Früher war es auch nicht leiser

Wie oft beschweren wir uns, unsere Welt sei laut geworden? Doch das Gegenteil ist der Fall: Während der Industrialisierung im 18. Jahrhundert war es in den Städten noch viel lauter. Damals war der Lärm aber sehr willkommen.

Wo viele Menschen leben, ist viel Lärm. Bereits in der Antike beschwerten sich die Menschen darüber. Laut muss es gewesen sein im Alten Rom, als die Pferdefuhrwerke mit ihren eisenbeschlagenen Rädern über das holprige Pflaster donnerten. Der Güterverkehr musste nachts abgewickelt werden weil tagsüber in den Gassen kein Durchkommen war. So manch ein Einwohner der antiken Millionenstadt wurde wohl so um seinen Schlaf gebracht.

Ausser in den wenigen grossen Städten, waren laute Geräusche jedoch nicht sehr verbreitet. Mit der einsetzenden Industrialisierung im 18. Jahrhundert sollte sich das aber grundlegend ändern. Grosse und laute Maschinen wurden gebaut. Spinnereien stampften und ratterten, Dampfmaschinen zischten und pfiffen. Allesamt sorgten sie für eine laute Geräuschkulisse. Diese war aber hoch willkommen damals.

Lärm ist gut

Jan-Friedrich Missfelder

Bildlegende: Historiker Jan-Friedrich Missfelder Florian Aicher

«Industrielärm wurde zu Beginn der industriellen Revolution als ein Zeichen von zivilisatorischem Fortschritt empfunden», sagt der Historiker Jan-Friedrich Missfelder von der Universität Zürich. «Ein amerikanischer Reisender schrieb von seinem Aufenthalt in der Schweiz, Anfang des 19. Jahrhunderts, wie schön er das Klappern und Brummen der Webmaschinen empfunden habe», erzählt Jan-Friedrich Missfelder weiter. «In seinem ländlichen Amerika vermisste er genau dieses ‹Brummen des Fortschritts› und betrachtete seine Heimat deshalb als rückständig».

Es wird zuviel

Mit dem rasanten Anwachsen der Städte und der Bevölkerung im späteren 19. Jahrhundert setzt aber ein Umdenken ein. Die Menschen fühlen sich zunehmend belästigt von Geräuschen. «Aus dieser Zeit stammt auch unser heutiges Lärmbewusstsein», sagt Jan-Friedrich Missfelder, der sich spezialisiert hat auf die Erforschung von Geräuschkulissen von früher. Die Geräusche der Industrie werden damals nicht mehr einfach nur als positiv empfunden und der stark zunehmende Verkehr wird auch immer mehr zur Belastung.

Und dies trotz neuer Technologien. Die Erfindung des Gummireifens Mitte des 19. Jahrhunders machte den Kutschenverkehr zwar deutlich leiser, aber durch die Erfindung des Motorwagens kam schnell wieder eine neue Lärmquelle hinzu.

Jeder Sechste in der Schweiz von Lärm betroffen

Heute sind in der Schweiz gemäss Schätzungen des Bundesamtes für Umwelt 1,3 Millionen Menschen übermässigem Lärm ausgesetzt. Hauptverursacher des Lärms ist der Verkehr, insbesondere der Strassenverkehr.
Vor allem in städtischen Umgebungen könnten moderne Mobilitätstechnologien wie Elektrofahrzeuge zu einer geringeren Lärmbelastung beitragen. Nur: Hierbei stellen sich neue, unerwartete Probleme. Elektroautos oder auch -velos sind so leise, dass sie zur Gefahr für Fussgänger werden können. Sie sind so geräuscharm, dass man sie nicht mehr kommen hört. Bereits müssen solche Fahrzeuge deshalb wieder künstlich lauter gemacht werden, als sie eigentlich sind.

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