Ein nackter Tausendsassa rollt die Forschung auf

Sie streiten sich gerne, laufen rückwärts so schnell wie vorwärts und leben – genau wie Ameisen oder Bienen – mit Königin und Arbeiterinnen. Obwohl das schon Stoff für mehrere Doktorarbeiten bietet, haben Nacktmulle noch viel mehr auf Lager – das macht sie zu neuen Stars der Wissenschaft.

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Lebenslang gesund dank hässlichem Nager?

7:44 min, aus Einstein vom 24.10.2013

Krebsforscher, Unfallchirurgen, Schmerz- und Altersforscher sind fasziniert von Nacktmullen. Diese völlig unbehaarten, etwa zehn Zentimeter grossen Nagetiere gehören zur Familie der Sandgräber, die ihre Gänge und Bauten im sandigen Boden Afrikas, südlich der Sahara, anlegen. Kilometerlange Gänge graben sie mit ihren grossen Schneidezähnen, die ziemlich beweglich im Kiefer gelagert sind – falls sie aus Versehen einmal auf einen Stein beissen sollten.

Das Gangsystem verlassen die meisten Nacktmulle ihr Leben lang praktisch nie. Ihren Nahrungs- und Flüssigkeitsbedarf decken sie mit Wurzeln und Knollen, die sie Untertage ausgraben. So führen Nacktmulle ein im Grunde ziemlich geruhsames, weitgehend gesundes und vor allem langes Leben.

Genau das rückt sie seit wenigen Jahren in den Fokus etlicher internationaler Forschungsprojekte. Vor allem in den USA, Grossbritannien und Deutschland liegen grosse Hoffnungen unterschiedlicher Forschungsrichtungen auf einigen ganz besonderen Eigenschaften der kleinen Kerlchen aus Afrika.

Ein Leben wie im Bienenstock

Zum Beispiel das rätselhafte Wachstum ihrer Königin. Eine Nacktmull-Kolonie ist organisiert wie ein Bienenstock oder ein Ameisenhaufen. Die im Vergleich zu ihrem Hofstaat ziemlich grosse Nacktmull-Königin ist die einzige, die Nachwuchs bekommt. Vermutlich mit hormoneller Hilfe verhindert sie bei ihren weiblichen Untertanen die Geschlechtsreife und das Wachstum.

Erst wenn die Königin stirbt – und bis dahin kann es ewig dauern – beginnt bei der weiblichen Nachfolge ein Wettbewerb um die Nachfolge. Die Siegerin beginnt plötzlich wieder zu wachsen. Und das, obwohl die Wachstumsfugen ihres Skeletts, wie bei fast allen Säugern ab der Pubertät üblich, bereits komplett verknöchert war. Die Wissenschaftler wollen nur zu gerne herausfinden, welche genetischen Mechanismen hinter dem erneuten Knochenwachstum stecken. Falls sie sie entschlüsseln, kann damit womöglich Menschen mit schweren Knochenerkrankungen oder -verletzungen geholfen werden.

Doch Nacktmulle können noch mehr. Sie gelten als die Methusalems unter den Nagetieren. Sie leben bis zu 28 Jahre lang, manche werden sogar noch älter. Verglichen mit einer etwa gleich grossen Maus, die kaum vier bis fünf Jahre alt wird, bevor sie schwer gebeugt zu Grunde geht, ist das ein geradezu biblisches Alter.

Hoffnung für gesundes Altern

Forscher des Jenaer Instituts für Altersforschung wollen den Jungbrunnen der Nacktmulle unbedingt finden. Doch es geht ihnen nicht darum, dass wir Menschen noch älter werden. Sie suchen den Schlüssel für etwas, was sich womöglich jeder Mensch auf Erden wünscht: alt zu werden ohne quälende Gebrechen. Nacktmulle können das.

Bis heute hat noch kein Forscher jemals einen Nacktmull mit Tumor zu Gesicht bekommen. Nach einem fast 30 Jahre währenden, putzmunteren Leben fallen die Tiere offenbar schlicht und einfach tot um. Wie schaffen die kleinen Nager das? Die Genetiker des Jenaer Institutes suchen im Erbgut nach den Mechanismen, die ein derartiges Altern ermöglichen. Sind sie gefunden, lassen sich womöglich konkrete Rückschlüsse auf den Menschen ziehen, denn – auch wenn es manchen aufgrund von Äusserlichkeiten schmerzen mag – so unterschiedlich sind die Gene von Mensch und Nacktmull nicht.

Ein Nacktmull frisst.

Bildlegende: Hässlich wie die Nacht ... aber dem Menschen in manchem überlegen. So können Nacktmulle bei bester Gesundheit steinalt werden. Wikipedia, Trisha M Shears

Gegen Tumore gefeit

Krebs-Forscher von der Englischen Universität Rochester nehmen die Fähigkeit der Nacktmulle, Tumore abzuwehren, ganz gezielt unter die Lupe. Bei gesunden Säugetieren existiert eine Kontakthemmung für Zellen. Sobald sich zwei Zellen zu nahe kommen, sorgt ein erhöhter Wert des Proteins p27 dafür, dass sie ihr Wachstum einstellen. Bei Krebszellen funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr; sie vermehren sich ungebremst weiter und verklumpen: Ein Tumor entsteht.

Während es bei Menschen nur ein einziges Protein gibt, das dieses Verklumpen von Körperzellen verhindert, fanden die Forscher bei den Nacktmullen gleich mehrere. Eine regelrechte Abwehrkaskade aus Proteinen ist offenbar in der Lage, bereits in einem sehr frühen Stadium von Zellverklumpungen aktiv zu werden und den Kontakt der Körperzellen zu verhindern. Selbst als die Forscher gezielt Krebsgene in die Nacktmulle einbrachten und eines der Abwehrproteine ausschalteten, stieg plötzlich die Konzentration eines anderen Proteins an und stoppte eine mögliche Tumorbildung.

Noch viele Fragen offen

In zahlreichen weiteren Projekten wollen Fachleute die vielversprechenden Eigenschaften der Nacktmulle ergründen. Forscher in Berlin suchen nach den Gründen des verminderten Schmerzempfindens der Nacktmulle. Auch die Frage, warum diese Tiere mit extrem wenig Sauerstoff auskommen können, ist ungelöst. Noch steht die Forschung ganz am Anfang, aber es wird spannend zu sehen, was der neue Star der Wissenschaft noch alles kann. Denn so ein schrumpeliger Nacktmull: Der ist immer für eine Überraschung gut.

Warum sind Nacktmulle nackt?

Warum sind Nacktmulle nackt?

Die Forschung hat drei mögliche Antworten:

  • Nacktmulle sind wechselwarm, in ihren Bauten in Afrika brauchen sie kein wärmendes Fell.
  • Sie haben ihre Augen meist geschlossen und brauchen das Fell nicht für optische Reize (z.B. Nackenfell aufstellen zum Drohen).
  • Fell lockt Parasiten an. Nacktmulle gelten mit ihrer nackten Haut als nahezu parasitenfrei

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