Erdöl, der unterschätzte Stoff

90 Prozent aller geförderten fossilen Rohstoffe werden heute verbrannt, um Energie zu erzeugen. Doch eigentlich sind sie dafür viel zu wertvoll, denn ohne Erdöl werden unsere Lebensmittel knapp.

Grafik der Erdkugel mit Wasserhahn, aus dem Öl tropft.

Bildlegende: Wertvolles Gut: Nicht nur als Treibstoff fürs das Auto ist Erdöl wichtig, sondern auch für Medikamente, Textilien und Lebensmittel. Colourbox

Was steckt in einem Tropfen Erdöl? Viel Energie. Dies ist bekannt, darum heizen wir damit unsere Häuser oder nutzen raffiniertes Öl in Form von Benzin als Treibstoff fürs Auto. Aber Erdöl kann viel mehr, sagt der Chemiker Christophe Coperet von der ETH Zürich: «Es ist viel zu schade, Erdöl oder Erdgas einfach zu verbrennen. Denn beides sind enorm wichtige Rohstoffe für die Chemie.»

In fast allem steckt Erdöl

Textilien, Gartenmöbel, PET-Flaschen, Farben, aber auch viele Medikamente: die Liste an Stoffen, die aus Erdölbestandteilen hergestellt werden ist endlos. «Wenn man Metalle, Beton und Biomasse weglässt, basieren wohl über 90 Prozent aller Materialien um uns herum auf fossilen Rohstoffen», sagt Coperet, «aber dessen ist sich kaum jemand bewusst.»

Selbst in vielem, was früher aus Metallen gefertigt war, steckt heute ein hoher Anteil an Erdöl-Produkten: Man denke nur an Flugzeuge in Leichtbauweise oder Autos aus Verbundwerkstoffen.

Dennoch, in einem typischen Industrieland gehen heutzutage fast 90 Prozent des Erdölkonsums aufs Konto der Energieversorgung, werden also schnöde verbrannt. Doch fossile Rohstoffe sind endlich und so wird dieses Öl kommenden Generationen in Zukunft fehlen, um ihre Computergehäuse, Medikamente oder Pestizide herzustellen.

Ohne Erdöl fehlen Lebensmittel

Das künftige Problem des fehlenden Öls könnte weit schmerzhafter sein, als viele meinen, warnt der Chemiker Coperet: «Etwa 90 Prozent aller Lebensmittel auf unseren Tellern werden mithilfe fossiler Brennstoffe erzeugt». Der Grund: Um Kunstdünger herzustellen, braucht es Methan aus Erdgas. Riesige Mengen an Methan, das über Umwege den Stickstoff aus der Luft in den Dünger bringt. Und ohne Stickstoff im Dünger gibt es kein Pflanzenwachstum.

Haber-Bosch-Verfahren heisst dieser immens wichtige chemische Trick, der seit Beginn des letzten Jahrhunderts bekannt ist und der die Landwirtschaft umgekrempelt hat. Ohne Haber-Bosch, ohne Stickstoff-Dünger, könnten niemals 7 Milliarden Menschen auf der Erde leben, geschweige denn die fürs Jahr 2050 prognostizierten 9 Milliarden, sondern nur etwa 4 Milliarden, schätzen Forscher.

Recycling ist gefragt

«Ich kann mir ein Leben ohne Öl nicht vorstellen», sagt Christophe Coperet, «und dabei denke ich nicht an die Energie-Erzeugung, sondern nur an Öl als chemischer Grundstoff.» Umso wichtiger sei es, fossile Rohstoffe nicht einfach zu verheizen, sondern sie weise zu nutzen.

Aber selbst wenn wir irgendwann zu 100 Prozent erneuerbar heizen und fahren, selbst wenn irgendwann kein Tropfen Öl mehr verbrannt werden wird, sind die Probleme nicht gelöst: Noch landen zu viele Produkte aus fossilen Rohstoffen zu schnell im Abfall. Es wird also auch bessere Stoffkreisläufe brauchen, mehr Recycling. Aber das ist ist eine andere Geschichte.