Unser heimlicher Strippenzieher

Der Mond ist nicht bloss ein unauffälliger Begleiter der Erde. Er übt Einfluss aus auf unseren Planeten, gut sichtbar an den Meeresküsten. Wasserstandsschwankungen von mehr als zehn Metern bei Ebbe und Flut geben eine Vorstellung von seiner Kraft.

Der abnehmende Mond senkt sich am Donnerstag, 12. Januar 2012, im fahlen Morgenlicht hinter dem Skitourengipfel der 1858 Meter hohen Zweierspitze oberhalb Untervaz im Churer Rheintal.

Bildlegende: Treuer Begleiter der Erde: Der Mond beeinflusst das Leben auf der Erde, seit es ihn gibt. Keystone

Vor bald 4,5 Milliarden Jahren ist der Erdtrabant entstanden. Damals drehte sich die Erde noch viel schneller um ihre eigene Achse. Ein Tag dauerte wahrscheinlich etwa acht Stunden – vier Stunden war es hell, dann vier Stunden Nacht. Erst seit der Mond um die Erde kreist, veränderte sich dieser Rhythmus.

Vögel fliegen über das Wattenmeer

Bildlegende: Ebbe in der Nordsee: Im Wattenmeer ist der Einfluss der Gezeiten besonders stark. Keystone

Mit seiner Gezeitenkraft zerrt der Mond dauernd an der Erde, was die Erdrotation abbremst, auch heute noch. Die Verlangsamung ist zwar minim, es geht um ein paar Tausendstel Sekunden pro Jahrhundert. Doch über die Jahrmilliarden hinweg summiert sich dies auf, so dass der einstige Achtstundentag zum heutigen 24-Stunden-Tag angewachsen ist. Die Erde dreht sich also immer langsamer wegen dem Mond.

Der Mond gibt der Erde Halt

Auch dreht sie sich sehr ruhig. Die Erdachse wackelt nicht, oder kaum. Sie steht konstant um ungefähr 23,5 Grad geneigt gegenüber der Sonne im Raum. Über lange Zeiträume gesehen pendelt die Erdachse bloss um plus minus ein Grad hin und her. Verantwortlich für diese stabile Position sind grosse Himmelskörper wie die Sonne, Jupiter und Saturn. Sie stabilisieren mit ihrer Anziehungskraft die Erdachse.

Noch ausgeprägter gilt das sogar für den Erdmond. Er ist zwar viel kleiner als Sonne, Jupiter und Saturn, aber er steht der Erde viel näher. Weil die Anziehungskraft zwischen zwei Körpern stärker von ihrem Abstand abhängt als von ihrer Grösse (beziehungsweise ihrer Masse), zieht der Mond die Erde stärker an als die Riesen in unserem Sonnensystem.

Klima-Wechselbad

Der kleine Mond gibt der Erde also Halt. Die Stabilität der Erdachse wiederum ist ein Muss fürs heutige stabile Klima auf der Erde. Ältere Berechnungen haben gezeigt, dass die Erdachse ohne den stabilisierenden Effekt des Mondes über längere Zeiträume hinweg wild hin und her pendeln würde zwischen Neigungen von 0 Grad und 85 Grad.

Fürs Klima hiesse das: Mal würde der ganze Globus von den Polen her zufrieren, dann wiederum wäre es in Mitteleuropa im Sommer 60 Grad heiss, im Winter minus 50 Grad kalt, und monatelang ginge die Sonne nicht unter.

Der blaue Planet menschenleer?

Ein lebensfeindliches Klima wäre das – eines, das den blauen Planeten heute menschenleer liesse, so die früheren Forschungsarbeiten. Das allerdings sei übertrieben, kommen neuere Studien zum Schluss. Der Mond stabilisiere unser Klima weniger stark beziehungsweise die grossen Planeten stabilisieren die Erdachse stärker als bisher angenommen. Daher sagen Wissenschaftler wie Astronom Thomas Schildknecht von der Universität Bern heute: «Ohne den Mond wäre Leben auf der Erde wohl dennoch möglich, aber die Erdachse würde sich mehr bewegen als heute. Das Klima würde extremer schwanken, und die Entwicklung von Leben, inklusive intelligentem Leben, wäre stark erschwert».

Auf uns selbst gemünzt heisst das: Menschen hätten sich vermutlich auch ohne einen Mond am Himmel entwickeln können. Doch es ist fraglich, wie weit diese Entwicklung gegangen wäre. Unsere heutige Zivilisation hätte es so wohl nicht gegeben.

Gezeitentümpel mit Seesternen.

Bildlegende: Gezeitentümpel auf Gabriola Island, Kanada: In solchen Tümpeln könnte erste DNA entstanden sein. Wikipedia/Clayoquot

Erstes Leben in Gezeitentümpeln

Der Mond ist noch in anderer Hinsicht wichtig für die Entstehung von Leben auf der Erde. Vor nicht ganz vier Milliarden Jahren, als es die Ozeane schon gab, war der Mond der Erde noch viel näher. Die Gezeiten der Meere waren daher stärker als heute. Die Küsten dehnten sich bis weit ins Festland aus, breite Landstriche waren abwechselnd mal überflutet, und dann bei Ebbe wieder trocken. «In solchen Nischenbereichen, so denkt man heute, könnte das ganz primitive, ursprüngliche Leben entstanden sein», so Thomas Schildknecht.

Die Gezeitentümpel der Küsten könnten die zur Entstehung von Leben nötige chemische Konzentration gehabt haben. Und wegen der wechselnden Salzkonzentration können sich in solchen Tümpeln Biomolekülen wie die Erbsubstanz DNA besonders gut vermehren, haben Forschungen gezeigt.

Der bleiche Mond ist also vielleicht ein Lebensstifter. Sicher aber hat er unser Klima und damit unsere Ökosysteme lebensfreundlicher gemacht als es ohne Mond der Fall wäre.

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