Wenig Zeit, viele Pläne: Wer ist der neue Chef des Weltklimarats?

Fünf Gegenkandidaten liess Hoesung Lee aus Südkorea hinter sich – darunter den renommierten Schweizer Klimaforscher Thomas Stocker, der seine Arbeit für den Weltklimarat nun aufgibt. Doch wer ist der neue Vorsitzende des IPCC eigentlich? Warum wurde er gewählt? Und was ist von ihm zu erwarten?

Hoesung Lee hört bei einem Treffen mit einem Kopfhörer einen Vortrag.

Bildlegende: Klimaforscher, Ökonom, Topmanager: Der 69-jährige Südkoreaner Hoesung Lee setzte sich im zweiten Wahlgang gegen den Belgier Jean-Pascal van Ypserle durch. Imago

Warum gerade Hoesung Lee?

Lees fachliche Qualifikation für die herausgehobene Position beim Weltklimarat steht ausser Frage. Er ist seit mehr als 20 Jahren für das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) tätig; seit 2008 gehört er zu den Vize-Vorsitzenden. Er kennt sich mit der Arbeit und den Tücken des Weltklimarats also aus.

Allerdings verfügen auch seine unterlegenen Gegenkandidaten über solche Erfahrungen: Alle haben schon intensiv beim IPCC gearbeitet und alle hatten recht ähnliche «Wahlprogramme» präsentiert. Lee war noch einer derjenigen Kandidaten, die sich am ehesten für Veränderungen aussprachen – und die werden von vielen Seiten vom Weltklimarat gefordert.

Zudem hatte er laut dem unterlegenen Schweizer Kandidaten Thomas Stocker die asiatische Region bei der Wahl als Block hinter sich.

«  Das war eine sehr politische Wahl. Südkorea hat sehr aggressiven Wahlkampf betrieben. (…) Ich denke, letztendlich war es ein klares Bekenntnis zu Asien. Die asiatische Region hat hier einen Block gebildet und gute Unterstützung geboten für Lee. »

Thomas Stocker
Klimaphysiker an der Universität Bern

Welche dringenden Aufgaben warten auf Lee?

Die wichtigste und schwierigste ist die Ausrichtung des nächsten Klimaberichts. Viele fordern, er solle weniger naturwissenschaftliche Fakten zusammentragen, sondern mehr Lösungsvorschläge. Das sei nützlicher für die Regierungen. Doch dann könnten die Berichte umstrittener werden, weil sie mehr auf Ökonomie und Sozialwissenschaften bauen würden, die oftmals leichter angreifbar sind als die Naturwissenschaft.

Der neue Chef Hoesung Lee muss sein Gremium also näher an politische Themen rücken und trotzdem dafür sorgen, dass es als neutral wahrgenommen wird. Das ist heikel, aber manche seiner Aussagen vor der Wahl lassen darauf schliessen, dass er den Spagat wagen will.

Was soll sich am Wirken des Weltklimarats ändern?

Lee hatte sich schon vor der Wahl zu seinen Plänen geäussert. Auch heute betonte er in einer Pressekonferenz einige Punkte. Zum Beispiel will er auch Fachleute zu Klimafragen aus Entwicklungsländern finden und gezielt in die Arbeit des Weltklimarates einbinden.

Zudem will er mit Informationen und Anregungen aus Industrie und Finanzwelt versuchen, die Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen – auch mit dem Ziel, die Äusserungen des IPCC relevanter zu machen. Bei wissenschaftlichen Aussagen zum Tempo der Erderwärmung will er die Unsicherheiten eingrenzen. Und er plädiert dafür, die «Pricing»-Strategie – also den Ausstoss von Kohlendioxid zu verteuern – weiter zu betreiben und zu erweitern.

«  Wir wissen mit 95-prozentiger Sicherheit, dass menschliche Aktitiväten den Klimawandel verursachen. (…) Wir wissen, dass die Zeit nicht auf unserer Seite ist. »

Hoesung Lee
Neu gewählter Vorsitzender des Weltklimarats

Was will Lee beim IPCC intern anders machen?

Ein wichtiger Punkt wird sein, die Kommunikation des IPCC nach aussen zu verbessern und verständlicher zu machen. Das wird von Politikern und Journalisten gefordert – auch heute wieder an der Pressekonferenz in Dubrovnik (Kroatien) anlässlich von Lees Wahl. Er versprach, die Bemühungen in dieser Richtung weiter voranzutreiben.

Gefordert wird zudem, dass Lee es schafft, den enormen Aufwand zu reduzieren, die seine Mammut-Berichte erfordern. Diese Arbeit machen hunderte Klimaforscher gratis; sie hält sie vom Forschen ab, und es besteht die Gefahr, dass die besten Köpfe darum nicht mehr zur Mitarbeit bereit sein werden.

Zudem will der neue Chef mehr Frauen in die Arbeit und die Führung des Weltklimarats einbinden.

Welche Erfahrungen bringt Lee mit?

Um seine Ziele in die Tat umzusetzen, wird Hoesung Lee nicht nur seine Klima-Expertise benötigen, sondern weit mehr. Diplomatisches Geschick und den Umgang mit Macht und Mächtigen kennt er nicht nur auf internationalem Parkett, sondern schon aus seiner Zeit als Berater des südkoreanischen Umweltministers von 1994 bis 1996.


Stocker: «Es war eine sehr politische Wahl»

3:48 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.10.2015

Zudem ist Lee Wirtschaftswissenschaftler und befasst sich als Forscher mit Energie- und Klimathemen. Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn als Ökonom arbeitete er für den Ölkonzern Exxon. Auf Anfrage sagte er heute an der Pressekonferenz des Weltklimarates, er hoffe, dass diese Erfahrungen ihm bei seiner neuen Aufgabe helfen.

Der Weltklimarat

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Keystone

Die Institution der Vereinten Nationen, die immer wieder in den Schlagzeilen ist, hat keine Regierungsgewalt. Dass sie dennoch viel Einfluss hat, zeigen auch die Reaktionen auf ihre wissenschaftlich basierten Berichte, die immer wieder heftig ausfallen – von Zustimmung bis zu heftiger Kritik. Mehr zum Weltklimarat lesen Sie hier.