Computer-Handel: Wettlauf an den Börsen

An den Börsen regieren heute die Computer. Sie entscheiden über Kauf und Verkauf, und zwar rasend schnell: Pro Minute können sie Millionen von Transaktionen abwickeln. Das ist sehr effizient, aber der Hochgeschwindigkeitshandel hat auch eine Schattenseite. Er gefährdet die Stabilität der Börsen.

Es war der 6. Mai 2010. In New York sah alles nach einem normalen Handelstag aus. Aber dann tauschten die Kurse plötzlich nach unten. So rasch, dass die Börsen schliesslich den Stecker zogen. Sie setzten den Handel für ein paar Sekunden aus. Danach schnellten die Kurse sofort wieder nach oben. Als ob nichts gewesen wäre.

Dieser seltsame Börsenabsturz, der sogenannte «Flash Crash», war ein Weckruf für die Behörden und die Öffentlichkeit. Er zeigte zum ersten Mal deutlich auf, welche Gefahren der automatisierte Handel birgt. Was passieren kann, wenn Computer Amok laufen.

Hohes Tempo, hohes Volumen

Plötzlich war der Begriff «Hochfrequenzhandel» in aller Munde. Man versteht darunter Handelsstrategien, die nicht langfristig ausgerichtet sind, sondern bei denen Wertpapiere gekauft und fast sofort wieder verkauft werden.

Eine Anzeigetafel bei der Schweizer Börse in Zürich.

Bildlegende: Hochautomatisiert: Ein grosser Teil des Börsenhandels läuft heute über ultraschnelle Computer Keystone

Zum Beispiel die sogenannte Arbitrage. Dabei durchsuchen die Computer mit speziellen Programmen alle Aktien, die an verschiedenen Börsen gehandelt werden. Ihr Ziel: kleine Preisdifferenzen. Werden sie fündig, dann schlagen sie zu. «Man kauft billig an einer Börse, verkauft gleichzeitig ein bisschen teurer an einer anderen Börse und profitiert von der Spanne», erklärt Dietmar Maringer, Wirtschaftswissenschafter von der Universität Basel. Gewinn machen dabei nur die Schnellsten; danach gleichen sich die Preise an.

Pro Transaktion verdienen die Hochfrequenzhändler wenig. Aber weil sie so viele Abschlüsse pro Tag machen, kommt einiges an Gewinnen zusammen. Wie viel genau, das ist nicht bekannt. Die Branche ist verschwiegen. Doch es muss sich lohnen, sonst hätte der Hochfrequenzhandel nicht so enorm an Bedeutung gewonnen. Er ist für die Börsen mittlerweile ein wichtiges Geschäft, sagt Miroslav Budimir von der Deutschen Börse: «Bei uns gehen etwa 40 Prozent des Handels aufs Konto der Hochfrequenzhändler».

Möglich wurde das dank immer schnelleren Computern und schnelleren Kabelverbindungen. An den Börsen ist ein Wettrennen im Gang. Jede Börse will die schnellste sein. Mit jeder technischen Neuerung legt die Geschwindigkeit wieder einen Zacken zu. Heute dauert eine Transaktion nur noch 40 bis 400 Mikrosekunden, also weniger als eine halbe Millisekunde.

Aufsichtsbehörden in Zugzwang

Der ultraschnelle Handel hat für die Börsen klare Vorteile. Er bringt Liquidität, er ist wie Schmieröl fürs Getriebe. Manchmal aber laufen die Computer Amok, so wie beim «Flash Crash» 2010. «Ihre Programme schaukeln sich gegenseitig hoch, und dann geben sie Wertpapiere weiter wie eine heisse Kartoffel», sagt Maringer. So reissen sie einzelne Wertpapiere oder gleich ganze Börsen in den Abgrund.

Die Schweizer Börse in Zürich von aussen.

Bildlegende: Zeit des Wandels: 1995 bezog die Schweizer Börse ihr Gebäude in Zürich, 1996 wurde auf den elektronischen Handel umgestellt. Keystone

Für solche Situationen haben die Börsen eine Art «Notfall-Schalter» eingerichtet, erzählt Miroslav Budimir von der Deutschen Börse. Im Wesentlichen ist das wiederum ein Computerprogramm, das reagiert, wenn Kurse zu stark von den Erwartungen abweichen. Der Computer unterbricht dann den Handel mit einzelnen Titeln oder gleich mit allen. Doch diese Massnahme allein geht den Regulierungsbehörden nicht weit genug. Sie wollen die Hochfrequenzhändler zügeln, mit neuen Regeln.

In Deutschland ist diesen Frühling bereits ein neues Gesetz in Kraft getreten, das die Hochfrequenzhändler erstmals der Finanzaufsicht Bafin unterstellt. Verstösse gegen das Gesetz werden als Marktmanipulation betrachtet. In der EU werden die Regeln für den Hochfrequenzhandel derzeit ebenfalls neu geschrieben.

Ob das den Geschwindigkeitrausch an den Börsen bremsen kann, ist allerdings nicht sicher. Das weltweite Börsensystem ist mittlerweile hochkomplex. Für die Behörden stellt sich die Frage: Wo genau sollen wir die Schrauben ansetzen, ohne neue Probleme zu schaffen? Denn die Hochfrequenzhändler haben bisher noch immer neue Tricks gefunden, schnelle Gewinne zu machen.

Buchtipp

«Dark Pools: The Rise of the Machine Traders and the Rigging of the U.S. Stock Market», Scott Patterson 2013

Sendung zu diesem Artikel