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Natur & Umwelt Volkszählung im Dschungel

Wie viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten gibt es? Niemand weiss das so genau. In einem internationalen Grossprojekt wurde nun die artenreichste Gruppe gezählt: Insekten und andere Kleinsttierchen im Regenwald.

Mit Hilfe eines Helikopters wird das 400 Quadratmeter grosse Baumwipfel-Floss auf die Baumkronen gelegt.
Legende: Das Baumwipfel-Floss: Mit einem Helikopter wurde das 400 Quadratmeter grosse Floss oben platziert – als Arbeitsfläche für die Insektensammler. Panacoco

Je kleiner die Tiere, desto grösser der Aufwand: Um die unzähligen Arten von Käfern, Schmetterlingen und übrigen Winzlingen im San-Lorenzo-Regenwald in Panama zu zählen, standen 102 Forscher im Einsatz. Ausserdem ein Kran, ein Heissluftballon – sowie ein aufblasbares Floss von 400 Quadratmetern. Das Floss schwamm nicht etwa auf dem Wasser, sondern auf den dichten Baumkronen.

«Das war sehr kompliziert», erzählt Philippe Cuénoud vom Naturhistorischen Museum in Genf, der an der Grossstudie beteiligt war. «Um das Floss auf dem Regenwald zu platzieren, brauchte es einen Helikopter. Und als wir dort waren, war der einzige geeignete Helikopter derjenige der Präsidentin von Panama.»

Köder, Lichtfallen und Nebelwerfer

Die Forscher klaubten einzelne Ameisen von Hand aus den Baumwipfeln, stellten Fallen mit Ködern und Licht auf und setzen gar Nebelwerfer ein, um die Flatter- und Krabbeltierchen aus ihren Verstecken zu locken. 130'000 so genannte Gliederfüsser – dazu gehören die Insekten, die Spinnentiere wie Milben und die Tausendfüsser – sammelten die Forscher schliesslich im Regenwald. Sie schickten die Tierchen zur Analyse an Spezialisten in aller Welt. «Durch diese Zusammenarbeit konnten wir erstmals alle Typen von Gliederfüssern in einem Regenwald bestimmen», sagt Tomas Roslin von der Universität Helsinki.

Das Resultat, das diese Woche im Fachblatt «Science» veröffentlicht wurde: In einer halben Hektare Wald haben die Forscher 6'000 verschiedene Arten gefunden. Der grösste Teil davon – nämlich zwei von drei Arten – sind noch nie zuvor bestimmt worden, tragen also noch keine Namen. Hochgerechnet auf die ganze Welt vermuten die Forscher insgesamt gegen sechs Millionen Arten tropischer Gliederfüsser, auch Arthropoden genannt.

Unerlässliche Helfer im Ökosystem

Da die Forscher auch Pflanzen bestimmten, konnten sie feststellen, dass die Zahl der Pflanzen und die Zahl der Gliederfüsser in einem Zusammenhang stehen: «Auf jede Pflanzenart im Regenwald kommen 20 Gliederfüsser-Arten», sagt Expeditionsleiter Yves Basset vom Smithosonian Tropical Research Institute in Panama. Das mache es zukünftig einfach abzuschätzen, welche Teile eines Regenwaldes etwa eine hohe Vielfalt an Insekten aufweisen.

Obwohl die meisten Gliederfüsser klein und unscheinbar sind, spielen sie wichtige Rollen in den Ökosystemen. «Bei allen Prozessen in einem Wald sind die Gliederfüsser beteiligt», sagt Tomas Roslin. «Sie bauen totes Holz ab, sowie Blätter und Kot von grösseren Tiere, und sie bestäuben die Blumen und Bäume im Wald.» Aber braucht die Welt wirklich alle sechs Millionen Arten von Krabbeltieren? Thomas Roslin sagt dazu: «Von den allermeisten Gliederfüssern wissen wir noch nicht einmal, was ihre genaue Rolle ist. Zu sagen, eine davon sei überflüssig, wäre wohl vermessen.»