Aggressiver Götterbaum – nutzen statt ausrotten

Der Götterbaum ist eine invasive Baumart. Er verdrängt heimische Gewächse rigoros. Er liebt es warm, darum treibt er zurzeit vor allem im Tessin sein Unwesen. Doch wegen des Klimawandels wird er nordwärts wandern. Forscher erarbeiten daher Strategien für den Umgang mit diesem zähen Baum.

Mauern entlang einer Strasse auf dem Land: Auf der Mauer steht eine Reihe kahler, verästelter Bäume.

Bildlegende: Ein Problem für die Umwelt: Junge Götterbäume oberhalb einer Tessiner Kantonsstrasse. Karoline Thürkauf

«Das unglaublich starke Wurzelwachstum des Götterbaumes richtet grosse Schäden an Strassen und Mauern an», sagt Forstingenieur Marco Conedera. Der Mitarbeiter der Forschungsanstalt WSL in Bellinzona untersucht zusammen mit anderen Wissenschaftlern im Auftrag des Bundes diese invasive Baumart.

Der Grund: Man will verstehen, inwieweit er der heimischen Umwelt schadet – und wie man ihn nutzbar machen kann. Im Tessin ist der Götterbaum schon nicht mehr wegzukriegen; davon ist Conedera überzeugt. Denn der Schädling vermehrt sich sehr schnell: Er besetzt leere Flächen und «springt» in Lücken, die zum Beispiel bei Waldbränden entstehen. Seine Wurzeln sind stark und breiten sich rasch in alle Richtungen aus – das macht es schwer, den Schädling zu bekämpfen.

«Wir müssen mit ihm leben»

Dabei lässt sich die Verbreitung des Baumes nur eindämmen, wenn man ihn mitsamt seiner austreibenden Wurzeln entfernt. Doch er ist wegen seiner starken Wurzeln nach einer gewissen Zeit kaum mehr aus dem Boden zu bekommen. So führt der Götterbaum längerfristig zu einer Artenverarmung.

Ausrottungsaktionen sind in den Augen des Forschers für den Südkanton hinfällig. Dazu sind die Götterbäume schon zu weit verbreitet. Und sie machen sich schon auf den Weg nach Norden: Auch in der Zentralschweiz breitet sich der Götterbaum aus. Die Behörden im Kanton Luzern haben darauf mit einer gross angelegten Ausrottungsaktion reagiert.

Dennoch ist der Baum aus der Schweiz nicht mehr wegzudenken – auch mit Blick auf die Zukunft. Wenn sich das Klima weiter erwärmt, hat er gegenüber anderen Baumarten einen Vorteil, denn er ist sehr hitzeresistent. Den Hitzesommer 2003 habe er verhältnismässig schadlos überlebt, sagt Marco Conedera. Es ist also wahrscheinlich, dass er bald auch in der Nordschweiz Wurzeln schlägt.

Schutz vor Steinschlägen?

Deshalb suchen die Forscher um Marco Conedera nach Wegen, um ihn zu nutzen. Sie wollen zum Beispiel herausfinden, ob die Wurzeln stark genug sind, um Steinschlägen standzuhalten. Dann könnten die Bäume, die an Hängen oberhalb von Dörfern wachsen, zum Beispiel als Schutz vor Steinschlägen dienen.

Deshalb planen die Fachleute, kontrolliert Geröll-Lawinen auf bestehende Bäume rutschen zu lassen. Und die Wissenschaftler interessieren sich auch für alternative Nutzungen des Holzes: Sie untersuchen, wie weit die Biomasse des Baumes verwendbar ist, etwa als Energielieferant für Heizungen.

Alleinstehender Baum bei schönem Wetter auf einer Wiese, im Hintergrund weitere Bäume.

Bildlegende: Bis zu 30 Meter hoch: Der Götterbaum verbreitete sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts von China nach Asien und Europa. Imago

Conedera weiss, dass diese Forschung als heikel gilt – gibt es in der Nordschweiz doch Wissenschaftler, die nicht verstehen, wie man dem invasiven Baum auch etwas Gutes abgewinnen möchte. Doch die Forscher der WSL haben eine andere Sichtweise: Sie nutzen das vorhandene Übel, um Informationen zu sammeln. Sollte der Klimawandel fortschreiten und die Nordschweiz vermehrt Götterbaumland werden, wäre man dort zumindest besser gewappnet.

Seit 100 Jahren im Tessin

Dass der so ungeliebte Baum ausgerechnet «Götterbaum» heisst, verdankt er seinem schnellen Wachstum. Pro Jahr wächst er über zwei Meter, schnellt also den Göttern entgegen – so der Volksmund. Einmal ausgewachsen ist er mit der heimischen Esche vergleichbar. Sie gilt als schnell wachsender Baum, schafft aber maximal eineinhalb Meter pro Jahr.

Ursprünglich stammt der Götterbaum aus China. Vor 100 Jahren dachten Menschen in Tessin, dass man ihn universell einsetzen könnte. Sie brachten den Baum vor allem in die Städte und säumten mit dem schnell wachsenden Baum ganze Alleen. Da er mit seinem starken Wurzelwerk auf steinigem Boden wächst, galt er zudem als idealer Schattenspender für die Arbeiter der Tessiner Steinbrüche.

Von dem Import aus Asien hatte man sich auch einen Ausweg aus der Krise der Tessiner Seidenbandindustrie erhofft. So sollten die Blätter des Baumes den Seidenraupen als schmackhafte Kost dienen. Doch die Raupen fanden an den giftigen Blättern keinen Gefallen: Die Seidenbandindustrie starb, der Götterbaum überlebte – und wandert nun Richtung Norden.

Ausrottungsaktion in Luzern

Im Februar 2015 haben die Behörden im Kanton Luzern zu einer Ausrottungsaktion aufgerufen. Mit Flyern informieren sie über die Probleme, die das unkontrollierte Wachstum des Baumes bringt. Haushalte werden aufgefordert, nach Jungbäumen Ausschau zu halten und sie umgehend auszureissen.

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