«Alle schauen nach Sotschi, doch niemand sieht hin»

Die olympischen Spiele drängen das Schicksal russischer Umweltschützer in den Hintergrund. Die Umweltjuristin Yulia Genin bedauert im Interview, dass sich das Internationale Olympische Komitee nicht für den verurteilten Aktivisten Jewgeni Witischko einsetzt.

Wladimir Putin mit Sonnenbrille, in der sich die Berge von Sotschi spiegeln.

Bildlegende: Begeistert: Der russische Präsident Wladimir Putin in Sotschi. Reuters

SRF: Yulia Genin, mit welchen Methoden werden und wurden die Umweltschützer von den Organisatoren der olympischen Spiele unter Druck gesetzt?

Yulia Genin: Druck wird auf unterschiedlichste Art und Weise ausgeübt. Umweltaktivisten wie Jewgeni Witischko oder Suren Gasarjan wurden ins Gefängnis gesteckt. Andere werden unter konstruierten Anschuldigungen – dazu gehört auch der Vorwurf terroristischer Aktivitäten – festgenommen oder vom Geheimdienst verhört. Es finden Hausdurchsuchungen statt und den Eltern von Umweltschützern wird geraten, ihre Söhne und Töchter vom Besucht der Stadt Sotschi währen der Spiele abzuhalten. Zudem werden die Büros unserer Organisation Environmental Watch on North Caucasus (EWNC) konstant kontrolliert und die Telefone abgehört.

Ist die Situation für Umweltaktivisten in ganz Russland schwierig?

Ja und nein. Ja, weil Präsident Putin diese Spiele unbedingt wollte. Da spielen Bürgerrechte keine Rolle. Gesetze wurden ausser Kraft gesetzt und wir durften nicht einmal die Verträge zwischen dem russischen Organisationskomitee, der Stadt Sotschi und dem Internationalen Olympischen Komitee IOC einsehen. Wir können unsere Rechte in keiner Weise wahrnehmen und die massive Umweltzerstörung im Zusammenhang mit dem Bau der Olympia-Infrastruktur wird einfach grün gewaschen. Da hilft nicht einmal der internationale Druck. Und das IOC hat nichts getan, damit die Spiele wirklich grün und nachhaltig sind. Aber die Umweltzerstörung ist überall in Russland ein grosses Problem und die Meinung der Öffentlichkeit wird selten berücksichtigt.

Inwiefern hängt die Inhaftierung von Jewgeni Witischko Ihrer Meinung nach mit den Olympischen Spielen zusammen?

Sein Prozess war ganz klar politisch motiviert. Witischko hat sich zusammen mit Suren Gasarjan gegen den illegalen Bau einer Villa des Gouverneurs von Krasnodar in einem schützenswerten Gebiet gewehrt. Bei dieser Aktion wurde gesprayt und ein Zaun eingedrückt. Dafür bekam er eine Bewährungsstrafe, die jetzt in drei Jahre Lagerhaft umgewandelt wurde. Ich bin zutiefst überzeugt, dass die Umwandlung mit Jewgenis Dokumentation der Umweltzerstörung durch die olympischen Spiele zu tun hat. Die Behörden haben Jewgeni davon abgeraten, seinen Bericht zu veröffentlichen.

Sind Sie überrascht vom harten Vorgehen der russischen Behörden gegen die olympiakritischen Umweltaktivisten?

Ich bin nicht überrascht, das war voraussehbar. Dennoch habe ich gehofft, dass dieser internationale Anlass einen gewissen Schutz bieten könnte gegen solche Drangsalierung. Und ich habe gehofft, dass das IOC seine Verantwortung wahrnimmt und die Spiele nicht einfach grün wäscht. Das IOC muss seine Standards bezüglich olympischen Spielen in Entwicklungs- und Schwellenländern ändern. Leider hat alles nichts geholfen. Jetzt schaut zwar die ganze Welt nach Sotschi. Doch niemand sieht hin.

Yulia Genin

Yulia Genin

Sie ist wie der inhaftierte Jewgeni Witischko Mitglied des EWNC, einer Öko-Organisation, die sich für den Schutz des Nordkaukasus einsetzt, zu dem auch die Region Sotschi gehört. Genin ist Spezialistin für internationales Umweltrecht und kommentiert im Internet, auf Facebook und Blogs von den USA aus, was ihren Mitstreitern in Russland widerfährt.