«Schlangen mögen kann man lernen»

Giftpfeilfrösche ohne Gift, Chamäleons mit seltsamen Augen oder schillernde Schlangen gehören zu den 42 Reptilienarten im Zoo Zürich. Wie faszinierend die Tiere sind und warum es sich lohnt, die Angst vor ihnen zu überwinden, erzählt Zoo-Direktor Alex Rübel im Interview.

Eine giftgrüne Spitzkopfnatter hängt auf einem Baum im Zoo Zürich.

Bildlegende: Bewohnerin des Zürcher Zoos: Die Spitzkopfnatter ist ungiftig und durch ihre grüne Farbe perfekt an das Leben in den Blätterregionen der Bäume ang... Keystone

SRF DOK: Alex Rübel, Reptilien gehören nicht zu den erklärten Lieblingstieren. Ist das im Zoo spürbar?

Alex Rübel: Ja, zum Teil schon. Viele Leute machen einen grossen Bogen um die Terrarien. Sie fürchten sich beispielsweise vor Schlangen. Doch man muss sich mit diesen Tieren beschäftigen, um sie zu «mögen». Wir bieten deshalb zwei Mal im Jahr Seminare gegen Schlangenphobien an.

Und das ist erfolgreich?

In 95 Prozent der Fälle verlieren die Menschen die Angst vor den Tieren. Ein Kurator und ein Psychologe begleiten die Interessierten und ermöglichen es ihnen, sich den Tieren schrittweise zu nähern. Wer mehr über die Wesensart von Schlangen erfährt, kann Vorurteile abbauen. Am Ende schaffen es viele Teilnehmende sogar, die Tiere zu berühren. Dasselbe bieten wir auch bei Spinnenphobien an.

Gibt es auch richtig beliebte Reptilien?

Krokodile sind vor allem bei den Jugendlichen sehr beliebt. Die Tiere strahlen Gefahr und Kraft aus; das finden die Jungen cool. In der Masoala-Halle gehören die Chamäleons zu den Besuchermagneten. An den Augen dieser Tiere kann man sich kaum sattsehen. Chamäleons können ihre Augen unabhängig voneinander bewegen, und sie sind um ein Vielfaches leistungsfähiger als das menschliche Auge. Bei speziellen Führungen werden die Tiere ausserdem gefüttert – dabei kann man ihre Jagdtechnik mit der Schleuderzunge gut beobachten.

Bei welchem Reptil braucht es mehr Geduld ?

Auf jedem Fall beim Plattschwanzgecko. Er existiert nur auf Madagaskar und ist bei uns in der Masoala-Halle leicht zu übersehen. Denn er kann sich farblich absolut perfekt an den jeweiligen Untergrund anpassen. Umso schöner, wenn man ihn entdeckt!

Haben Sie persönlich einen Favoriten unter den Reptilien?

Nein, ich mag natürlich alle Tiere! Aber Landschildkröten, Griechische und Galapagos-Schildkröten sind mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe mich mit ihnen während meiner Zeit als Tierarzt an der Uni-Tierklinik in Zürich intensiv beschäftigt.

Was sind die Hauptschwierigkeiten bei der Haltung von Reptilien?

Bei vielen Tierarten wissen wir leider nach wie vor nicht, wie sie in der Wildnis leben. Doch wir lernen jeden Tag dazu und es ist uns gelungen, die Tiere, die wir halten auch nachzuzüchten. Bei den giftigen Krustenechsen beispielsweise, wissen wir heute, dass sie für eine erfolgreiche Zucht hinuntergekühlt werden müssen.

Auch der Blaue Pfeilgiftfrosch wird bei ihnen im Zoo erfolgreich gezüchtet. Allerdings unterscheidet er sich von seinen Artgenossen in der Wildnis.

Das ist richtig. Bei uns im Zoo ist der Blaue Pfeilgiftfrosch nicht giftig. Sein Gift entsteht einerseits über Ausscheidungen der Hautdrüsen. Giftig werden diese Ausscheidungen aber erst im Zusammenspiel mit Bakterien. Da diese Bakterien im Zoo Zürich allerdings nicht existieren, bleibt der Blaue Pfeilgiftfrosch bei uns eher ein Blauer Pfeilfrosch.

Zoos arbeiten heute international vernetzt – auch bei der Züchtung von Reptilien?

Die Koordination dieser Zuchtprogramme geschieht auf europäischer Ebene. Wir züchten also Tiere, die einerseits bedroht sind, für die es aber auf der anderen Seite auch geeignete Plätze in verschiedenen Zoos gibt. Das Ziel ist, eine genetische Variabilität verschiedener Gattungen zu erhalten. Bei den Reptilien leiten wir die Zuchtprogramme für die Galapagos-Riesenschildkröten und den Blauen Pfeilgiftfrosch. Wir sind aber auch beteiligt an der Zucht des Antillen-Ochsenfroschs, des Blauen Baumwarans, der Skorpions-Krustenechse und der Madagaskar-Hundskopfboa.

Wurden Sie schon mal von einem Reptil verletzt?

Ich nicht, aber mein Vorgänger Heini Hediger wurde einmal bei einer Demonstration von einem Waran in die Hand gebissen. Er hat daraufhin seine kaum lesbare Schrift damit erklärt – obwohl seine Schrift bereits vor dem Biss sehr unleserlich gewesen war.

Zur Person

Zur Person

Alex Rübel ist seit 1991 Direktor des Zoo Zürich – sein Traumberuf. Die Erhaltung der Tiere und ihrer Lebensräumen in der Wildnis waren immer seine Mission. Unter ihm wurden der Masoala-Regenwald und zuletzt das neue Elefantenhaus eröffnet. Als einziger Zoo in Europa sind in Zürich Nachzüchtungen bei Galapagos-Schildkröten gelungen.

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