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Mensch Zwangsjacken, Schockkuren, Stromstösse und Psychopharmaka

Die Geschichte der Psychiatrie ist kaum 200 Jahre alt; über Jahrhunderte hinweg wurden psychisch Kranke nicht als solche wahrgenommen. Spezialisierte Anstalten sind erst ein Phänomen des 19. Jahrhunderts – davor wurden die Betroffenen meist zuhause behalten oder verstossen.

Abseits des Hauptgebäudes der Psychiatrischen Uniklinik Waldau in Bern steht, neben der alten Siechenkapelle aus dem 15. Jahrhundert, auch das Schweizerische Psychiatrie-Museum. Durch ein ehemaliges Zellen-Tor aus dem 17. Jahrhundert betritt der Besucher die ständige historische Ausstellung. Hier lassen sich drei wichtige Phasen in der Geschichte der Psychiatrie nachverfolgen: die Zwangsmassnahmen, die Kuren und die Behandlung mit Psychopharmaka.

Zwangsmassnahmen

Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Aufstieg des Bürgertums, beginnt die Gesellschaft, psychische Krankheiten als medizinische Probleme zu betrachten. In der Pionierzeit der Anstalten für psychisch kranke Menschen steht aber die Verwahrung der geistig Verwirrten im Vordergrund: Zwangsjacken, Gürtel und Fesselungsvorrichtungen prägen das Bild – aber auch spezielle Geräte wie das so genannte Deckelbad, eine Badewanne mit abschliessbarem Deckel, aus dem nur noch der Kopf herausragte. Aufgebrachte Patienten wurden darin bis zu 14 Stunden lang im Wasser liegend eingesperrt.

Kuren mit Schocks und Schlaf

Anfang des 20. Jahrhunderts entstehen die sogenannten Kuren. Mit Insulin oder Malaria-Erregern lösen die Ärzte bei den Patienten Fieberschübe aus, damit die Patienten bettlägerig werden – und damit leichter zu behandeln sind. Besonders in der Schweiz kommen in den 1920er-Jahren die Schlafkuren gross in Mode: Meist schizophrene Patienten wurden mit 5 bis 10-tägigen Schlafkuren behandelt, hervorgerufen durch Barbiturate wie Somnifen – eine Art künstliche Dauernarkose. Die Behandlung war sehr aufwendig, und es kam auch zu Todesfällen.

In den 30er-Jahren ersinnen die Therapeuten auch Schockkuren mit Stromschlägen oder Behandlung mit Cardiazol, einem Mittel, das den Kreislauf stimuliert. Diesen Verfahren liegt die Idee zugrunde, dass ein künstlich hervorgerufener Schock die Selbstheilungskräfte im Körper mobilisiert. Zudem ist damals die Meinung verbreitet, dass sich Epilepsie und psychische Krankheiten wie Psychosen ausschliessen; deshalb wurde versucht, solche Krämpfe künstlich herbeizuführen – die Anfälle sollten also die Psychose «bekämpfen».

Psychopharmaka

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts kamen die ersten Psychopharmaka auf den Markt. Das führte zu einem weitreichenden Umbruch in der Behandlung psychischer Krankheiten: Im Laufe vieler Jahre wurden die körperlichen Kuren durch Medikamente abgelöst – und auch fragwürdige Hirnoperationen wie die Lobotomie: die operative Durchtrennung des Gewebes zwischen Frontallappen und Thalamus, um emotionale Ausbrüche dauerhaft zu unterbinden. Apathie war oft die Folge.

Prominente Patienten

Auch verschiedene bekannte Namen sind unter den Patienten der Waldau zu finden: etwa Robert Walser, Friedrich Glauser und Adolf Wölfli. In der Ausstellung des Psychiatrie-Museums gibt es eine eigene Abteilung mit Werken des schizophrenen Künstlers, der einer der bekanntesten Berner Musiker und Künstler seiner Zeit war. Wölfli produzierte mehr als 1'500 Zeichnungen, Collagen, 25'000 Seiten mit Gedichten, Erzählungen und Kompositionen, die er zu Heften band.

Der Psychiater Walter Morgenthaler war zu dieser Zeit Oberarzt in der Waldau. Er förderte und begleitete das künstlerische Schaffen Wölflis für seine Studien darüber, wie wichtig die Beschäftigung bei der Therapie psychiatrischer Patienten ist. 1921 erschien die aufsehenerregende Krankengeschichte Wölflis unter dem Namen «Ein Geisteskranker als Künstler».

Themenwoche

Psychische Krankheiten – zwischen Genie und Wahnsinn: Damit beschäftigt sich SRF in dieser Woche intensiv. Radio SFR 3 beleuchtet täglich von 6 bis 19 Uhr wichtige psychische Störungen aus verschiedenen Perspektiven. Das Gesundheitsmagazin «Puls» hat sich Zwangseinweisungen mit einer «Vor Ort»-Sendung gewidmet. Mehr Informationen finden Sie hier.

Psychiatrie im Wandel der Zeit: «Einstein» am 18.4. um 21 Uhr auf SRF 1

4 Kommentare

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  • Kommentar von Robert Tobel, Burgdorf
    Die heuteige Psychiatrie orientiert sich an den humanistischen Grundsätzen. Die Museeumsobjekte mögen einen gruseligen Schauer hervorrufen, aber es war der Versuch, selbstschädigendes Verhalten der Patienten zu verhindern, z.B. dass sie im Wahn nicht sich selber die Augen auskratzen. Mit den neuen Medikamenten hat man sehr gute Erfahrungen gemacht. Fragwürdig sind eher die Stigmatisierungen der Patienten, die Heute nicht viel anders ist als früher.
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  • Kommentar von Elmar Hutter, Bad Ragaz
    Nach dem Genuss eines politisch motivierten mehrmonatigen "Fürsorglichen Freiheitsentzuges" habe ich erst mal auf die mir verschriebenen Psychopharmaka verzichtet. Stattdessen habe ich mich an positive Literatur gehalten und mich mit der Arbeit in der Natur gestärkt.
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  • Kommentar von eliane schneider, zürich
    Sie schreiben: "Im Laufe vieler Jahre wurden die körperlichen Kuren durch Medikamente abgelöst" das zeigt wie weltfremd ihr Verständnis von Neuroleptika ist oder dass ihnen die Fachleute etwas schön geredet haben. Wieso sollten Medikamente keine körperlichen Kuren sein? es sind sogar massive Eingriffe, nur: dieser Horror ist nach aussen hin nicht so sichtbar, plausibel wie z.b. Lobotomie, und der Zwang zu dieser Methode subtiler. denn: "sie wissen (immer noch) nicht was sie tun", leider
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    1. Antwort von Christian Bachmann, zürich
      Absolut. Wir meinen das nicht wertend, sondern beobachtend, dass die Medikamente, die vormalig als Kuren bezeichneten Behandlungsmethoden wie Insulin- oder Malariakuren, aber auch Schock- oder Cardiazol-Behandlungen über die Jahre langsam abgelöst haben. Weg vom Reiz von aussen, hin zur Behandlung mit Neuroleptika. Und nicht zuletzt wurden die aufkommenden Psychopharmaka auch als "chemische Lobotomie" bezeichnet - es ist v.a. die Form der Behandlung, die sich damit verändert hat.
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