Aufrüsten gegen Chemie im Wasser

Rückstände aus Medikamenten und anderen Mikroschadstoffen gelangen heute praktisch ungefiltert durch die Kläranlagen in Flüsse und Seen. Zusätzliche Reinigungsstufen sollen dies künftig verhindern. Die erste Kläranlage, die nun aufgerüstet wird, steht in Dübendorf.

Luftbildaufnahme von der ARA Neugut in Dübendorf.

Bildlegende: Pilotstandort für Abwasserreinigung mit Ozon: Die ARA Neugut in Dübendorf. ARA Neugut

Früher belasteten Düngemittel unsere natürlichen Gewässer, heute sind es die so genannten Spurenstoffe. Diese Chemikalien stammen aus Antibabypillen und Medikamenten, aus Pestiziden, Flammschutzmitteln oder Kosmetika. In den heutigen Kläranlagen lassen sich die Spurenstoffe kaum herausfiltern. Sie kommen im Abwasser in minimsten Konzentrationen vor.

Dennoch beeinträchtigen solche Stoffe die Wasserlebewesen nachweislich: Männlichen Fischen wachsen deswegen Eizellen in den Hoden; Wasserschnecken vermännlichen, manche Amphibien wachsen zu langsam oder sterben.

Pilot-ARA mit einer Ozon-Anlage

Der Bundesrat möchte daher von den 700 Kläranlagen in der Schweiz rund 100 besonders belastete Anlagen mit zusätzlichen Reinigungsstufen versehen. Als erste dieser Abwasserreinigungsanlagen (ARA) wird die Anlage Neugut in Dübendorf aufgerüstet. In einer Halle errichten Bauarbeiter dort zurzeit eine Ozon-Anlage.

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Bildlegende: Blick auf den Beckenboden: Das Ozon wird durch kleine Löcher in Keramik-Tellern ins Abwasser geblasen und steigt dann im Becken auf. ARA Neugut

«Eigentlich ist das einfach ein Betonbecken mit mehreren Kammern, durch die wir das Abwasser leiten», sagt Michael Thomann, der verantwortliche Ingenieur. Das Besondere an diesem Becken: «Man gibt Ozon ins Abwasser. Dieses Gas reagiert mit den Spurenstoffen im Wasser, es verwandelt sie in neue, nicht mehr problematische Stoffe.»

Nebst dem Ozon soll künftig eine zweite Technik zum Einsatz kommen, die etwa gleich wirksam ist: der Aktivkohle-Filter. Pulver-Aktivkohle soll also die Chemie aus dem Abwasser holen. Die winzigen Spurenstoffe lagern sich nämlich mit Vorliebe an die Kohlepartikel im Abwasser an. So können sie in Kläranlagen zusammen mit den Kohlekörnern beseitigt werden.

80 Prozent der Giftstoffe bleiben hängen

Aktivkohlefilter und Ozonbehandlung sind nichts Neues; beide Verfahren sind aus der Trinkwasser-Aufbereitung bekannt. Nun kommen sie aber erstmals in der Schweiz zur Reinigung von Abwasser zum Einsatz – von Wasser also, in dem mehr Schmutz schwimmt als im Trinkwasser. Trotzdem funktioniert die Technik offenbar.

Das hätten zwei einjährige Versuche gezeigt, sagt Hansruedi Siegrist, Forscher an der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag). Das Ergebnis dieser Versuche: Rund 80 Prozent der gemessenen Spurenstoffe lassen sich mit Aktivkohle und Ozon beseitigen.

Die Schweiz als Vorreiter in Europa

Der Chemiecocktail im Abwasser sollte also künftig grösstenteils in den Kläranlagen hängenbleiben. Allerdings muss das Parlament die Finanzierung der 100 aufzurüstenden Kläranlagen noch bewilligen. Die veranschlagten 1,2 Milliarden Franken sollen über die Abwassergebühren abgegolten werden.

Die Gebührenerhöhung dürfte pro Person und Jahr etwa in der Höhe eines Kino-Eintritts liegen, meint Hansruedi Siegrist, «für dieses Geld hätten wir in der Schweiz dafür so saubere Flüsse und Seen wie wenige andere Länder Europas». Nicht abhängig vom Entscheid des Parlaments ist die ARA Neugut: Sie ist von der Stadt Dübendorf und dem Kanton Zürich vorfinanziert. Ab Anfang 2014 soll die dortige Ozon-Anlage laufen.

Der Ozongenerator erzeugt das notwendige Ozon aus Flüssigsauerstoff.

Bildlegende: Hightech für sauberes Wasser: Das notwendige Ozon stellt ein Generator aus Flüssigsauerstoff her. ARA Neugut

Derweil tüfteln die Abwasserspezialisten der Eawag an der idealen Dosierung des Ozons wie auch der Aktivkohle. Keine Nebensächlichkeit, denn die neuen Reinigungsverfahren sind energieaufwändig. Nur wenn möglichst wenig Ozon und Kohlepulver verwendet wird, stimmt die Energiebilanz.