Pflanzenschutzmittel: Gefahr für Bachflohkrebse & Co

Gewisse Pflanzenschutzmittel schaden wahrscheinlich den Bienen. Ende April hat die EU die Pestizide deshalb verboten – befristet für zwei Jahre. Die Pestizide setzen aber auch anderen Tieren zu: Insekten und Kleinkrebsen im Wasser. Das haben Forscher aus den Niederlanden und der Schweiz gezeigt.

Ein Bauer bringt auf dem Feld Pflanzenschutzmittel aus.

Bildlegende: Im Visier der Wissenschaft: Planzenschutz, die aus der Landwirtschaft in die Gewässer gelangen, könnten viele Kleinlebewesen gefährden. Keystone

Niemand sonst sammelt so viele Daten dazu, wie es dem Wasser geht, wie die Niederländer. In regelmässigen Abständen schauen sie sich an, mit welchen Substanzen das Wasser belastet ist und was darin so alles kreucht und fleucht – von der Libellenlarve bis zum kleinsten Krebs. Diese riesige Datenmenge haben sich Forscher von der Universität Utrecht jetzt unter die Lupe genommen – mit beunruhigendem Resultat.

Vom Feld ins Wasser

Das Interesse der Forscher gilt dem Pflanzenschutzmittel Imidacloprid. Das Mittel macht zurzeit Schlagzeilen, weil es möglicherweise Bienen tötet. Bauern schützen damit ihre Pflanzen vor Schädlingen. Und die Bienen nehmen es auf, wenn sie Honig suchen. Deshalb hat die EU das Pestizid verboten, zumindet für eine Frist von zwei Jahren, bis man mehr über die negativen Effekte weiss.


Pestizid im Wasser

5:17 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 18.05.2013

Von den Feldern gelangt Imidacloprid aber auch ins Wasser. Und das nicht zu knapp, sagt Jeroen von der Sluijs von der Universität Utrecht: «In einigen unserer Wasserproben waren die Konzentrationen extrem hoch. In einem Fall fanden wir im Wasser sogar 25'000 Mal mehr Imidacloprid als der tiefste holländische Richtwert erlaubt.»

Weniger Wassertiere

Die Pestizid-Belastung hat auch Auswirkungen auf die Tiere, die im Wasser leben. In stark belastetem Wasser fanden die Forscher 70 Prozent weniger Würmer, Schnecken und Larven als in sauberem Wasser. Das ist ein Problem, weil die kleinen Wasserorganismen vielen anderen Tieren als Nahrung dienen. Fallen sie weg, dann hungern ihre Fressfeinde. Vögel finden zum Beispiel keine Mücken mehr zu fressen, weil die Larven der Mücken im Wasser von den Pestiziden vergiftet wurden und verendeten.

Das Resultat aus den Niederlanden ist also besorgniserregend. In der Forschergemeinde ist es aber nicht unumstritten. Manche zweifelten daran, dass Imidacloprid tatsächlich die Ursache sei für das beobachtete Tiersterben, sagt Marion Junghans vom Wasserforschungsinstitut Eawag in Dübendorf. Da brauche es noch mehr Studien.

Strengere Auflagen möglich

Trotzdem findet Marion Junghans die Studie sehr interessant. Und auch die Behörden haben das Resultat zur Kenntnis genommen. Sie müssen sicherstellen, dass Pflanzenschutzmittel der Umwelt nicht schaden – mit Grenzwerten und anderen Auflagen. In der Schweiz darf Imidacloprid zum Beispiel nicht zu nahe an Gewässern verwendet werden.

Dieses Jahr überprüft das Bundesamt für Landwirtschaft (BWL) die Zulassung für Imidacloprid. Die Vizedirektorin des Bundesamts, Eva Reinhard, schliesst nicht aus, dass es wegen der Studie aus den Niederlanden nun strengere Auflagen geben könnte. Das Resultat der Neubeurteilung soll bis zum Ende des Jahres vorliegen.

Verhungernde Bachflohkrebse

Die Grenzwerte für Imidacloprid im Wasser sind heute so ausgelegt, dass sie die Tiere vor allem vor akuten Belastungen mit hohen Dosen schützen. Und das, obwohl auch chronische Belastungen mit niedrigen Dosen die Tiere schädigen können. Das haben Forscher der Eawag gerade im Labor an Bachflohkrebsen gezeigt. Durch kleine Dosen Imidacloprid über mehrere Tage wurden die Tiere träge. Sie bewegten sich nicht mehr so viel und verhungerten schliesslich. Ähnliches ist auch von anderen Wassertieren bekannt.

Solche chronischen Effekte müssten in den Grenzwerten eigentlich stärker berücksichtigt werden. Das Problem ist aber, dass es kaum Studien gibt wie jene aus den Niederlanden  also Studien vom freien Feld und nicht aus dem Labor. Die meisten Länder messen nicht nicht systematisch, wie viel Imidacloprid im Wasser schwimmt und wie viele Kleintiere dort leben. Auch in der Schweiz tun das erst einige Kantone.

Verbot – ja oder nein?

Trotzdem sollte man jetzt schon handeln, findet der Utrechter Forscher Jeroen von der Sluijs. Er fordert ein komplettes Verbot des Pestizids. Das geht den Behörden allerdings entschieden zu weit. Man brauche die Pestizide für einen wirksamen Pflanzenschutz, für die Ernährungssicherheit, so Eva Reinhard vom BWL.

Das Bundesamt setzt eher auf schärfere Auflagen, wie zum Beispiel strengere Grenzwerte. Für Eva Reinhard ist allerdings klar, dass man die neuen Resultate nicht einfach ignorieren kann. Auch winzige Würmer, Schnecken und Larven stehen bei ihr jetzt ganz oben auf der Agenda und nicht mehr nur die herzigen Bienen.

Detaillierte Infos den Studien (englisch)