Gletscherschmelze lässt den Nordpol wandern

Die Erde ist keine perfekte Kugel und ihre Drehachse verschiebt sich laufend. Anders ausgedrückt: Die Erde eiert wie ein Spielzeugkreisel der nicht gut angedreht wurde. In den letzten Jahren hat sich die Erdachse besonders abrupt verschoben und die Wissenschaft damit vor ein grosses Rätsel gestellt.

Wegweiser aus Holz mit der Aufschrift Noth Pole

Bildlegende: Der geografische Nordpol wandert und änderte dabei seine Route. Daran ist der Mensch nicht ganz unbeteiligt. Imago

Die Erde taumelt nicht etwa wie eine Betrunkene durchs All. Es ist subtiler. Dennoch: Wenn Wissenschaftler die Verschiebung der Erdachse nicht genau messen könnten, würde das hochpräzise Navigationssysteme beeinträchtigen. Eine Rakete zum Mars, zum Beispiel, würde ohne passende Korrektur ihr Ziel um tausende Kilometer verpassen.

Über Jahrzehnte verschob sich die Erdachse gleichmässig in eine Richtung. Aber nun ist das anders, sagt Surendra Adhikari von der Nasa, der das Phänomen untersucht: «Ums Jahr 2000 änderte sich die Verschiebungsrichtung der Erdachse drastisch um etwa 90 Grad». Seither folgt sie diesem neuen Pfad. Die Forscher konnten diesen überraschenden Bocksprung zwar messen, aber lange nicht erklären.

Der Nordpol wandert

Dass die Erde torkelt, vermutete im 18. Jahrhundert bereits der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler, denn bereits damals war bekannt, dass die Erde nicht perfekt kugelförmig ist, sondern an den Polen abgeplattet. Und dies müsste, berechnete Euler, die Erdachse leicht rotieren lassen.

Dem Mathematiker fehlten aber die präzisen Instrumente, um seine Berechnungen überprüfen zu können. Erst 1899 gelang es zwei Astronomen in den USA und Deutschland, Euler zu bestätigen. Mithilfe eines Teleskops und des Polarsterns bestimmten sie die Position ihres Standorts in Bezug auf den geografischen Nordpol – immer wieder über Monate.

Der geografische Nordpol liegt dort, wo die Drehachse der Erde durch die Oberfläche stösst. Würde sich die Erde gleichmässig um sich selbst drehen, so wäre der geografische Nordpol stets am gleichen Ort. Die beiden Astronomen stellten aber stetig geringe Positionsänderungen fest: der Nordpol wanderte. Und das hiess: Die Erde taumelte leicht.

Flüssiger Erdkern und schwappende Wassermassen

Allerdings taumelte sie langsamer, als von Euler berechnet: Die Sache war komplizierter als gedacht. Er hatte nicht berücksichtigt, dass die Erde nicht starr, sondern etwas elastisch ist. Und nach und nach kamen weitere Abweichungen zur Eulerschen Theorie zum Vorschein:

Die Erdkugel ist nicht homogen, sie besteht aus verschiedenen Materialien verschiedener Dichte. Im Innern der Erde ist ein flüssiger Kern, der sich verändert. Auf ihrer Oberfläche schwappen die Wassermassen der Ozeane durch Ebbe und Flut hin und her. Durch all das verändert sich die Verteilung des Gewichtes auf der Erde ständig – und dies reicht aus, um das Gleichgewicht des Globus so zu verschieben, dass sich auch seine Drehachse verschiebt.

Während des 20. Jahrhunderts konnten die Wissenschaftler beobachten, wie der Nordpol Richtung Kanada wanderte. Der Grund dafür: Während der letzten Eiszeit vor 20'000 Jahren waren Teile Nordamerikas von einer gigantischen Eismasse bedeckt. Sie ist seither abgeschmolzen, das Schmelwasser ins Meer geflossen. Diese Umverteilung des Gewichts wirkt sich noch immer auf die Ausrichtung der Erdachse aus, und der Nordpol wandert.

Was steckt hinter dem Bocksprung?

Auch hinter dem überraschenden Richtungswechsel im Jahr 2000 steckt der Verlust einer gigantischen Eismasse – aber diesmal nicht in ferner Vergangenheit, sondern heute: Weil durch den Klimawandel die Temperaturen steigen, schmilzt die Eismasse auf Grönland so stark, dass die resultierende Gewichtsverlagerung die Wanderroute des Nordpols jäh verändert hat.

Daneben gibt es noch eine zweite Ursache, die Surendra Adhikari vor kurzem entdeckt hat: Manche Kontinente haben in den letzten Jahren riesige Mengen an Wasser verloren, also Gewicht. Das hat ebenfalls dazu beigetragen, dass der Nordpol seine Wanderroute geändert hat.

Diesmal ist der Mensch beteiligt

Messen konnte der Forscher den Wasserverlust der Kontinente mit zwei spezialisierten Satelliten. Besonders viel Wasser verloren hat die Region um Nordindien. Was genau dahinter steckt, ist unklar. Es könnte der enorme Wasserverbrauch durch die Landwirtschaft sein, die im grossen Stil Grundwasser verbraucht. Aber auch der Klimawandel könnte seinen Anteil an dieser massiven Veränderung des Wasserhaushalts haben. Stichwort Dürren und Austrocknung der Böden.

Sicher ist: Bei der neuesten Routenänderung des Nordpols ist der Mensch mitbeteiligt. Wir haben die Erde ganz wörtlich ins Taumeln gebracht.