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Reisetagebuch Alaska Dienstag, 21. Mai – Immer noch kein Bär, nirgends

Ganz zum Schuss versuche ich es noch einmal: Ich will unbedingt einen Bären sehen. Wenn schon keinen Eisbären, dann doch wenigstens einen Grizzly. In der Stadt streunen sie um die Mülltonnen, weil sie dort wahre Leckerbissen finden. Also mache ich mich mit einem Wildhüter auf die Suche.

Ein Grizzly-Bär läuft an einem Stapel blauer Fässer vorbei.
Legende: Ein Grizzly-Bär wandert durch die Stadt: Leider ist das Bild nicht von mir, ich habe keinen einzigen Bären gesehen. Es entstand in Deadhorse. Keystone

Heute ist früh Tagwache. Um sechs Uhr treffe ich Rick Sinnott, pensionerter Wildhüter von Anchorage. Vor meiner Reise nach Alaska habe ich on-line einen Artikel von ihm gelesen: Er handelte von Bären, die in der Stadt leben und sich über die Abfalltonnen der Leute hermachen. Bären in der Stadt? Zumal nicht nur die kleineren Schwarzbären, sondern auch Grizzlies – das möchte ich sehen.

Zusammen fahren wir in Sinnotts Auto die Quartiere ab, in denen heute der Müll abgeholt wird. Man muss sich den Grossteil der Stadt nicht als engbebaute Betonwüste vorstellen, eher als eine ausgedehnte Ansammlung von Einfamilienhäusern inmitten von Bäumen und Parks. Vor den Häusern stehen die Tonnen oder Säcke. Eine Versuchung für die 60 bis 100 Bären, die Sinnott in der Stadt vermutet.

Ein Elch steht vor einem Geschäft in Anchorage.
Legende: Alltag in Anchorage: Ein Elch stöbert durch Müll, der am Strassenrand liegt. Keystone

Aber weder finden wir umgestossene, geplünderte Tonnen, noch die Bären selbst. Immerhin sehen wir einen Schneehasen und einen jungen Elch. Sinnott sagt, dass die meisten Bewohner der Stadt die tierischen Bewohner akzeptieren, gar mögen. Aber es gibt auch Stimmen, die ihre Ausrottung verlangen, besonders dann, wenn es wieder einmal zu einem Unfall gekommen ist.

Das passiert erstaunlich selten, etwa zwei Menschen wurden in den letzten 20 Jahren in Anchorage von Bären getötet. Etwa dreimal kam es zu ernsteren Verletzungen. Vor allem, wenn Menschen eine Bärenmutter mit ihren Jungen überraschen. Zwei Tote gehen aufs Konto der Elche. Auch in diesem Fall verteidigten Mütter ihre Jungen, erzählt Sinnott. Ein Hund fiel einem Biber zum Opfer, als er in einem See der Stadt schwimmen ging. Der Biber attackierte den Hund und riss ihm die Eingeweide aus dem Bauch. Ein Einzelfall. Viel häufiger aber komme es vor, dass die Bären in den Gärten der Häuser ein Elchkalb rissen.

Das Leben tobt in Anchorage. Nur, einen Bären bekomme ich auch heute nicht zu sehen. Es ist anscheinend Zeit, nach Hause zu gehen.

Heute Abend geht mein Flug.

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Braunbären lieben Müllcontainer – und manchmal kommen sie nicht mehr hinaus

2 Kommentare

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  • Kommentar von Sea Shepherd, Meer
    Viele interessante Artikel, Herr Häusler. Könnte noch stunden weiterlesen. Wie stehen Sie persönlich eigentlich zur brutalen Waljagd? Und wie stehen die Leute in Alaska dazu? Freundliche Grüsse.
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    1. Antwort von Thomas Häusler
      Man sollte zwischen industriellem und traditionellem Walfang unterscheiden. Die Inupiat in Alaska betreiben Walfang, wie ihn ihre Vorfahren über Jahrhunderte gemacht haben. Ohne hätten sie wohl nicht überlebt. Natürlich nutzen die Inupiat heute auch moderne Mittel, aber vieles geht auf die alten Traditionen zurück. In der Frühlingssaison nutzen sie etwa Ruderboote, um die Wale zu verfolgen. Die Jagd hat in ihrer Kultur eine tiefe Bedeutung, aber auch wirtschaftlich ist sie für viele Bewohner der Arktis nach wie vor wichtig. Die traditionelle Waljagd ist von der International Whaling Commission IWC streng reglementiert. Es gibt Fangquoten, damit die Bestände nicht gefährdet werden. Dies wird kontrolliert. Insofern sollte man diese Lebensweise meiner Meinung nach respektieren. Natürlich kann man dies aus ethischen Überlegungen auch anders sehen.
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