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Natur & Umwelt Wasserfälle sollen unverbaut bleiben

Auch wenn keine Fische in ihnen leben – Wasserfälle haben einen überraschend hohen ökologischen Wert. Das zeigt eine neue Studie. Die Stiftung Landschaftsschutz will sich für den Schutz der Schweizer Wasserfälle einsetzen, weil immer mehr dieser Wildbäche für die Stromproduktion angezapft werden.

Siggbachfall im Solothurner Jura
Legende: Grosse Artenvielfalt Am Siggbachfall im Solothurner Jura leben Moose, Algen und Schnecken. Bruno Baur

Über die Flora und Fauna von Wasserfällen war bisher wenig bekannt. Bloss eines schien klar: Fische und andere grössere Wassertiere findet man in den den Fels herabstürzenden Wassermassen und unmittelbar darunter nicht. Wasserfälle hätten einen geringen ökologischen Wert, lautet daher ein häufiges Argument, das die Nutzung dieser Wildbäche für die Stromproduktion rechtfertigen soll.

Über 500 Tier- und Pflanzenarten nachgewiesen

Zu ganz anderen Erkenntnissen kommt nun aber eine neue Studie zur Biodiversität von Wasserfällen: «Wir haben eine überraschend grosse Artenvielfalt festgestellt», sagt Biologe Bruno Baur von der Universität Basel, «sogar in dem von uns untersuchten Prall- und Sprühbereich, also jenem ungemütlichen Bereich, wo das Wasser auf den Fels aufschlägt. Dort haben wir mehr als 500 verschiedene Arten gefunden.»

Eine Schnecke mit einem orangefarbenen Häusschen kauert auf moosigem Untergrund.
Legende: Vielfältiges Leben am Siggbachfall: Eine von 31 Häuschenschnecken-Arten. Bruno Baur

Was für Tier- und Pflanzenarten da auf dem nackten, glitschigen Fels gedeihen, zeigt ein Ausflug mit dem Biologen zu einem der untersuchten Wasserfälle. Am Siggbachfall – auch bekannt als Wasserfall zu St.Fridli – im waldigen Solothurner Jura wachsen Moose in allen Grüntönen den steilen Felsenkessel hinauf und zuunterst bis ins Wasser hinein. Auch Algen und Kräuter finden sich am Fuss dieses unberührten Wasserfalls. Flechten in Weiss-, Schwarz- und Orangetönen leuchten am Fels, und winzige Schnecken mit unterschiedlichen Häuschen sind zu sehen.

Diese Schnecken fressen Flechten und abgestorbenes Pflanzenmaterial; Frassspuren im vermodernden Laub am Boden zeugen davon. «Allein am Siggbachfall haben wir – auf wenigen Quadratmetern – 31 Häuschenschnecken-Arten gefunden. Verglichen mit den insgesamt rund 200 Landschnecken-Arten der Schweiz ist das viel, sehr viel sogar», sagt Baur, der an der Universität Basel die Abteilung Natur-, Landschafts- und Umweltschutz leitet.

Immer mehr Wasserfälle speisen Kleinwasserkraftwerke

Selten seien die nachgewiesenen Arten nicht, so der Forscher. Doch ihre Lebensräume in der Schweiz werden rar: Immerfeuchte Schluchten und eben – Wasserfälle. Mittlerweile würden rund 60 bis 70 Prozent der einheimischen Wasserfälle energietechnisch genutzt, schätzen die Geographen Christian Schwick und Florian Spichtig in ihrem 2012 aktualisierten Buch «Die Wasserfälle der Schweiz».

Vor allem seit ein paar Jahren, seit der Bund via kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) Strom von Kleinwasserkraftwerken subventioniert, werden vermehrt Wasserfälle angezapft, das heisst: in Kraftwerke umgeleitet. In der Landschaft fallen daher so manche der einst rauschenden Wildbäche heute eher zahm den Fels hinab. Andere sind ganz trocken gelegt oder werden wie der Glarner Schreyenbachfall nur noch wenige Tage im Jahr sichtbar – auf Knopfdruck, für die Touristen.

Für das Feuchtbiotop am Fels hat das Folgen: Es schrumpft laufend. Weil häufig zu viel Wasser abgezapft werde, komme es an diversen genutzten Wasserfällen zu einem Teilartensterben – das sagt Biologe Baur. Dort, wo Wasserfälle trockengelegt werden, sterbe die feuchtigkeitsangepasste Flora und Fauna gänzlich aus, auch wenn das Wasser zeitweilig wieder angestellt werde.

Moos mit gelben Blüten an schlanken Stengeln.
Legende: Blühendes Moos. Bruno Baur

Schutzinventar für Wasserfälle gefordert

Diese Entwicklung will nun die Stiftung Landschaftsschutz (SL) stoppen. Sie hat die Wasserfallstudie mitlanciert und in Kooperation mit der Universität Zürich eigene Untersuchungen zur ästhetischen und Erholungs-Wirkung von Wasserfällen durchgeführt. «Damit endlich Fakten vorliegen zum Wert von Wasserfällen», sagt Raimund Rodewald.

Der Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz will sich nun, gestützt auf die neuen Studien, für den Erhalt der noch nicht genutzten Wasserfälle in der Schweiz stark machen: «Wir fordern ein Schutzinventar für Wasserfälle in der Schweiz, damit die letzten dieser Naturschauspiele nicht auch noch sukzessive verbaut werden», so Rodewald.

Bisher kein schweizweiter Schutz

Bis anhin sind Wasserfälle schweizweit nämlich nicht generell geschützt, auch wenn einzelne Fälle, etwa der Schaffhauser Rheinfall oder die Cascata di Foroglio im Tessin, unter Schutz stehen. Ihre Forderung nach einem bundesgesetzlich verankerten Schutzinventar für noch nicht verbaute Wasserfälle will die Stiftung Landschaftsschutz nun mit Tagungen und ähnlichen Anlässen zum Thema machen.

Das breite Publikum will die Stiftung mit der Veröffentlichung der neuen Wasserfallstudien erreichen. Die Publikation ist anfangs 2015 in verständlicher und attraktiver Form geplant. «Es wird ein reich bebildertes Buch sein», so Raimund Rodewald, «und es gibt meiner Erfahrung nach kaum etwas Überzeugenderes als Fotos.»

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