«Es ist immer der Bär, der sich annähert»

David Bittner ist Bärenforscher. Seit elf Jahren beobachtet und fotografiert er die Grizzlies in Alaska und hat einiges über die Riesentiere gelernt. Zum Beispiel, dass sie den Menschen durchaus neben sich akzeptieren – wenn der sie in Ruhe lässt. Einen Bären anfassen würde er deshalb niemals.

Wer den Angriff einer Bärenmutter unbeschadet überlebt, muss einfach ein besonderes Verhältnis zu diesen Tieren haben. David Bittner ist mit dem Schrecken davongekommen, als er eine Bärenmutter und ihre Jungen aufschreckte. Seine Faszination für die bis zu 800 Kilogramm schweren Grizzlies hat das Erlebnis nur befeuert.

Seit elf Jahren verbringt der Biologe, wann immer möglich, den Sommer in Alaska, um die Grizzlies zu beobachten, ihr Leben zu dokumentieren. Es ist die unberührte Landschaft, die ihn in die Einsamkeit zieht, und eine Faszination für die Bären, die er sich selbst nicht recht erklären kann. «Es ist ein unglaubliches Gefühl, den Bären so nah sein zu können und mit ihnen Dinge zu erleben, die bisher wohl nur ganz wenige Menschen erleben durften», erzählt er.

An Unfällen ist fast immer der Mensch schuld

Was anfangs ein Hobby war, hat er sich mittlerweile zur Aufgabe gemacht: Aufklären und informieren, dass Bären nicht einfach nur zerstörerische Raubtiere sind, sondern sehr intelligent. Bären wie der gerade erschossene M 13 seien nicht das eigentliche Problem. «In 99 Prozent der Angriffe ist der Mensch selbst Schuld», sagt Bittner. «Wir müssen den Umgang mit dem Bären einfach neu lernen». In Ländern, wo die Menschen seit Jahrhunderten neben dem Bär lebten, sei es beispielsweise ganz normal, in bestimmten Gebieten einen Waldspaziergang mit entsprechender Vorsicht zu machen und bestimmte Regeln zu befolgen.

Die Regeln des Zusammenlebens in Alaska hat Bittner über die Jahre gelernt und auch, wie er das Vertrauen der Tiere erlangen kann: «Es ist immer der Bär, der sich annähert, ich sitze einfach nur da.» Geduld und Einfühlungsvermögen sind die wichtigsten Tugenden auf seinen Abenteuerreisen. Stundenlang sitzt er mit seiner Kamera bei den Tieren, beobachtet sie und redet mit ihnen. Er hat gelernt, dass es auf die Stimmlage ankommt: Mit herzlicher, kindlicher Stimme kann er die Bären beruhigen. Sich mit einer strengen, festen Stimme Respekt verschaffen. Respekt ist überlebenswichtig und Berühren tabu. «Es sind wilde Tiere, die wild aufwachsen und eine Nähe nur erlauben, wenn sie es wollen.»

Ein Mittagsschlaf ist der grösste Vertrauensbeweis

Dieses Vertrauen muss er jedes Jahr aufs Neue aufbauen, aber David Bittner ist sich sicher, dass die Bären ihn wiedererkennen. Einige nennt er sogar mit Namen, manche von ihnen kennt er seit ihrer Geburt: «Eine Bärendame, Luni, begleite ich seit sie 2006 zur Welt kam. Mittlerweile warte ich darauf, dass sie endlich selbst Junge bekommt!», begeistert sich der Bärenforscher. Wenn die Bären angstlos in seiner Nähe fressen und schlafen, ist das der grösste Vertrauensbeweis: Eines seiner schönsten Erlebnisse war der Tag, an dem ein Bär einen Mittagsschlaf neben ihm gehalten hat – nur wenige Meter entfernt.

Angst hat der zweifache Vater nicht, obwohl er zugibt, dass er seit der Geburt seiner Kinder über einige Situationen anders denkt. «Aber jede Stunde, die man mit 180 Sachen über die Autobahn brettert ist sicher gefährlicher», setzt er hinzu.

David Bittner (geboren 1977) studierte Biologie und promovierte 2009 an der Uni Bern. Seit 2002 beobachtet er die Kodiak- und Küstenbraunbären in Alaska. Er veröffentlichte mehrere Bücher und Filme. Am Donnerstag, 21. Februar, zeigt DOK  den Film «Leben unter Grizzlies», eine Reportage über David Bittner. Um 20:05 Uhr auf SRF 1.