«Zeit ist nicht knapp – wir machen sie knapp»

Wir können Zeit nicht mehr durch Schnelligkeit, sondern nur noch durch Verdichtung gewinnen, sagt Zeitforscher Karlheinz Geissler. Und bezeichnet diese Verdichtung als riesiges Feldexperiment mit ungewissem Ausgang. Er rät dringend dazu, mehr nach unsere inneren Uhr als nach der Uhrzeit zu leben.

Portrait des Zeitforschers Karlheinz Geissler

Bildlegende: Karlheinz Geissler: «Die Verknappung der Zeit ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang» Michael Schrenk

«Hätten Sie Zeit für ein Interview?» Bei Karlheinz Geissler tönt die Journalistenfrage fast etwas anbiedernd, denn der Wirtschaftspädagoge ist in erster Linie ein gefragter Zeitforscher. Aber beim Anruf um 13 Uhr 20 stellt sich schnell heraus, dass Karlheinz Geissler nicht nur Zeit hat, sondern dass er sie sich für «Einstein» auch nimmt.

«Einstein»: Herr Geissler, können Sie mir sagen, wie spät es ist?

Karlheinz Geissler: Nein, kann ich nicht genau. In München scheint gerade die Sonne, da kann ich's ungefähr einschätzen. Es ist wohl etwa halb zwei. Im Nebel bin ich nicht so genau… Ich brauche selten eine Uhr, weil ich meine Zeit nicht nach der Uhr, sondern nach meinem eigenen Rhythmus einteile.

Aber viele Menschen sind doch froh um ein Raster, um die Einteilung des Tages in Stunden und Minuten?

Ich glaube nicht, dass wir das brauchen. Oder wir brauchen es, weil wir in unserer Erziehung «veruhrzeitlicht» worden sind. Wenn diese Dressur auf die Uhrzeit hin uns nicht in unserer Kindheit ein Stück weit verdorben hätte, dann bräuchten wir das nicht so häufig. Der Mensch wird ja nicht pünktlich geboren, er wird pünktlich gemacht.

Pünktlichkeit gehört sich einfach…

Pünktlichkeit ist plötzlich eine Moral. Dabei ist sie das genau so wenig, wie Geradesitzen oder sich beim Essen zu benehmen. Das ist eine Erziehungsmassnahme. Man muss nicht nach der Uhrzeit leben, wie bei uns. Die meisten Leute auf der Welt leben nicht nach Uhrzeit.

Kann man Zeit sparen, schinden, gewinnen, verlieren? Zeit scheint ja ein knappes Gut zu sein.

Nein. Zeit ist nicht knapp. Wir machen sie knapp. Weil wir sie in Geld verrechnen. Die Knappheit von Zeit und Geld ist Teil unserer Gesellschaft. Sie führt zu Reichtum und Wohlstand. Aber auch zu Zeitnot, Hetze und Burnout.

Alles muss schnell gehen, rechtzeitig bereit sein, lieber heute als morgen fertig werden. Können wir noch mehr beschleunigen?

Natürlich können wir das. Aber nicht mehr über Schnelligkeit, da stossen wir an Grenzen. Deshalb haben wir ein neues Modell von Beschleunigung entwickelt: die Zeitverdichtung. Wir verfügen über immer mehr Geräte die ganz viele Dinge gleichzeitig können und damit die Zeit verdichten. Wir machen keine Pausen mehr, weil jede Aktivität, die wir beenden, sofort durch eine neue ersetzt wird.

Eine Phase der extremen Beschleunigung gab's ja schon einmal vor etwa 100 Jahren.

Stimmt, die Autos sind immer schneller gefahren, die Eisenbahn wurde immer schneller, das Fliessband erhöhte das Produktionstempo in den Fabriken. Das neue Tempo hat auch damals manche Leute aus dem Gleis geworfen. Heute erscheint es mir wie ein riesiges Feldexperiment. Mit der Erkenntnis, dass es die grosse Mehrheit geschafft hat, sich an die Geschwindigkeit anzupassen.

Heute kommt uns das damalige Tempo gemächlich vor. Werden wir in 100 Jahren übers heutige Tempo lächeln?

Das kommt drauf an, wie das jetzige Experiment mit der Verdichtung ausgehen wird. Werden die Menschen diese Zeitverdichtung auch überleben? Werden sie mehr Vorteile als Nachteile haben? Eine Frage, die sich auch für die Wirtschaft stellt: Kann sie diese Zeitverdichtung so gut verkraften, dass sie weiter expandieren kann oder kollabiert sie möglicherweise in einigen Bereichen?

Ohne Zweifel überfordert die ständige Beschleunigung viele Menschen – heute genauso wie damals.

Vor 100 Jahren gab es das Krankheitsbild der Neurasthenie, der Nervosität. Die Menschen konnten sich der Geschwindigkeit aber schliesslich anpassen. Eigentlich ist es ja ein Wahnsinn: Der Mensch ist auf 15 km/h angelegt, aber er schafft es in einem Zug mit Tempo 300 zu sitzen. Das ist eine geniale Anpassungsleistung des Körpers. Aber an einer gewissen Stelle kollabiert das Zeitsystem des Körpers. Das nennt man heute dann Burnout…

Wann haben wir das angenehme Gefühl, Zeit zu haben?

Wir haben ein gewisses Zeitmuster: Wir leben rhythmisch. Die Uhr, die wir am Handgelenk tragen oder am Kirchturm sehen, ist vertaktet. Vertaktung heisst Wiederholung ohne Abweichung. Rhythmus heisst Wiederholung mit Abweichung. Wenn wir unser inneres rhythmisches System, unsere innere Uhr in eine Symbiose mit dem Äusseren bringen, dann haben wir Zeit, dann fühlen wir uns wohl.

Karlheinz Geissler

Karlheinz Geissler ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik und Zeitforscher mit eigenem Institut für Zeitberatung. Seit Jahren schreibt er Bücher zum Umgang mit der Zeit, zuletzt "Alles hat seine Zeit, nur ich habe keine" (2011), "Lob der Pause" (2012) und "Enthetzt Euch! Weniger Tempo – mehr Zeit" (2013). Geissler lebt in München.

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