, die den Vertrag mit Elsevier zeitweise aussetzten.

Elsevier in Holland unter Druck

Jetzt weht dem niederländischen Verlag ausgerechnet aus dem eigenen Land eine noch steifere Brise entgegen. Sämtliche niederländischen Universitäten haben sich nämlich zusammengeschlossen und ihre Abonnemente mit den Wissenschaftsverlagen neu verhandelt. Ihre Vorgabe: Alle Publikationen, bei denen die Autoren Geld von der öffentlichen Hand erhalten haben, müssen frei zugänglich sein. Dafür sind die Universitäten bereit, weiterhin gewisse Abonnementsgebühren zu bezahlen. Es ist also eine Kompromisslösung, die grosse Verlage wie Springer und Wiley unterstützen. Nur Elsevier habe sich bisher geweigert, sagt der Universitätsbibliothekar Kurt de Belder, der am Projekt massgeblich beteiligt ist. Die niederländischen Universitäten hätten den Vertrag mit Elsevier vorsorglich ab 2016 gekündigt. Als Signal, dass sie es ernst meinten.

In der Schweiz zeichnet sich nichts dergleichen ab. Für die Schweizer Steuerzahler bleibt also der Ärger: Die Wissenschaftsverlage verdienen sich mit ihrem Geld eine goldene Nase.

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