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Der grosse Wandel der Schweizer Seen
Aus Wissenschaftsmagazin vom 30.07.2022.
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Ökosysteme im Umbruch Der grosse Wandel der Schweizer Seen

Das Leben im Bodensee und in anderen Schweizer Seen verändert sich so stark wie nie zuvor. Zugewanderte und ausgesetzte Arten verändern das Gleichgewicht der bisherigen Nahrungskette.

Der Fischfang am Bodensee ist eingebrochen. Heute gehen den wenigen verbliebenen Berufsfischern zehnmal weniger Felchen ins Netz als in den 70er-Jahren. Die Felchen sind die mit Abstand wichtigsten Speisefische im Bodensee. Für die Fischer und die Restaurants um den See ist das eine schlechte Entwicklung, für den See aber eine gute. Denn der Rückgang der Felchen hat direkt mit dem Rückgang der Überdüngung und Verschmutzung des Sees zu tun.

Auf dem Bild sind zwei Fischer zu sehen.
Legende: Innerhalb einer Fischergeneration ist der Felchen-Fangertrag auf einen Zehntel geschrumpft. Roman (links) und Reto Leuch unterwegs zu ihren Netzen. Christian von Burg

In den Tiefen des Sees gab es in den 70er-Jahren kaum noch Sauerstoff. Fischarten wie der Kilch, die dort unten lebten, starben aus. Jetzt ist der See wieder so sauber und arm an Nährstoffen wie in den 50er-Jahren. Damit ist aber auch der Fischbestand entsprechend gesunken, denn die Nährstoffe hatten für viel Algenwachstum und Plankton gesorgt, kurz: für viel Fischfutter.

«Dramatisch für den See»

Seit fünf Jahren wird der Wandel des Bodensees in einem gross angelegten Projekt erforscht. Forschende aus Österreich, Deutschland und der Schweiz untersuchen in einer Vielzahl von Teilprojekten, wie sich der See verändert.

Wie schlimm sind die Verschiebungen im Ökosystem?

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Legende: Linda Haltiner / Eawag

Die Zusammensetzung der Arten in den Schweizer Seen hat sich immer wieder verändert. Über Bohrkerne in den Seesedimenten weiss man, wie sich die Algenarten oder das Zooplankton über die Jahrzehnte verändert hat, sagt Piet Spaak, vom Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag. Man kann so die Klimaänderungen seit den Eiszeiten ablesen, aber auch den Einfluss der Menschen, welche die Seen seit vielen Jahrtausenden schon besiedeln.

«Einen so starken Wandel wie in den letzten Jahrzehnten», sagt Spaak, «hat es aber noch nie gegeben». Möglich wäre auch, dass ein Parasit oder eine Krankheit eingeschleppt würde, welche die Zahl der Quagga-Muscheln schnell wieder reduzieren könnte. Mit Blick auf die grossen amerikanischen Seen aber, wo die Quagga-Muschel schon früher eingeschleppt wurde, sagt Spaak: «Dort gibt es bisher keine Parasiten oder Krankheiten, die die Populationen verkleinern würden.» Er befürchte deswegen, dass die Quagga-Muschel sich auch in den Schweizer Seen noch weiterverbreitet.

Selbst Experten wie Piet Spaak vom Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag hätten nicht erwartet, dass der Wandel so schnell und umfassend vor sich geht: «Für uns Wissenschaftler ist das zwar interessant», sagt Spaak, der das Forschungsprojekt leitet, «aber für den See ist es dramatisch». Überrascht wurden die Forschenden insbesondere von der Quagga-Muschel, die sich unglaublich schnell und stark vermehrt.

Auf dem Bild ist Piet Spaak auf einem Boot zu sehen.
Legende: Piet Spaak vom Wasserforschungsinstitut Eawag befürchtet, dass die Quagga-Muscheln den See sozusagen leerfressen könnten. Christian von Burg

Riesige Muschelbänke breiten sich aus

Linda Haltiner ist Doktorandin bei Piet Spaak an der Eawag. Sie untersucht zusammen mit Silvan Rossbacher wie stark sich die Muschel schon verbreitet hat.

Wie steht es um die anderen Schweizer Seen?

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Legende: Die Quagga-Muscheln bilden unterdessen grosse Muschelbänke. Die invasive Art frisst vielen anderen Lebewesen im See zunehmend das Futter weg. Linda Haltiner / Eawag

Die Veränderungen im Ökosystem unterscheiden sich von See zu See. «Je nach Grösse, Tiefe und Zusammensetzung der bisherigen Arten ist die Lage wieder anders», sagt Piet Spaak vom Wasserforschungsinstitut Eawag. Aber alle grösseren Schweizer Seen haben sich stark verändert. Sie wurden nach grosser Verschmutzung dank der Kläranlagen alle wieder sauberer und überall sind vom Menschen neue Arten eingeschleppt worden.

Die Quagga-Muschel etwa bildet im Genfersee gleich grosse Muschelbänke wie im Bodensee. Das zeigen die Untersuchungen des Wasserforschungsinstituts Eawag zusammen mit der Universität Genf. Auch im Neuenburger-, Bieler- und Murtensee ist die Quagga-Muschel weit verbreitet und die Behörden befürchten, dass die invasive Muschel auch in die restlichen Seen eingeschleppt wird. Der Prozess, der sich im Bodensee zeigt, ist also zumindest teilweise auf die anderen Seen in der Schweiz übertragbar.

«Im Bodensee und im Genfersee haben sich unterdessen riesige Muschelbänke gebildet», sagt Haltiner. Es handelt sich um Billionen von Muscheln. Die aus dem Schwarzmeer-Gebiet eingeschleppte Quagga-Muschel verdrängt einheimische Arten und ist zu einer ernsthaften Nahrungskonkurrenz für die anderen Seebewohner geworden.

Eingewanderte Muschel frisst Plankton weg

In Laborversuchen hat Linda Haltiner erforscht, wie viel Plankton die Quagga-Muscheln aus dem Seewasser filtrieren. Es hat sich gezeigt, dass die Muscheln in dieser grossen Zahl den See sozusagen leerfressen könnten. Das tierische und pflanzliche Plankton, Kleinstlebewesen im See wird stark reduziert.

Sie aber sind die Nahrungsgrundlage für viele weitere kleine Arten wie etwa Wasserflöhe, die wiederum das Grundnahrungsmittel der Felchen und anderer Fischarten sind. Filtern die Quagga-Muscheln den See leer, so hat das also unmittelbare Auswirkungen auf fast alle anderen Seelebewesen.

Aquariumsliebling wird häufigster Bodenseefisch

Parallel dazu hat sich am Bodensee auch der dreistachlige Stichling explosionsartig vermehrt. Der Stichling ist an zahlreichen Orten vor mehr als 100 Jahren von Aquarienbesitzern ausgesetzt worden und hat aber lange unauffällig im Uferbereich gewohnt. Jetzt bevölkert der Stichling auf einmal auch die offenen Wasserflächen.

Auf dem Bild sind zwei dreistachlige Stichlinge zu sehen.
Legende: Lange lebte der ausgesetzte fingergrosse Stichling unauffällig im Uferbereich. Jetzt besiedelt er auch offenes Wasser und der Bestand hat sich explosionsartig vermehrt. Andreas Hartl

«Das sind unterdessen richtige Schwärme», sagt Seewandel-Projektleiter Piet Spaak, «wenn man alle Fische im See zusammenzählt, sind davon 80 bis 90 Prozent Stichlinge». Sie sind eine weitere grosse Nahrungskonkurrenz für die Felchen.

Wissenschaftsmagazin, 30.07.2022, 12:40 Uhr

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