«Für die Wiederbelebung des Mammuts müssten andere Tiere leiden»

Sie würden das erste Mammut der Welt klonen, hatten Forscher vor einem Jahr angekündigt. Bisher hat sich das Mammut aus dem sibirischen Eis diesen Plänen allerdings verweigert. Zum Glück – findet die beteiligte Forscherin Tori Herridge. Die Paläobiologin äussert öffentlich Kritik an den Klonplänen.

SRF 4 News: Tori Herridge, ein Mammut zum Leben erwecken – sind Sie als Mammutspezialistin nicht fasziniert von dieser Idee?

Tori Herridge: Doch, ich bin hingerissen, wenn ich mir das vorstelle! Ich würde noch so gern ein Mammut lebend vor mir sehen. Doch es gibt ernsthafte ethische Gründe, die dagegen sprechen: Für den Traum von der Wiederbelebung einer ausgestorbenen Tierart würden heute lebende Tiere leiden, nämlich asiatische Elefanten: Es wäre eine Elefantenkuh, die das Mammutjunge austragen müsste.

Inwiefern wäre das eine Strapaze für asiatische Elefanten?

Elefanten sind sehr intelligente und gesellige Tiere. Sie sind überhaupt nicht geeignet für Tierversuche. Und um Versuche mit Tieren geht es hier. Um ein Mammut zu klonen, muss man einer Elefantenkuh eine Eizelle entnehmen und sie ihr dann – entkernt, mit Mammutgenom drin – wieder einpflanzen. Diesen Eingriff halte ich ethisch nicht für gerechtfertigt, bloss um eine faszinierende Idee zu realisieren. Hinzu kommt: Wir wissen nicht, wie gut die Elefantenkuh das fremde Erbgut verträgt. Wie gut sie die Geburt übersteht. Ob sie das artfremde Jungtier annimmt. Noch dazu betrifft es am Ende nicht nur eine, sondern viele Elefantenkühe. Denn es ist unwahrscheinlich, dass der Klon-Versuch auf Anhieb klappt.

Vorläufig ist das ja aber immer noch Science-Fiction oder sind die Klonforscher ihrem Ziel schon viel näher?

Noch nicht, doch sie bleiben zuversichtlich. Man muss sagen: Die Forscher des privaten südkoreanischen Sooam-Instituts, die das Mammut klonen wollen, sind keineswegs Anfänger. Sie haben schon viele Hunde erfolgreich geklont, für reiche Kunden, die jeweils 100‘000 US-Dollar pro Tier zahlen. Mit ihrer bewährten Technik möchten sie auch das Mammut klonen. Doch dafür benötigen sie eine Zelle, in deren Kern das gesamte Erbgut, also das Genom des Tieres, noch intakt ist. Bei einem lebenden oder gerade eben verstorbenen Hund kann man dieses Erbgut finden. Bei einem Mammut hingegen, das schon jahrtausendelang unterm Eis lag, ist das sehr viel schwieriger, wie sich jetzt zeigt. Bisher wurden nur DNA-Bruchstücke gefunden, kein ganzes Mammutgenom. Doch die Forscher suchen weiter, weil das Mammut einmalig gut erhalten ist.

Was heisst das – einmalig gut erhalten?

Als wir das Tier in Irkutsk in Russland sezierten, war sein Fleisch noch fast so frisch, als wenn das Mammut erst gestern gestorben wäre. Man konnte es beim Sezieren riechen – es stank bestialisch (lacht). Kein zweites Mammut, das je im Permafrost gefunden wurde, hat eine so gut erhaltene Zellstruktur im Muskelgewebe wie dieses. Und in den Blutgefässen fand man sogar einige intakte rote Blutkörperchen.

Was haben denn die bisherigen Analysen über das Leben des Mammuts gezeigt?

Es dürfte vor 40‘000 Jahren in einer Herde durch die sibirische Steppe gestreift sein, wo es sich überwiegend von Gras und Blumen ernährt hat, von Butterblumen zum Beispiel. Auf diesen Namen wurde es auch getauft. «Butterblume» war ein Weibchen und hat in ihrem Leben acht Junge geboren. Das verraten interessanterweise die Stosszähne. Sie enthalten nämlich im Inneren Jahresringe, und während Schwangerschaftsperioden wachsen die langsamer. Im Alter von etwas über 50 Jahren starb das Tier – vermutlich grausam. Unter anderem aus Rückenverletzungen schliessen russische Kollegen, dass das Mammut in einen Sumpf geriet, aus dem es sich nicht mehr befreien konnte und dass es dann von Wölfen oder ähnlichen Raubtieren bei lebendigem Leib gefressen wurde.

Was schätzen Sie, wird es noch gelingen, dieses Tier nach 40'000 Jahren zu klonen?

Ich halte es für wenig wahrscheinlich, dass die südkoreanischen Forscher mit ihrer Klontechnik ans Ziel kommen werden. Doch es gibt noch andere Klonforscher, jene von der Harvard-Universität. Sie wollen kein vollständiges Mammut klonen, sondern eher einen Elefanten kreieren, der bestimmte Mammuteigenschaften hat, dickeres Fell zum Beispiel oder mehr Fett. Die Harvard-Forscher müssen also kein vollständiges Mammut-Genom finden. Es reicht schon, wenn sie einzelne Mammutgene finden, die sie dann ins Elefantenerbgut einschleusen.

Vielleicht schaffen sie das irgendwann. Doch wie auch immer: Die Klonforscher – ob aus Südkorea oder den USA – sind sehr ambitioniert und treiben ihre Arbeit mit viel Unterstützungsgeld voran. Daher braucht es schon heute eine breit geführte ethische Diskussion rund um die Frage, wie es weitergehen soll in Sachen Mammut-Klonen.

Zur Person

Tori Herridge ist Paläobiologin am Natural History Museum in London. Die Mammut-Spezialistin war in einem internationalen Team an der Autopsie des gut erhaltenen sibirischen Mammuts beteiligt.

Steckbrief Mammut

Steckbrief Mammut

Imago

Mammuthus primigenius ist eine ausgestorbene Gattung von Elefanten. Sie lebten bis vor 10'000 Jahren und waren in der Eiszeit ein wichtiges Jagdtier für die Menschen. Wahrscheinlich hat das zur Ausrottung beigetragen. Typisch sind die bis zu 5 Meter langen, gebogenen Stosszähne. Sie halfen den Pflanzenfressern wohl bei der Nahrungssuche im Schnee.

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