Zum Inhalt springen

Natur & Umwelt Vorbeiflug an Pluto: Ein Tänzchen für die Wissenschaft

Rund 85 Jahre nach seiner Entdeckung bekommt die Menschheit endlich Nahaufnahmen von Pluto. «New Horizons» hat per Signal bestätigt, dass der geplante Vorbeiflug erfolgreich war. Die Nasa-Sonde ist so nah an dem Zwergplaneten vorbei gerast sein wie noch kein menschengemachter Flugkörper zuvor.

  • Die Nasa-Sonde «New Horizons» sollte bei ihrem Vorbeiflug Erkenntnisse über Pluto liefern
  • Wegen ihrer hohen Geschwindigkeit konnte sie nicht bremsen und musste die Messungen mit sieben wissenschaftlichen Instrumenten im Vorbeiflug machen
  • Am 14. Juli 2015 erreichte sie mit 12'000 Kilometern Abstand ihren nächsten Punkt im Vorbeiflug, der die genauesten Daten liefern soll
  • Pluto liegt am Rande unseres Sonnensystems in etwa 5 Milliarden Kilometern Entfernung

Am Dientag, 14. Juli 2015 war es endlich soweit. Um 13:49 Uhr unserer Zeit hat «New Horizons» den Höhepunkt ihres Flugs erreicht: Auf rund 12'000 Kilometer näherte sich die Sonde dem Zwergplaneten Pluto. Dass sie den Vorbeiflug gut überstanden hat, bestätigte sie der US-Raumfahrtbehörde Nasa in der Nacht auf Mittwoch per Signal. «Wir haben ein gesundes Raumschiff», sagte NASA-Managerin Alice Bowman, nachdem sie in der Kontrollstation die Daten der Sonde empfangen hatte. Erste Bilder und wissenschaftliche Daten des Vorbeiflugs folgen später.

Kollage: Pluto und Charon klein vor der Erde
Legende: So sähen Pluto und Charon vor der Erde aus: Letzten Messungen zeigten, dass Pluto 80 Kilometer grösser ist als gedacht. Sein Durchmesser misst etwa 2370 Kilometer. Nasa

Seit dem Jahr 2006 ist «New Horizons» schon unterwegs. Auf dem Weg zu Pluto hat die Sonde rund fünf Milliarden Kilometer zurückgelegt und ist an Mars, Saturn, Uranus, Jupiter und Neptun vorbeigeflogen.

Choreografie für die Wissenschaft

Mit 40'000 Kilometern pro Stunde ist sie das schnellste Raumschiff, das je durchs All raste. Bremsen ist unmöglich, eine Landung auf Pluto erst recht.

Die Sonde erfüllte ihren Dienst an der Wissenschaft daher in rasantem Vorbeiflug. Trotzdem liege ein Tänzchen drin, sagt Cathy Oklin, eine der leitenden Wissenschaftlerinnen der Mission im Vorfeld: «New Horizons» richtete in einer ausgeklügelten Choreografie nacheinander alle ihre sieben Messinstrumente auf Pluto aus und musterte dessen Ausstrahlung. Von Ultraviolettstrahlung über Infrarot und Radiowellen bis zum sichtbaren Licht.

Die Daten sollen Informationen liefern zu Plutos Eigenschaften und jenen seines Monds Charon – zu Geologie, Chemie, Temperatur und Atmosphäre, zu Höhe und Tiefe von Tälern und Bergen. Wegen der grossen Entfernung werden die ersten scharfen Bilder frühestens in einigen Wochen auf der Erde eintreffen – und Einblick geben in eine komplexe rätselhafte Welt, in den so genannten Kuiper-Gürtel (siehe Box).

Über Pluto ist wenig bekannt

Bislang haben Forscher nur fragmentarisches Wissen über den Zwergplaneten, das vor allem von Bildern des Hubble-Weltraumteleskops stammt. Seine Erforschung sei «wie ein archäologischer Spatenstich in die Geschichte des äusseren Solarsystems», hatte Missionsleiter Stern schon beim Start der Sonde gesagt. Der etwa minus 230 Grad kalte Pluto ist eine Art Eiszwerg, wie sie zu Tausenden bei der Entstehung des Sonnensystems übrig geblieben sind und seitdem den Kuiper-Gürtel bilden.

Aufnahme von Pluto
Legende: «New Horizons» hat sieben wissenschaftliche Instrumente an Bord: Die Aufnahme vom 11. Juli 2015 zeigt eine Reihe rätselhafte Flecken entlang des Äquators. NASA/JHUAPL/SWRI

Die ersten, noch verschwommenen Fotos, die «New Horizons» bereits lieferte, haben unendlich viele neue Fragen aufgeworfen. So nahm die Kamera entlang des Pluto-Äquators eine Reihe mysteriöser dunkler Flecken auf, alle mit einem Durchmesser von rund 480 Kilometern und gleichmässig in der Region verteilt.

Solche Flecken haben Astronomen noch nie beobachtet. «Das ist wirklich ein Rätsel», sagte Stern. Zudem zeigen die Bilder, dass der Plutomond Charon im Gegensatz zu Pluto selbst «dunkel und grau» ist, wie der Missionsleiter erläutert. Auch darauf können sich die Forscher noch keinen Reim machen.

Der Vorbeiflug der Sonde soll den Winzling auch erstmals kartographieren. Wissenschaftler hoffen dadurch, viele Jahrzehnte alte Rätsel zu lösen – zum Beispiel, ob es auf dem Pluto schneit. Oder ob in seinem Eiskern ein Ozean versteckt liegt.

Zu Beginn der Mission war Pluto ein Planet

Als «New Horizons» losflog, war Pluto noch ein Planet. Im Januar 2006 startete die NASA-Sonde vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida, sieben Monate später degradierte die Internationale Astronomische Union (IAU) zum Zwergplaneten. Pluto war zu klein – und auch seine stark elliptischen Bahnen entsprachen nicht den Bahnen der anderen Planeten in unserem Sonnensystem.

Eigentlich hatte die US-Raumfahrtbehörde mit der rund 700 Millionen Dollar teuren Mission die Ersterkundung aller neun Planeten abschliessen wollen, jetzt waren es plötzlich nur noch acht.Trotzdem gilt der erste Besuch eines irdischen Flugkörpers bei Pluto und seinen fünf Monden als Meilenstein der Raumfahrtgeschichte.

Nach dem Pluto-Besuch soll «New Horizons» noch tiefer in den Kuiper-Gürtel hineinfliegen. Wie und wohin genau, beraten die NASA-Wissenschaftler noch. Alan Stern ist bereits jetzt sicher: Die Erforschung des Pluto-Systems werde «beispiellose wissenschaftliche Folgen» haben – Erfolge, die am ehesten vergleichbar seien mit denjenigen der legendären «Voyager»-Raumschiffe in den 80er Jahren.

Legende: Video Spannendes vom Zwergplanet abspielen. Laufzeit 4:10 Minuten.
Aus 10vor10 vom 13.07.2015.

Der Kuiper-Gürtel

Der Kuiper-Gürtel

Hinter der Umlaufbahn von Neptun beginnt der Gesteinsring Kuiper-Gürtel. Forscher nehmen an, dass dort Hunterttausende eisiger Felsbrocken schweben: Material, das bei der Planeten-Entstehung übrig blieb. Die meisten sind kleiner als 50 Kilometer, es gibt aber auch grössere wie den Zwergplaneten Pluto. Viele Kometen kommen von dort.

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Adrian Flükiger, Bern
    Das sind so Experimente wo ich mich schon nach dem "Sinn und Zweck" frage. Da wurden hunderte von Millionen an Steuergeldern in so eine Sonde investiert (auf der Basis völlig unscharfer Fotos), um jetzt etwas klarere Bilder zu erhalten. Die Kohle hätte man besser in ein Ernährungsprogramm für die 3. Welt investiert, satt das Geld für diesen Spuk zum Fenster rauszuwerfen. Einmal mehr blieb der gesunde Menschenverstand auf der Strecke!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von M. Kunz, Murten
      @Flückiger: Waren sie schon einmal im Kino? Schade, dieses Geld hätten sie besser in ein Ernährungsprogramm in der 3. Welt gesteckt... Zudem: der Hunger in anderen Erdteilen ist nicht unbedingt ein monetäres Problem, sondern eher ein politisches. Ich finde diese Art von Forschung wichtig. Sie zeigt uns unseren Platz im Universum auf.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Tobias Müller, Bellach
      Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht. Ich habe aber mehr Problem mit den Ganzen Verwaltungen in unserem Lande. Es gibt tausende von Ämter die nur Geld verschlingen und die Wirtschaft belasten. Ein Beispiel: Es ist sehr wichtig zu wissen, dass ein Berg im Jahr einen halben Meter kleiner geworden ist?! Alleine für diese Erkenntis arbeiten über 100 Leute daran.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Eduard Biner, Zermatt
      Für mich ist dies viel spannender als z. B. Fussballspiele, für die auch hunderte von Millionen ausgegeben werden!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von René Seiler, Wetzikon
      Warum segelt Kolumbus 1492 ins Ungewisse - und entdeckt Amerika? Gab es damals keine Hungerprobleme? Glauben Sie an ein geozentrisches Weltbild, in dem die Erde immerfort unverändert bestehen bleibt? Die Erkundung des Weltraums hat uns viele Zusammenhänge erklärt. Es waren zB Astronomen, die entdeckten, dass FCKW Ozon abbaut - seit Jahrzehnten ist es zum Schutz unserer Ozonschicht global verboten. Für eine kleine habitable Kugel im sonst unwirtlichen Weltraum, ist jede Erkenntnis von Bedeutung.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von René Balli, Biel
    Man muss sich vorstellen wie klein Pluto gemessen an der zurückgelegten Distanz ist, er ist nicht einmal eine Nadel im Heuhaufen und morgen sendet die Sonde "Nahaufnahmen" von Pluto. Sensationell!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten