Zum Inhalt springen

Natur & Umwelt Steinadler: vergiftet durch Bleimunition

Aas fressende Greifvögel können sich mit Bleisplittern aus Jagdmunition vergiften, belegen internationale Untersuchungen schon länger. Heute wird die erste Schweizer Studie dazu veröffentlicht. «Einstein» weiss: Die Bleiwerte in einzelnen Steinadlern sind höher als frühere Forschungsarbeiten zeigen.

Legende: Video Steinadler: gefährdete Aasfresser abspielen. Laufzeit 0:21 Minuten.
Aus Einstein vom 18.02.2014.

Seit 30 Jahren fliesst aus Schweizer Zapfsäulen nur noch bleifrei. Denn für jeden ist klar, Blei ist ein überaus schädliches Umweltgift. Hoch geschätzt ist das blaugraue Schwermetall hingegen bei Jägern. Nichts trifft offenbar besser und tötet schneller als eine Bleikugel.

Doch die Geschosse gefährden auch Tiere, die gar nicht bejagt werden und erst noch geschützt sind: Steinadler und Bartgeier. Beide sind Aasfresser und machen sich mit Vorliebe über Tierreste her, die Jäger nach dem Ausweiden liegen lassen. Doch diese Reste, oft Innereien, enthalten Splitter der Bleimunition. Die aggressiven Verdauungssäfte der Greifvögel lösen das Blei; die Tiere können an Bleivergiftungen sterben.

Endlich Klarheit

In den letzten zehn Jahren wurden bei Steinadlern zwar selten, aber doch wiederholt solche Bleivergiftungen diagnostiziert. Die Vogelwarte Sempach und das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden wollten Klarheit. Seit 2009 wurde tot aufgefundenen Steinadlern je ein Stück Leber, Niere und Knochen entnommen und zur genauen Blei-Analyse ans Institut für Rechtsmedizin der Uni Zürich geschickt. Dort verglichen Spezialisten die eingeschickten Proben mit solchen von Uhus, die im Gegensatz zu Steinadlern oder Bartgeiern kein Aas, sondern nur Lebendbeute verzehren.

Legende: Video Lukas Jenni: «Blei führt zu Vergiftungen» abspielen. Laufzeit 0:44 Minuten.
Aus Einstein vom 18.02.2014.

Die Ergebnisse der Untersuchung blieben lange unter Verschluss. Doch heute legt Lukas Jenni, wissenschaftlicher Leiter der Vogelwarte Sempach, die Fakten gegenüber «Einstein» auf den Tisch: Von 41 untersuchten Steinadlern wiesen drei akute Bleivergiftungen auf. Aber auch in den Knochen fast aller anderen Adler stellte man sehr hohe Bleiwerte fest. Die Uhus aus der Vergleichsgruppe hatten zehn Mal tiefere Bleiwerte in den Knochen.

Für Lukas Jenni sind diese Resultate ein Beleg dafür, dass sich die Steinadler mit Bleifragmenten aus Jagdmunition kontaminieren. Aufgrund der Studiendaten macht sich der wissenschaftliche Leiter der Vogelwarte auch Sorgen um die bislang so erfolgreiche Wiederansiedelung der Bartgeier in unseren Alpen.

Umdenken ist nötig

Die erste Schweizer Studie über die Folgen von bleihaltiger Jagdmunition auf die Gesundheit Aas fressender Greifvögel hat die Befürchtungen zum Teil übertroffen. Die Vogelwarte Sempach hofft, dass die Forschungsarbeit Anstoss liefert für einen Wechsel auf Bleifrei-Geschosse.

Das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden hat, wie andere Jagdverwaltungen auch, erste Massnahmen eingeleitet. So dürfen die Wildhüter, wenn sie zum Gewehr greifen müssen, nur noch bleifreie Munition verwenden. Zudem werden Jäger dazu angehalten, die Innereien von mit Bleimunition erlegtem Wild nicht mehr liegen zu lassen, sondern zu vergraben.

Welche Auswirkungen die hohen Bleiwerte auf die Vitalität der grossen Greifvögel haben, wollen die Studienmacher weiter untersuchen. Doch eines scheint klar: An einem Wechsel auf Alternativ-Munition aus Kupfer oder Messing kommt kein Jäger vorbei, der Steinadler und Bartgeier nicht unnötig gefährden will.

Steinadler und Bartgeier durch Bleimunition vergiftet: «Einstein» am 20. Februar um 21 Uhr auf SRF1

Bartgeier in der Schweiz

Vor 100 Jahren war der Bartgeier in den Zentral-Alpen ausgerottet. Heute ist der mächtige Aasfresser wieder zurück. Das Wiederansiedlungs-Programm begann 1990 und ist bislang eine Erfolgsgeschichte. Mittlerweile gibt es in der Schweiz elf Bartgeierpaare. Überwacht wird das Programm von der Stiftung «Pro Bartgeier».

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Markus Mathis, Wiesendangen
    Der Aufmacher mit dem Vergleich mit dem Bleifrei-Treibstoff gefällt mir als Chemiker nicht. Im Treibstoff befand sich das hochgiftige Blei-tetraäthyl, eine metallorganische Verbindung. Diese verhält sich toxikologisch völlig anders wie das metallische Blei, welches praktisch unlöslich ist - es widersteht sowohl Schwefelsäure wie Salzsäure. Im Magen eines Greifvogels können Belisplitter aber wahrscheinlich doch durch Abrieb in staubfeine Partikel sich ganz langsam auflösen und ins Blut übergehen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Gunnar Leinemann, Teuffenthal
    Man sollte meinen, ein Wechsel auf bleifreie Munition wäre für die ach so naturliebenden Jagdgesellen selbstverständlich... zumindest in Deutschland liefen die Jäger allerdings Sturm, als man auf den 01.04.2013 in NRW Bleimunition verboten hatte. Wie es wohl in der Schweiz ist? Traditionell denkt man ja hier immer seehr zunkunftsgerichtet... Noch eine Zahl: In D werden pro Jahr 120 Tonnen Bleimunition auf der Jagd verballert!! Ein generelles Verbot muss her, aber schnell.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten