Eine Kunst für sich: Das Züchten des Schweizer Nationalpferdes

Was macht einen guten Freiberger aus? Der Schweizerische Freibergerverband hat ein Zuchtziel definiert. Doch die Zukunft der Rasse liegt vor allem in den Händen der Züchter. Beim «Feldtest» im Emmental sollen junge Pferde zeigen, dass sie besonders edle Vertreter ihrer Art sind – so auch Lolita.

Junge Stute am Wagen.

Bildlegende: Lolita von Wartenstein beim Feldtest in Sumiswald: In der Teilprüfung «Fahren» erzielt die junge Stute an der Hand ihres Züchters Roland Kathriner Bestnoten. Karin Rohrer

Heute hat Lolita von Wartenstein ihren ersten grossen Auftritt. Mit ihrem Züchter Roland Kathriner ist die junge Freiberger-Stute nach Sumiswald im Unteremmental gereist. Drei Jahre lang führte sie auf dem Hof ihres Luzerner Züchters ein unbeschwertes Kinderleben. Doch heute, am 10. April 2015, soll sie am Feldtest in drei Prüfungen zeigen, dass sie eine besondere Vertreterin ihrer Rasse ist.

«Ein ausdrucksvolles, rassetypisches, mittelrahmiges, korrektes, leistungsstarkes, umgängliches und marktgerechtes Pferd» mit hervorragendem Charakter – so lautet das Zuchtziel des Freibergers. Er ist das letzte ursprüngliche Schweizer Pferd, und der Feldtest gilt als sein Gütesiegel. Wer alle Prüfungen besteht, darf in der Zucht eingesetzt werden.

Kathriner hat schon etliche Stuten durch den Feldtest gebracht. Doch in Lolita setzt er grosse Hoffnungen: Erreicht sie heute eine besonders hohe Punktzahl, qualifiziert sie sich für das «FM National», den jährlichen Sport- und Zuchtfinal des Schweizer Nationalgestüts in Avenches. Die Besten werden dort zu «Elitestuten» gekürt. Für Lolita und ihre Nachfahren wäre diese Auszeichnung ein ausserordentliches Prädikat – ihrem Besitzer bringt sie vor allem Renommee.

Die gute Abstammung – mit blossem Auge erkennbar

Auch der Züchter, der Lolita als Fohlen an Kathriner verkauft hatte, ist zur Reithalle in Sumiswald gekommen. Er will sehen, wie sich sein Spross bei der grossen Prüfung schlägt. Nach der zweiten Teilprüfung schaut er dem Punktrichter über die Schulter und erspäht das Resultat – nur knapp vorbei an der Höchstpunktzahl. Mit der Entwicklung der Stute ist er sichtlich zufrieden: In ihren runden, «raumgreifenden» Bewegungen meint er sogar Népal, den berühmten Vater von Lolitas Mutter, zu erkennen.

Népal ist ein Vorzeige-Freiberger, der dem Schweizer Nationalgestüt gehört. Er wurde als bester Hengst seines Jahrgangs ausgezeichnet, und auch seine Nachfahren sind hochprämiert. Bei Züchtern ist er sehr begehrt. Denn in der Theorie ist die Rechnung einfach: Hervorragendes Genmaterial gepaart mit einer hervorragenden Ausbildung ergibt hervorragende Zuchtergebnisse.

Die Rasse hat sich verändert

Doch die Ansprüche von Pferdehaltern an die Freiberger-Rasse haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Wurden «Fribis» früher in der Landwirtschaft oder im Militär eingesetzt, sind sie heute vor allem Freizeitpferde. Und da das Pferd für diese Zwecke nicht nur einen ausgezeichneten Charakter braucht, sondern auch sportlich sein sollte, unternahm der Zuchtverband immer wieder Versuche, die Rasse durch gezielte «Einkreuzungen» zu veredeln.

Freiberger-Hengst Népal

Bildlegende: Der Vater von Lolitas Mutter: Népals Gene sind bei Züchtern sehr beliebt. Wikipedia

Anfang der 1990er-Jahre entschied man sich dazu, ausgewählte Freiberger-Stuten von zwei Hengsten einer leichteren und temperamentvolleren Warmblut-Rasse decken zu lassen. Einer dieser Hengste war der Vater von Népal. Seither wurden keine Versuche mehr unternommen, die Rasse durch Fremdblut zu verbessern. Zum Schutze ihrer Reinheit sind die Freiberger seit 1998 eine geschlossene Population – doch das bringt auch Nachteile.

Da es nur rund 20‘000 Freiberger in der Schweiz gibt, besteht die Gefahr, dass die Inzucht die Gene des Nationalpferdes nachhaltig schädigt. Deshalb wurde jüngst über weitere Einkreuzungen von Fremdblut diskutiert. Kritiker warnen jedoch, dass damit allein das Inzuchtproblem nicht gelöst wäre. Denn: Eine erfolgreiche Einkreuzung hätte zur Konsequenz, dass viele Züchter den neuen Hengst und seine Nachfahren zum Decken ihrer Stuten auswählen würden. Das zeigt auch das Beispiel von Népal: Seine Linie gehört heute zu den drei dominantesten Zuchtrichtungen.

Fohlen aus dem Computer

Um die Inzuchtproblematik unter Kontrolle zu bekommen, hat das Nationalgestüt die Software «virtuelles Fohlen» entwickelt. Seit 2011 steht es Züchtern zur Verfügung und berechnet für jede beliebige Freiberger-Stute, die im Herdebuch verzeichnet ist, wie gut ihre Kinder mit jedem beliebigen Freiberger-Hengst werden.

Screenshot des Zucht-Tools

Bildlegende: «Virtuelles Fohlen»: Mithilfe dieser Software könnte die Freiberger-Rasse optimiert werden. Agroscope

Das Programm kennt die Stammbäume aller eingetragenen Freiberger und rechnet für alle Hengst-Stute-Kombinationen den Inzuchtgrad aus. Ausserdem prognostiziert es das erwartete Äussere der Nachfahren, sowie ihre erwartete Leistungsfähigkeit als genügsames Reit- und Zugtier. Durch gezielte Anpaarungen, so die Idee, könnte die Freiberger Rasse optimiert werden.

Züchter setzen auf Erfahrung

Auch Roland Kathriner hat sich virtuelle Fohlen ausrechnen lassen – wenn auch nur aus Neugier. Denn seine Fohlen waren zu diesen Zeitpunkten schon unterwegs. Nun ist er gespannt, wie viel sie mit den berechneten Tieren gemeinsam haben werden. Dass er die Software als Ratgeber in Sachen Paarung benutzen würde, schliesst der Züchter aus. Er entscheidet lieber selbst, welche Hengste seine Stuten decken sollen. Gewisse Linien würden einfach besser zusammenpassen als andere: «Das weiss man aus Erfahrung.»

Mit Lolita scheint er eine wirklich gute Zuchtkombination gefunden und sie optimal aufgezogen zu haben: Heute erhält das elegante Tier fast ausschliesslich Bestnoten, und muss sich am Ende nur knapp der Siegerstute Fauna geschlagen geben – lediglich im Reiten war ihr die Siegerstute einen Hauch überlegen. Über Lolitas gutes Abschneiden ist ihr Züchter sehr glücklich. Überrascht habe es ihn aber nicht: «Ich habe ja schon vor dem Feldtest gesehen, dass Lolli ein gutes Pferd ist.»

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Die Prüfung

Lolita mit Kutsche

Kathriner und seine Assistentin Céline Erni (auf Lolita) vor der Reitprüfung Karin Rohrer

Zum Feldtest treten dreijährige Stuten und Wallache an. Jedes Pferd muss drei Teilprüfungen ablegen: Zuerst werden sein Äusseres und sein Gang in Schritt und Trab benotet, dann die Fähigkeiten im «Fahren» am Pferdewagen. Die letzte Prüfung ist das «Reiten». Das «Extérieur» und die Gänge zählen zusammen 30, das Fahren und Reiten jeweils 35 Prozent.

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