«Detonationen bei Eintritt in die Atmosphäre durchaus natürlich»

Wie gross war der Meteorit, der heute über dem Ural in Russland niederging und viele Menschen verletzte? Woraus bestand er? Erste Einschätzungen von Meteoriten-Forscher Rainer Wieler von der ETH Zürich im Interview.

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Meteorit im Ural (Youtube)

0:31 min, vom 15.2.2013

Herr Wieler, der Meteorit, der heute im Ural in Russland niederging, soll laut einem russischen Wissenschaftler mehrere Tonnen schwer gewesen sein, bevor er teilweise verglüht sei …

Rainer Wieler: Ja, das ist bestimmt so. Mich erinnert das Ereignis noch am ehesten an den Meteoriten Sikhote-Alin, der im Februar 1947 über Sibirien niederging und mehr als 120 kleine Krater hinterliess. Mit etwa 50 Tonnen gefundenen Materials gilt dies als der grösste bekannte Eisen-Meteoriteinschlag des 20. Jahrhunderts. Es gab sogar eine Sonderbriefmarke der Sowjetunion zu diesem Ereignis.

Lässt sich aufgrund der bekannten Informationen schon vermuten, aus welchem Material der Meteorit war, der heute einschlug?

Ich denke nicht. Das kann alles Mögliche sein. Überwiegend aus Mineralien oder eben aus einer Eisen-Nickel-Legierung, je nach der Herkunft aus dem All. Am häufigsten schlagen Meteoriten aus Gestein auf der Erde ein.

Der heutige Einschlag ist zum Teil gefilmt worden. Könnte die Grösse und Art des Lichtschweifs nicht schon Aufschluss über den Meteoriten geben?

Auf die Grösse des Meteoriten sicher. Doch auf das Material wohl nicht: Für eine Spektralanalyse des Lichts beispielsweise müssten die Aufnahmen mit höherwertigen Kameras als mit einem Handy gemacht worden sein. Funde von Reststücken am Boden werden aber hoffentlich bald Aufschluss geben. Ein Teil wird aber wohl verdampft sein. 

Die Briefmarke zum Meteoriten Sikhote-Alin zeigte zehn Jahre nach dem Ereignis den Einschlag als Illustration.

Bildlegende: Gedenken an eine Katastrophe: Die Briefmarke zum Meteoriten Sikhote-Alin erschien zehn Jahre nach dem Ereignis. Wikipedia

Verwirrend für Laien ist, dass russische Behörden von einem Meteoritenhagel sprechen statt von einem Einzelmeteoriten …

Es war beides. Ein ziemlich grosser Brocken drang in die Atmosphäre ein und wurde dann durch die Reibung in viele Einzelteile zerlegt.

Versprechen Sie sich von den Funden vom heutigen Meteoriten spannende Einsichten für Ihre Forschung?

Das kommt darauf an. Wenn es sich um einen «primitiven» Meteoriten handelt, wie wir das wissenschaftlich nennen, wäre er seit der Entstehung des Universums nicht oder nur wenig verändert. In diesem Fall sicher.

Trotz dutzender Einschläge pro Jahr: Der heutige Tag wird in die Annalen der Meteoritenkunde eingehen, nicht wahr?

Ja, der Einschlag an sich ist schon historisch bemerkenswert. Allein schon, weil bisher bei solchen Ereignisse nur selten Menschen verletzt wurden, und schon gar nicht so viele.

Russische Politiker haben bereits ein Frühwarn- und Zerstörungssystem für solche Himmelskörper gefordert. Es wurde sogar kolportiert, der Meteorit sei von einer Boden-Luft-Rakete beschossen worden, freilich ein unbestätigter Bericht.


Russland von Meteorit getroffen

5:06 min, aus Rendez-vous vom 15.02.2013

Ja, das ist auch nicht sehr wahrscheinlich. Theoretisch denkbar wäre zwar, dass irgendein automatisches Abwehrsystem eine Rakete abgefeuert hätte – aber das Minimaltempo eines Meteoriten, der den Orbit durchdringt, liegt bei 11,2 Kilometern pro Sekunde. Selbst durch Reibung abgebremst, bin ich nicht sicher, ob eine Boden-Luft-Rakete mit solchen Geschwindigkeiten zu Rande käme. Und laute Detonationen beim Eintritt eines so grossen Meteoriten in die Erdatmosphäre sind durchaus natürlich.

Zur Person:

Rainer Wieler (63) ist gelernter Physiker und arbeitet als Professor am Institut für Geochemie und Petrologie der ETH Zürich. Mit Meteoriten, die von Asteroiden oder anderen Planeten stammen, befasst er sich seit 30 Jahren. Die Analysen der Überreste solcher Himmelskörper geben zuweilen Hinweise auf die Entstehung unseres Sonnensystems.